Job auf dem Atlantik: Seit zweieinhalb Jahren gehört Yanis El-Haddad zur Crew von Kapitän José Miguel.
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Job auf dem Atlantik: Seit zweieinhalb Jahren gehört Yanis El-Haddad zur Crew von Kapitän José Miguel.

Wahlheimat La Gomera

Zwischen kanarischem Meerblick und Garniers Keller in Friedrichsdorf

  • Klaus Späne
    VonKlaus Späne
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Friedrichsdorfer könnten auf der Kanareninsel La Gomera überraschend auf Tuchfühlung mit der Heimat kommen

Valle Gran Rey/Friedrichsdorf - Mit gleichmäßigem Tuckern schaukelt das Schiff über die Wellen. Rechts davon zieht in Sichtweite die Küste von La Gomera vorbei mit ihren steil aufragenden Felsen und malerischen kleinen Buchten, links nur noch die ewige Weite des Atlantiks. Darüber ein strahlend blauer Himmel und Sonne satt.

Unterwegs mit der Yacht "Tina" an der wilden Westseite der zweitkleinsten Kanareninsel. Ziel der rund dreieinhalbstündigen Exkursion ist vor allem das Naturmonument "Los Órganos", übersetzt die Orgelpfeifen, eine spektakuläre Steinformation, die zu den Wahrzeichen des Eilands gehört. Und wer weiß, vielleicht gibt es unterwegs auch noch Wale oder Delfine zu sehen, die sich hier im Meer tummeln. Deutschland und das rund 3900 Kilometer entfernte Friedrichsdorf, sie sind in diesem Moment gefühlt Lichtjahre entfernt.

Dass es dabei nicht bleibt, liegt an Yanis, einem jungen Mann mit blondem Bart, blauen Augen, unverschämt braunem Teint und vor allem einer tiefenentspannten Ausstrahlung. Kein Wunder bei dem Job. Der 23-Jährige arbeitet als Whalewatching-Guide auf der "Tina", ist also auf Walbeobachtung spezialisiert.

Aber eigentlich ist er so etwas wie ein Mädchen für alles. Yanis betreut die Gäste an Bord, wechselt dabei mühelos vom Spanischen ins Deutsche oder ins Englische. Er serviert unterwegs Häppchen und Sangria und wer weiß, was er sonst noch für Aufgaben hat. Vor allem aber hat Yanis eine enge Beziehung zu Friedrichsdorf, wie sich schnell herausstellt, als er seinen Nachnamen nennt: El-Haddad.

Verblüffung beim Passagier aus der Hugenottenstadt, der in den letzten Jahren immer wieder mit der Kleinkunstbühne Garniers Keller und dessen Pächter Anthony El-Haddad zu tun hatte. Zufall? Oder ist es möglich, dass. , ? Ja, ist es. "Toni ist mein Onkel", bestätigt Yanis. Zu der verwandtschaftlichen Beziehung und den sich daraus ergebenden Friedrichsdorfer Verbindungen später mehr. Zunächst ein Blick auf die Lebensgeschichte von Yanis.

"Viel Freiheit, Strand und Freunde"

Im Alter von sechs Monaten ist er 1999 zusammen mit seiner Mutter und wenig Geld auf die Insel gekommen, erzählt er. Noch in der Zeit, als es viele Hippies in den sonnigen Südwesten La Gomeras zog. Die El-Haddads gehörten nicht dazu. Seine alleinerziehende Mutter, die übrigens väterlicherseits libanesische Wurzeln hat, machte irgendwann dank eines alten Sparbuchs ein kleines Geschäft im Valle Gran Rey auf. Das betreibt sie nun seit 15 Jahren.

Er selbst? "Meine Kindheit war super", sagt Yanis. Viel Freizeit, viel Strand, viele Freunde aus aller Herren Länder, auch Einheimische darunter. "Ich war in der Kita und in der Schule gut integriert." Und das, obwohl La Gomera früher nicht so ausländerfreundlich gewesen sei wie heute.

Yanis scheint davon nicht betroffen gewesen zu sein. Er bezeichnet sich als Gomero im Herzen. Das zeigte sich auch, als er einmal zwischendurch drei Jahre lang in Deutschland lebte. Das habe zwar Spaß gemacht, sagt er über seinen Aufenthalt in Köln, "aber das Heimweh hat gesiegt".

In anderen Worten: Yanis zog es nach La Gomera zurück, obwohl die beruflichen Möglichkeiten dort beschränkt sind, sprich sich das meiste um Tourismus dreht. Andere Branchen mit Job-Motor-Qualität gibt es darüber hinaus kaum. Die Bananenproduktion, früher ein Haupterwerbszweig, ist stark zurückgegangen, Glück haben diejenigen, die eine der begehrten Stellen im öffentlichen Dienst finden.

Für Yanis mit seinen Sprachkenntnissen wiederum ist der Fokus auf den Tourismus ein Vorteil, zumal er kein Abi oder eine Ausbildung hat. Im Moment ficht ihn das aber nicht an. "Ich bin sehr glücklich, mit dem was ich hier tue", sagt er. Es sei wunderschön, mit Leuten und mit Tieren an der frischen Luft zu arbeiten. Sechs Mal die Woche mache er das. "Ich kann mir gar nichts anderes vorstellen." Das wird auch deutlich, wenn man ihn im Umgang mit José Miguel, dem Kapitän der "Tina" und der übrigen Crew sieht. Das wirkt sehr kollegial, sehr vertraut, eingebettet.

Dennoch waren die letzten zweieinhalb Jahre, die er auf dem Ausflugsschiff arbeitet, nicht immer ein Zuckerschlecken. Klar, Gomera ist keine heile Welt. Und auch Corona hat vor der Inseln nicht halt gemacht. Lockdown, einbrechende Besucherzahlen, drei Monate sei gar nichts gegangen, waren sie alle zu Hause, berichtet Yanis.

Damit noch einmal zur Friedrichsdorf-Connection von Yanis El-Haddad. Vor allem als Kind ist er oft im Hessischen gewesen. Die weit verstreute Familie kam in Friedrichsdorf zusammen, darunter auch die Oma, die in Kroatien wohnt, wie er erzählt. "Wir haben uns alle in Garniers Keller getroffen und eine Weihnachtsparty gefeiert - und Toni hat sich als Weihnachtsmann verkleidet." Auch dieses Jahr war er in Friedrichsdorf, allerdings nicht an Weihnachten, sondern vor einem gemeinsamen Frankreich-Urlaub.

"Man lebt hier schon sehr in einer Blase"

Apropos: Reisen genießt bei Yanis generell einen hohen Stellenwert. Gerade auf Gomera sei es sehr wichtig, auch einmal die Welt draußen zu erleben. "Man lebt hier schon sehr in einer Blase", sagt Yanis. Er lerne gerne andere Leute und Kulturen kennen. Lateinamerika etwa könne er sich vorstellen, weil da auch Spanisch gesprochen wird. Auch Deutschland schließt er nicht kategorisch aus. Um vielleicht mal "mehr in schulischer Richtung zu machen und dann weiter zu gucken".

Und irgendwann ganz in die alte Heimat ziehen? Yanis schüttelt den Kopf. "Definitiv nicht. Gomera ist meine Heimat," Was er daran so besonders findet? "Die Insel ist wunderschön, für mich eine, wenn nicht gar die schönste der Kanaren." Und: "Jedes Mal wenn ich wieder zurückkomme, merke ich dass es eine besondere Insel ist." Von Klaus Späne

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