Labrador Gonzo leidet unter einer schmerzhaften Arthrose, seit dreieinhalb Jahren ist er deshalb in Behandlung bei Jessica Hock.
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Labrador Gonzo leidet unter einer schmerzhaften Arthrose, seit dreieinhalb Jahren ist er deshalb in Behandlung bei Jessica Hock.

Schmerztherapie

So funktioniert Osteopathie für Tiere

Nachdem sich die Osteopathie bei Menschen immer mehr etabliert hat, interessieren sich auch verstärkt Hunde- oder Pferdehalter für diese Behandlungsmethode. In Ober Erlenbach gibt es eine Tier-Osteopathin. Manchen Patienten kann sie damit ihre Schmerzen lindern, doch ganz ohne Schulmedizin geht es auch bei ihr nicht.

Gonzo liegt ganz entspannt auf der Bodenmatte. Der Labradorrüde musste nicht lange überredet werden, sich locker auszustrecken. Deshalb ist es für die Ober Erlenbacher Tiermedizinerin und Tier-Osteopathin Jessica Hock (29) auch kein Problem mit der Behandlung zu beginnen: „Gonzo weiß ganz genau, was jetzt kommt“, sagt sie und lockert mit einigen gezielten Griffen die Region um seinen Brustkorb, um sich dann den Ellenbogen am rechten Vorderlauf vorzunehmen. Der elfjährige Gonzo leidet unter einer schmerzhaften Arthrose, die durch eine Knochenabsplitterung verursacht ist.

Seit dreieinhalb Jahren kommt seine Besitzerin Sigrun Reiferscheid aus Karben-Petterweil regelmäßig mit ihrem Hund in die osteopathische Praxis. „Gonzo hat auffällig gehumpelt. In der Tierklinik hat man die Arthrose festgestellt, aber von einer Operation abgeraten. Da blieben nur starke Schmerzmittel.“

Das allein konnte es für Gonzos Frauchen nicht sein. Auf der Suche nach Alternativen kam sie über ihren Hundeverein an Jessica Hock. „Seit der osteopathischen Behandlung ist Gonzo wieder viel agiler geworden. Sein Verhalten zeigt mir, dass die Schmerzen stark nachgelassen haben. Das wichtigste für mich ist, dass ich jetzt keine Schmerzmittel mehr brauche.“ Stattdessen bekommt Gonzo alle drei bis vier Monate seine Portion Osteopathie.

Seit 130 Jahre bekannt

Dabei handelt es sich um eine manuelle Therapie, die seit etwa 130 Jahren bekannt ist. Osteopathen ertasten mit den Händen die verschiedenen Gewebeschichten und kommen so Bewegungsstörungen auf die Spur (siehe Kasten).

„Es geht darum, die Selbstheilungskräfte des Körpers anzuregen, indem Verspannungen oder Blockaden ertastet und beseitigt werden“, erklärt Jessica Hock und nennt als klassisches Beispiel bei Tieren die Inkontinenz nach Kastrationen: „Dabei spielen immer die Faszien eine Rolle, die aus Bindegewebe bestehen und jede Struktur im Körper umgeben.

Sie können nach Operationen und Verletzungen verkleben, was zu Blockaden bis in weit entfernte Körperregionen führen kann. Somit kann auch die Blase in der Form blockiert sein, dass diese nicht mehr so dehnungsfähig ist und daher schneller ausläuft, was letztlich zu einer Inkontinenz führt.“

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Im Gegensatz zu menschlichen Patienten entfällt bei Tieren natürlich die verbale Kommunikation. Deshalb tastet Jessica Hock ihre tierischen Patienten zunächst mit den Augen ab. „Ich sehe mir den Gang an und lasse das Tier erst langsam im Schritt und dann im Trab laufen.“ Außerdem beobachtet sie sie beim Hinlegen und Aufstehen. Meistens sieht sie bereits dann, was die Ursache für das schmerzhafte Humpeln oder andere Beschwerden sind. „Das Tier zeigt mir, wo es klemmt.“

Auch das Gespräch mit den Haltern über die bisherige Krankengeschichte gehören dazu. Frisst ein Hund auffällig viel Gras, könne das auf eine eine Magenreizung oder eine Blockade in der Wirbelsäule hinwiesen, so Hock.

Die studierte Tiermedizinerin, die neben ihrer osteopathischen Praxis als Tierärztin in einer Frankfurter Tierklinik arbeitet, behandelt vor allem Pferde und Hunde, darunter auch Tiere aus der Polizeihundestaffel. „Bei denen geht es vor allem darum, Arthrosen vorzubeugen, damit sie länger im Dienst bleiben können.“ Sowieso sei die große Stärke der Osteopathie die Prävention, also das Vorbeugen.

Heute sind Henry, Quintus und Vincent da, drei schlanke Whippets, das sind besondere englische Windhunde. Halterin Iris Streb aus Roßbach hatte viel über die Funktion der Faszien während eines eigenen Reha-Aufenthaltes erfahren. Deshalb hielt sie es für eine gute Ideen, mit Osteopathie zu beginnen, als Quintus anfing, schlecht zu laufen und offenbar jede Lebensfreude verlor.

Ein paar Tage Muskelkater

Denn die bisherige Therapie, wie an der Leine gehen, Ruhe und Schmerzmittel hatte nichts gebracht. „Nach der osteopathischen Behandlung hatte Quintus ein paar Tage Muskelkater, dann aber lief es bei ihm wieder viel runder. Er kommt jetzt ohne Schmerzmittel aus“. Die regelmäßige osteopathischen Hausbesuche gefallen vor allem Vincent: „Der würde Frau Hock am liebsten selbst die Schuhe im Flur ausziehen, damit es schnell losgehen kann.“ Das Ergebnis bei ihm sei ein schöneres Gangbild. Das ist wichtig, weil er regelmäßig an Hundeausstellungen teilnimmt. Henry, der dritte im Bunde, macht bei Agility-Turnieren, also speziellen Sportwettkämpfen für Hunde, mit. Alle drei sind sehr aktiv und „geben sich auch in Ruhezeiten drei bis viel Mal am Tag im Garten oder im Freien die Kante“, berichtet Halterin Iris Streb. Alle 10 Wochen Osteopathie soll vorzubeugen und die Heilung unterstützen.

71 Euro für eine Stunde

Iris Streb nennt diese Behandlung „einen Luxus“, den sie ihre Hunden aber gönnen möchte. 60 Euro netto (71 Euro brutto) rechnet Jessica Hock für eine rund einstündige Behandlung ab. Für die Anamnese kommen nochmals 20 Euro dazu. Für die Behandlung einer akuten Wirbelsäulenblockade braucht sie ein bis zwei Sitzungen im Abstand von drei bis vier Wochen: „Ich dringe mit der manuellen Therapie stark ins Gewebe ein, das dann einige Tage nacharbeitet, während die Selbstheilung beginnt. Daher muss man dem Körper Zeit geben, um die neuen Impulse wirken zu lassen. Da unterscheidet sich die Osteopathie stark von der Physiotherapie, in der man wöchentlich zur Behandlung kommen sollte.“

Nicht alle ihrer tiermedizinischen Kolleginnen und Kollegen sind von der Osteopathie überzeugt, was sich auch darin zeige, dass nur etwa fünf Prozent ihrer Kunden von Tierarztkollegen geschickt werden. Auch die beiden Halterinnen haben die Erfahrung gemacht, dass kaum ein Tierarzt so etwas vorschlägt. Bei der Hessischen Landestierärztekammer will man keine Bewertung abgeben, wie die Tierärzteschaft zur Osteopathie steht, weil dafür die statistischen Grundlagen fehlen.

Sinnvolle Ergänzung

Die Frage, ob die Osteopathie eine volle Methode ist oder nicht, werde letztlich „vom Behandlungserfolg beantwortet“, heißt es bei der Kammer auf Anfrage. Grundsätzlich aber stehe man einer Tierbehandlung durch Laien kritisch gegenüber. „Im Gegensatz zum Studium der Tiermedizin mit Staatsexamen und Approbation steht es jedem Laien frei, Tier-Osteopathie zu betreiben“, heißt es in einer Stellungnahme der Kammer.

Jessica Hock verbindet bewusst die Schulmedizin mit der Osteopathie, in der sie eine sinnvolle Ergänzung sieht. Zugleich weiß sie auch um deren Grenzen: „Es gibt immer Fälle, in denen eine Operation, eine Cortisonbehandlung oder Scherzmittel einfach sein müssen. Auch bei Tumorpatienten muss man mit der osteopathischen Behandlung vorsichtig sein, weil das Wachstum von Tumorzellen möglicherweise angeregt werden kann.“

Wogegen sie sich wehrt, ist, die Osteopathie bloß als nette Massage wahrzunehmen. „Osteopathie ist keine Wellnessmethode, sondern hat konkrete medizinische Auswirkungen. Sie ist eine sanfte Methode der Diagnose und Behandlung, die zeigt, dass es nicht immer wild knacken muss.“

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