Nach zwei Anläufen steht der Kerbebaum in Friedrichsthal dank der Gemeinschaft vor dem Bürgerhaus, und die Feier kann beginnen.

Rock zum Start in die Kerb

Ein ganzer Ort im Feiermodus

Die Ehrenjungfern lassen keine einzige Kerb aus und halten das Brauchtum hochDie Friedrichsthaler Kerb ist ein Stück Nostalgie. Denn im kleinsten Wehrheimer Ortsteil feiern noch alle Bürger zusammen - und das ganze vier Tage lang. Und auch das Brauchtum geht dabei nicht verloren.

Das Engagement, das die Friedrichsthaler an den Tag legen, ist beeindruckend. Während andernorts die Kirchweihfeste von einem normalen Grillfest kaum zu unterscheiden sind, feiert im kleinsten Wehrheimer Ortsteil ein ganzes Dorf. Und das nicht nur einen, sondern stolze vier Tage lang.

Den Auftakt macht das Treffen am Freitagabend im, vor dem und rund um das Bürgerhaus. Während im Saal Tische und Stühle gerückt werden, sitzt eine Schar Frauen mit Tannenzweigen vor der Holzbachtalhalle und schneidet Äste zurecht. Weihnachten schon im Juli? Sollten die Frauen wirklich jetzt schon mit dem Wickeln von Adventskränzen beginnen? "Wickeln" tun die Frauen, "aber nicht den Adventskranz, sondern den Kerbekranz", erklärt Petra Wenzel.

Das ist seit vielen Jahren Aufgabe der Ehrenjungfrauen. Angesichts dieses Titels, von dem Gabi Hofmann, Doris Schwarting, Wilma Meurer, Petra Wenzel, Gabi Seidel, Gisela Heil, Sonja Bauer und Helga Jannusch berichten, müssen sie selbst etwas lachen, denn bei allen handelt es sich um gestandene Frauen, die mitten im Leben stehen.

Felgen-Recycling

"Diesen Namen haben wir auf Grund einer Fastnachtsfeier bekommen, als wir mit schwarzen Kleidern und Schärpe auftraten", erklärt Gabi Hofmann. Die Frauengruppe, wie sie sich selbst nennt, übernimmt seit vielen Jahren die Tradition des Kerbekranzherstellens. "Als Untergrund wird eine Reifenfelge verwendet", schildert Carina Jannusch. Das "Upcycling" habe gleich mehrere Vorteile: Der Kranz sei sehr stabil, vor allem in der luftigen Höhe, und zum anderen könne so eine Felge über Jahrzehnte immer wieder verwendet werden. Ein ökologischer und ökonomischer Gedanke in Zeiten, in denen das Thema Ressourcen-Verbrauch immer mehr ins Bewusstsein rückt. Nur die bunten Papierbänder werden jedes Jahr erneuert.

Janik (15, von links), Nele (13), Luisa Becker (20) und Alina (17) stoßen gemeinsam auf die Rocknacht zur Kerb an.

Die Schar Frauen ist bester Laune. Zum einen, weil ihnen die Gemeinschaftsarbeit bei einem prickelnden Gläschen viel Spaß macht, zum anderen, "weil uns die Kerb auch viel bedeutet", sagt Doris Schwarting.

In den früheren Jahren haben die Frauen dafür Urlaub genommen, "da gab es eigentlich keinen, der das nicht getan hat", weiß Petra Wenzel. "Einmal sind wir während der Kerb verreist, mein Mann und ich", erzählt Wilma Meurer. "Am Ende habe ich nur geheult, weil wir nicht da waren." Seit dieser Zeit haben sie keine Kerb mehr versäumt. Auch Gisela Heil hat noch keine Kerb verpasst. Sich auch den Montag freizunehmen, "das macht auch mein Enkelkind schon, dann geht es nicht in den Kindergarten".

Tradition im Wandel

Ein bisschen sei die Tradition des gemeinsamen Feierns aber im Wandel. Gerade die jüngere Generation nehme sich für den Montag oftmals keinen Urlaubstag mehr, dabei gelte es doch gerade, diesen Tag am Leben zu erhalten, da er wiederum mit einem besonderen Brauchtum, dem Gickelschmiss, ende. Dass die Friedrichsthaler Frauen sage und schreibe vier Tage rund ums Bürgerhaus verbringen und früher auch nicht vor dem Morgengrauen nach Hause gingen, hat sie geprägt und auch zusammengeschweißt. "Es braucht bei uns kein Programm", unterstreicht Petra Wenzel. Zusammensein sei Programm genug.

Gemeinschaft ist auch das Stichwort für die Mannschaft, die sich am Samstagabend an der Holzbachtalhalle wieder einfindet. Mit blauen T-Shirts und das Kerbetuch schwenkend, holen sie den Baum vom Feuerwehrgerätehaus.

Die Ehrenjungfrauen aus Friedrichsthal wickeln am Freitagabend den Kerbekranz. Fotos: Seibt

Den Baum hatten die Kerbeburschen und Mädels bereits am Samstagmorgen nach einer langen Feier im Juz (lesen Sie dazu auch nebenstehenden Text) im Wald geschlagen, und mit Hilfe des Vereinsringvorsitzenden Wilfried Jannusch und seines Traktors zieht die Kerbegemeinschaft vor das Bürgerhaus.

Kerbebursche ist, wer sich dafür entscheidet, eine lebenslange Aufgabe und nicht eine Frage des Alters, wie die Senioren der Gruppe betonen. Jeder darf mitmachen, vorausgesetzt, er zahlt seinen Obolus.

Das Baumstellen nach dem Gottesdienst erledigen die vielen Hände ganz routiniert. Mit etwas technischer Hilfe, Muskelkraft und vereintem Willen brauchen die Kerbeburschen und Mädels zwar nur wenig Zeit, aber immerhin zwei Anläufe, bis der Baum schließlich kerzengerade vor dem Bürgerhaus steht. Mit dem traditionellen Schlachtruf, der mit der Frage "Wem ist die Kerb?" beginnt, gehen nun auch die Feierlichkeiten los.

Dass Jung und Alt in Friedrichsthal auch sehr gut zusammen feiern können, bewies der Freitagabend. "Zum Rock in die Kerb" hatte das Jugendzentrum eingeladen. "Ganz klar, dass wir dahingehen", sagte Wilfried Jannusch, Vorsitzender des Vereinsrings, der die Kerb federführend organisiert.

Angesichts des schönen Wetters am Freitagabend entschlossen sich die Jugendlichen zum Grillen und boten den Besuchern Steaks und Würstchen an. "Das machen wir auf Spendenbasis", sagte Janik (15), der sich um die Schlüssel, die Kasse und den zweiten Vorsitz im Juz kümmert.

Im neu gestalteten Juz, das sich in stylischem Grau und Violet präsentiert, gab's dann auch Getränke, unter anderem eine selbst gemachte Erdbeerbowle, die bei den warmen Temperaturen sehr gut ankam. "Mit den Einnahmen haben wir auch schon was vor", sagte die Vorsitzende Alina (17). So wollen sich die Jugendlichen neue Boxen, eine Couch und, sofern das Geld reicht, auch eine Leinwand kaufen, um künftig die Zeit im Juz noch ein wenig angenehmer zu gestalten. Bei bester Musik kam bei den Besuchern noch Tanzgefühl auf. Das beschwingte Gefühl war ein guter Auftakt für die Feier. 

tas

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