Sopranistin Christiane Linke brillierte zusammen mit dem Johann-Strauß-Orchester Frankfurt beim Neujahrskonzert im Forum Friedrichsdorf.
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Sopranistin Christiane Linke brillierte zusammen mit dem Johann-Strauß-Orchester Frankfurt beim Neujahrskonzert im Forum Friedrichsdorf.

Fulminantes Neujahrskonzert

Wenn das Cello in Friedrichsdorf eine Pirouette dreht

  • Christiane Paiement-Gensrich
    VonChristiane Paiement-Gensrich
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Johann-Strauß-Orchester Frankfurt präsentiert im Forum Friedrichsdorf Walzer und Filmmusik zum Start ins neue Jahr

Friedrichsdorf -Der Sonnenaufgang pendelte zwischen Dur und Moll. Zuvor noch erklang ein elegisches Cello-Solo an die ausklingende Nacht. Später dann folgten, zur Würze, ein paar Takte Marschmusik. Die Ouvertüre "Ein Morgen, ein Mittag und ein Abend in Wien" von Franz von Suppé war der fulminante Auftakt des Neujahrskonzerts des Johann-Strauß-Orchesters Frankfurt am Samstagabend im Forum Friedrichsdorf.

Die Vorstellung war ausverkauft. Pandemie-bedingt durften nicht mehr als 100 Gäste in den großen Saal, alle geimpft oder genesen. Maskenpflicht herrschte auch am Platz. Aber immerhin konnte das Konzert diesmal stattfinden. Vor einem Jahr noch waren, wegen Corona, alle Kulturveranstaltungen abgesagt worden. Dirigent und Moderator Witolf Werner kommentierte das so: "Das Jahrtausend könnte sich jetzt langsam mal benehmen und endlich erwachsen werden."

Aber nun war es Zeit, die schwierigen Monate und die teils schockierenden Nachrichten für zwei Stunden zu vergessen und sich von Walzerseligkeit umfangen zu lassen. Dafür war Sopranistin Christiane Linke im eleganten bordeauxroten Abendkleid auf die Bühne getreten. Hinreißend sang sie mit ihrer schönen vollen Stimme: "Meine Lippen, sie küssen so heiß" aus der Operette "Giuditta" von Franz Lehár. Und von Werner erfuhren die Zuschauer später: "Küssen ist hygienischer und gesünder als Händeschütteln." Einen Schlankheitstipp hatte er auch noch auf Lager: "Sellerie hat negative Kalorien." Wer Sellerie esse, der verbrauche für dessen Verdauung mehr Kalorien, als das Gemüse mitbringe. Zusammen mit schwarzem Kaffee sei das ein wahres Wundermittel.

Ob er jemand im Saal überzeugt hat? Lieber eine Polka von Johann Strauß (Sohn), werden sich die meisten Gäste gedacht haben. Das Orchester spielte das Stück "Freikugeln" voller Verve. 1868 war es im Wiener Prater uraufgeführt worden, aus Anlass eines Schützenfestes. Und Werner sprach treffend von einer "gewissen Explosionswirkung".

Liebeskummer-Melancholie dagegen prägte die Arie "Spiel' mir das Lied von Glück und Treu'" aus der Operette "Die ungarische Hochzeit" von Nico Dostal. Christiane Linke trug nun ein zauberhaftes weißes Brautkleid, schmachtete den Geiger an und gestand: "Ich kann ja ohne dich nicht sein." Dann klagte sie Moll-dramatisch: "Er kehrt wohl nimmermehr zurück." Wen es beruhigt: Die Geschichte geht gut aus und die Operettenfigur Janka heiratet schließlich doch noch ihren Stefan.

Der Schlagzeuger gab alles

Zwischen Ballsaal-leicht schwingend und Militärparaden-Takt wechselte der Walzer "Bad'ner Mad'ln" des österreichisch-tschechischen Komponisten Karl Komzák. Bei den temperamentvollen "Klängen der Heimat", auch bekannt als Csardas, aus der Operette "Die Fledermaus" von Johann Strauss trug die Sopranistin Blau. Festlich und freudig überschäumend folgte der Marsch "Gruß aus Wien" von Robert Stolz.

Weiter ging es nach der Pause mit der Fox-Fanfare "Gonna Fly Now" von Bill Conti aus dem Film "Rocky" mit Sylvester Stallone. Denn nun standen Filmmusiken auf dem Programm. Die Trompeter hatten ihren großen Auftritt, und der Schlagzeuger gab alles. Für den Welthit "Somewhere Over The Rainbow" von Harold Arlen aus dem "Zauberer von Oz" trug Christiane Linke Rot, die Zuschauer applaudierten der schönen Sängerin für die gefühlvolle Darbietung und Werner quengelte: "Es freut mich, dass ihnen aufgefallen ist, dass Frau Linke ihre Kleider wechselt. Aber ist ihnen aufgefallen, dass ich ein anderes Tuch trage?" In der Tat war das Einsteck-Tüchlein des Dirigenten nun ebenfalls rot. Hatte natürlich jeder gemerkt. Vor dem schwungvollen Medley aus Ennio-Morricone-Stücken aus dem Gangster-Epos "Es war einmal in Amerika", verriet der Dirigent noch schnell die am häufigsten gezogenen Lottozahlen (6, 32, 49, 38, 26), ferner dass Händchenhalten mit dem Partner Schmerzen lindert und dass es einem Menschen nicht möglich ist, Angst zu haben, wenn er singt. "Versuchen sie es mal, wenn ein Einbrecher vor ihnen steht, man muss sich nur trauen." Ob er das selbst auch machen würde?

Sicher ist nur, dass Christiane Linke, im spektakulären schwarzen Glitzerkleid nun und mit durchsichtigem Schal um die Schultern die Titelmelodie "Speak Softly Love" von Nino Rota aus dem Mafia-Film "Der Pate" präsentierte, und zwar großartig. Später würde sie ein Kleid in Gold tragen und den charmanten Ohrwurm-Walzer "True Love" von Cole Porter aus "High Society" (Die oberen Zehntausend) vortragen. Vorher kam aber noch der Sirtaki von Mikis Theodorakis aus Alexis Sorbas. "Wie ging die Melodie nochmal?", fragte Werner nach den ersten Tönen, bis ein Zuschauer die nächsten Takte klatschte. Da legte das Orchester los, die Melodie wurde immer schneller, und die Zuschauer klatschten mit. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätten auch angefangen zu tanzen. Ein bisschen Lust dazu hatten sie schon. Mit dem River-Kwai-Marsch von Malcolm Arnold samt Pfeif-Einlage des Dirigenten ging das Konzert schmissig zu Ende, zumindest fast. Denn zum Vergnügen des Publikums folgten noch drei Zugaben: Christiane Linke präsentierte "Nella Fantasia" von Ennio Morricone. Bei der Tritsch-Tratsch-Polka ließ die Cellistin ihr Instrument eine übermütige Pirouette drehen, bevor sie darauf weiterspielte. Und zum Schluss gab es den Radetzky-Marsch. Stehende Ovationen waren der Dank des Publikums.

Christiane Paiement-Gensrich

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