Soziale Distanz spielt im Leben des Falken-Nachwuchses keine Rolle, vor allem kurz nach dem Schlüpfen. Was zählt ist allein Nestwärme. Und als Ruhekissen ist auch ein Ei geeignet. Ob daraus noch was schlüpft? Das fragt sich auch Toni Turanos Sohn Leonardo (linkes Bild), der zusammen mit seinem Vater über die nächste Flatterazzi-Generation wacht.
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Soziale Distanz spielt im Leben des Falken-Nachwuchses keine Rolle, vor allem kurz nach dem Schlüpfen. Was zählt ist allein Nestwärme. Und als Ruhekissen ist auch ein Ei geeignet. Ob daraus noch was schlüpft? Das fragt sich auch Toni Turanos Sohn Leonardo (linkes Bild), der zusammen mit seinem Vater über die nächste Flatterazzi-Generation wacht.

Greifvogel-Nest auf dem Balkon

Zurück im Friedrichsdorfer Hotel Falkonia

  • Klaus Späne
    VonKlaus Späne
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Als Stadt des Zwiebacks gilt Friedrichsdorf. Vielleicht sollte der Beiname geändert werden, denn ein Hochhaus im Dammwald entwickelt sich offenbar zur Anlauf- oder besser gesagt Anflugstation für Turmfalken.

Friedrichsdorf -Normalerweise könnte Toni Turano in dieser Jahreszeit seinen Balkon in vollen Zügen genießen. Den Blick vom neunten Stock aus über die Häuser der Stadt und den grünen Taunushang schweifen lassen, vielleicht mit einem Glas Wein den Sonnenuntergang begrüßen. Dolce vita im Frühsommer.

Dass hier der Konjunktiv verwendet wird, liegt an ein paar weiß-braunen Federbällchen, die sich im Blumenkasten am Balkongeländer aneinander drängen. Insgesamt fünf an der Zahl sind es beim ersten Besuch dieser Tage. Plus ein noch unversehrtes braun-weißes Ei. Alles auf der nackten Erde, abgeschirmt nur von einem halbhohen Buchsbaum und einer gen Westen ausgerichteten Metallplatte.

Das Konstrukt habe er als Schutz gegen Wind und Regen installiert, sagt Turano. Ein Klacks für ihn ist dieser kleine Service für seine gefiederten Besucher, schließlich arbeitet er als Schlosser bei einer Metallbaufirma.

Ort des Geschehens ist ein elfstöckiges Hochhaus im Dammwald, das sich ein Turmfalken-Pärchen als Domizil für ihre Familienplanung ausgesucht hat. Toni Turano, ein freundlicher Mann, dem man seine 64 Jahre nicht ansieht, seufzt. "Wieder zwei Monate, in denen mein Balkon weg ist." Und fast im selben Atemzug schießt er ein "das ist super" hinterher und lacht über das ganze Gesicht.

Toni Turano und seine Falken, das ist eine innige Beziehung, deren Grundstein im vorigen Jahr gelegt wurde. Damals hatte sich Falco tinnunculus, so die lateinische Artbezeichnung, zum ersten Mal bei ihm eingenistet. Fünf kleine "Flatterazzi" waren das Resultat. Turano hat sie vom Ei bis zum Ausflug begleitet, hat Videos gedreht und über 500 Fotos geschossen. Von seinem Wohnzimmer oder seinem Schlafzimmer aus, versteht sich. Turano nimmt Rücksicht auf seine Gäste.

Und nun die Rückkehr ins Hotel Falkonia. Plötzlich um Ostern herum seien sie da gewesen, berichtet Turano. Danach passierte erst mal nichts, bis dann das Weibchen vor etwa einem Monat die ersten Eier legte. Richtig rund geht's aber erst seit ein paar Tagen. Da schlüpfte ein Küken nach dem andern. Seither hat sich der Balkon in eine Falkenkinderstube verwandelt, in der ein ständiges Kommen und Fliegen herrscht.

Immer wieder, auch während des Gesprächs mit Turano, kommt einer der beiden Falken angeflogen. Im Schnabel oft eine tote Maus, für den Nachwuchs. Kurz im Balkonkasten zerteilt und in die gierigen Schnäbel gestopft, bevor der Jagdstress wieder von vorne losgeht. Dies oft unter den wachsamen Augen von Toni Turano, der das Treiben zusammen mit seinem zehnjährigen Sohn Leonardo aus dem Hintergrund verfolgt. Nicht nur das, das gesamte Haus nimmt begeistert Anteil an dem Geschehen im neunten OG. "Alle finden das toll, dass die Falken zurückgekehrt sind", sagt Turano.

Apropos zurückgekehrt. Das verblüfft ihn nach wie vor. "Wir haben hier um die 70 Balkone, und die suchen sich meinen heraus." Mag auch daran liegen, dass das Weibchen möglicherweise eine alte Bekannte ist. "Die hat vor mir überhaupt keine Angst", sagt Turano. Möglicherweise stamme sie aus dem Jahrgang 2020, erklärt er sich das weniger scheue Verhalten. Und wer weiß, vielleicht gewöhnt sich auch ihr Partner noch an den Gastgeber. Bis Mitte Juli, wenn die Jungen ausfliegen, ist dafür noch Zeit. Von Klaus Späne

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