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Gestärkt aus der Krise

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Geschäftsführer Alexander Pietschmann (links) und Finanzdirektor Sven Wagner von Adam Hall sprechen über Corona, Expansion und Herausforderungen. FOTO/archivfoto: kopp © Kopp, Thomas

Adam Hall hat während Corona investiert und will weiter expandieren

Neu-Anspach -Dass ein Technik-Hersteller für die Kultur- und Veranstaltungsbranche mitten in noch immer ungewissen Corona-Zeiten expandiert, mag verwundern. Hört man sich aber die Hintergründe an, warum Adam Hall nun rund 2200 Quadratmeter Hallen- und 750 Quadratmeter Außenfläche auf dem Gelände der früheren Rosbacher Brunnenbetriebe angemietet hat, wird schnell klar, dass die Führungsetage des Herstellers von Lautsprechersystemen, Lichttechnik und Kabelschutzbrücken für Künstler und Veranstalter während der Pandemie nicht den Kopf in den Sand gesteckt hat.

Alexander Pietschmann, einer der beiden Geschäftsführer des Unternehmens, das mit rund 240 Angestellten alleine in Neu-Anspach tätig ist, räumt schon ein, dass die Corona-Pandemie einen Schock in der Branche, die mit rund 130 Milliarden Umsatz und über einer Million Beschäftigten einen der bedeutendsten Wirtschaftszweige Deutschlands darstellt, verursacht habe. "Doch wir haben schnell mit der politischen Arbeit begonnen und die Initiative ,Alarmstufe Rot' ins Leben gerufen."

Großdemos im Sommer und Herbst 2020 machten auf die kritische Lage der Branche aufmerksam. Die finanziellen Hilfen rollten an, so dass bei Adam Hall keine Kündigungen erfolgen mussten, ab Februar 2021 gab es sogar Neueinstellungen. Und im Juni 2021 war das Ende der Kurzarbeit für alle Mitarbeiter erreicht. Schon damals war für Finanzdirektor Sven Wagner ersichtlich, dass man mit vollen Lagern agieren müsste, wenn Konzertsäle und Co. wieder öffnen. So investierte das Unternehmen in die vier Säulen Menschen, Entwicklung, IT und Nachhaltigkeit, beim letzten Punkt etwa durch Photovoltaik und Elektro-Ladesäulen. Dass sich das gelohnt hat, zeigt sich an den derzeit rasant steigenden Energiepreisen. Zudem ist das Unternehmen am Standort Neu-Anspach bilanziell klimaneutral geworden. Doch auch Rohstoffe wie Chips wurden verstärkt eingekauft, um keine Engpässe bei der Herstellung der eigenen Produkte zu bekommen. "Wir mussten eine Lösung finden, um unsere Fertigerzeugnisse unterzubekommen", sagt Pietschmann. Die Rosbacher Lösung für ein Übermengenlager war dabei eine sehr gute.

Erweiterung würde Jahres dauern

Aber nicht die beste, wie Pietschmann betont. Denn derzeit bewegen sich die Zahlen des Unternehmens über jenen aus der Zeit vor Corona. "Wir hätten gerne hier in Neu-Anspach erweitert und neu gebaut." Doch politische Mühlen mahlen langsam. Um neue Gewerbeflächen zu schaffen, müsste die Stadt eine Änderung des Regionalen Flächennutzungsplanes erwirken. "Fünf bis acht Jahre können wir in unserer Branche nicht warten", ergänzt Wagner mit Verweis auf die deutsche Bürokratie. Auch in einen anderem Bereich gibt es keine Fortschritte. "Auch wenn dies eigentlich gar nicht unsere Aufgabe ist, so haben wir mit der Stadt Neu-Anspach Gespräche und auch ein Konzept für eine ökologische Wohnbebauung eingereicht", sagt Pietschmann. Denn um fähige Mitarbeiter etwa für IT und Logistik in den Taunus zu locken, bräuchten diese auch eine Aussicht darauf, vor Ort eine Bleibe zu finden.

Man könnte meinen, dass die Veranstaltungsbranche irgendwann gesättigt ist, genügen Mikrofone, Lampen und anderes Zubehör verkauft wurde, nur noch Ersatz benötigt werde. Dem widerspricht Pietschmann aber. Er verweist auf immer wieder neue Richtlinien, aber auch Entwicklungsideen.

Städte müssen etwas bieten

Während ein größeres Theater oder Konzerthaus früher durch seine Halogen-Bühnenlampen mit jeweils zwei Kilowatt Leistung immense Mengen an Strom verbraucht und immense Mengen an Wärme ungewollt produziert habe, verbrauche LED-Technik nur ein Zehntel davon und erzeuge so gut wie keine Wärme. Auch beim Thema Barrierefreiheit gebe es immer neue Herausforderungen, so etwa bei den neuen Kabelbrücken. Diese sollen rollstuhlgerecht entwickelt werden.

"Außerdem müssen sich aktuelle viele kleinere und mittlere Städte eventisieren, um die Innenstädte mit Leben zu füllen. Die Geschäfte sind an vielen Orten die gleichen. Also muss man Kunden über kulturelle Angebote locken", ist Pietschmann überzeugt. Zudem beobachte er, dass es gar nicht mehr nur die riesigen Veranstaltungen sind, die Menschen anlocken. "Das Geschäft wird regionaler", sagt er und verweist etwa auf das Oberurseler Brunnenfest, das zu einem riesigen Erfolg geworden sei.

Trotz aller guter Nachrichten rund um Adam Hall geht ein Schreckgespenst um: das vor einer neuen Welle spätestens Anfang Herbst. "Es gibt keine klaren politischen Aussagen, selbst innerhalb der Bundesregierung gibt es unterschiedliche Auffassungen", sagt Geschäftsführer Alexander Pietschmann.

War es zu Beginn der Pandemie so, dass die Künstler bereitwillig auf Erfüllung ihrer Verträge und etwaige Ausfallzahlungen verzichtet hätten, könne sich das derzeit kaum noch einer leisten. "Wer will das alles zahlen?", fragt Pietschmann. Denn eine immer weiter laufende finanzielle Hilfe seitens des Bundes kann er sich nicht vorstellen.

Viele im Neu-Anspacher Firmensitz sind inzwischen wieder zurück an ihre Arbeitsplätze gekehrt. "Die Kantine hat wieder offen, unsere Sportangebote werden wieder genutzt", sagt Sven Wagner, der auch für die Personalverwaltung zuständig ist. Er ergänzt: "Darüber sind wir auch froh." Dennoch biete das Unternehmen auch weiterhin hybrides Arbeiten an. Etwa für Mitarbeiter, die aufgrund ihres familiären Umfeldes noch nicht an eine Rückkehr denken können. Doch es gebe auch ganz praktische Vorteile dieses Modells: "Früher musste ich Urlaub nehmen, um etwa eine neue Waschmaschine anzunehmen. Heute arbeite ich einfach von zu Hause aus." kop

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