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Dr. Ferdinand Münz ? das Bild ist undatiert. Repro: Schahinian

Forschung

Dr. Ferdinand Münz: Der Pionier, den die Welt vergaß

In Wasch- und Reinigungsmitteln, bei der Papierherstellung, in Konservierungsmitteln und sogar bei Wurzelkanalbehandlungen: Überall wird die Chemikalie EDTA genutzt. Die Geschichte ihres Entdeckers, der in Frankfurt lebte und in Glashütten starb, ist weitgehend unbekannt. Noch.

Die Lebensgeschichte von Dr. Ferdinand Münz endet am 16. August 1969 im Alten- und Pflegeheim „Pension Talblick“ in Glashütten. Die 81 vorhergehenden Jahre offenbaren sich nur Stück für Stück. Sie sind tragisch und außergewöhnlich, so viel lässt sich zu diesem Zeitpunkt schon sagen.

Münz synthetisierte als erster Mensch EDTA – eine Verbindung, die bis heute in unzähligen Gegenständen Verwendung findet. Und Münz war jüdischer Abstammung, dessen größte Entdeckung 1935 in die denkbar unglücklichste Zeit fiel.

Kurze Rückblende: Der italienische Student Matteo Paolieri stieß während seiner Forschungsarbeiten auf den Chemiker und veröffentlichte einen Aufsatz über ihn und seine Leistungen. In der Folge versuchte er, mehr über Münz herauszufinden. Das stellte sich als schwieriger heraus als gedacht, denn kaum eine Quelle nannte seinen Namen.

Paolieri richtete sich unter anderem via Facebook an die Bürger von Glashütten in der Hoffnung, dass es dort noch jemanden gibt, der ihn kannte. Im Februar 2018 berichtete die TZ darüber, doch auch auf diesen Aufruf hin meldete sich niemand. Warum, wurde mit der Zeit ein wenig plausibler: Münz lebte nachgewiesenermaßen noch ein Jahr vor seinem Tod in Frankfurt, wo er bis zu seinem Lebensende auch gemeldet war. Es können also nur wenige Monate gewesen sein, die er, möglicherweise ob der heilsamen Taunusluft, in Glashütten verbrachte.

Der Forscher, in Krakau geborener Österreicher, hatte in Wien studiert und wurde 1913 von den Cassella-Werken in Fechenheim angestellt. Bereits 1926 konvertierte er zum evangelischen Glauben. Ob aus Überzeugung oder aus böser Vorahnung heraus, welche Entwicklung Deutschland nehmen würde, ist ungewiss. Der Gedanke liegt nahe, dass er sich lange sicher fühlte, hatte er doch im Ersten Weltkrieg aufseiten Österreichs gekämpft.

Seine Zeit bei Cassella, in die auch die Synthetisierung von EDTA fällt, verlief lange in normalen Bahnen. Das Unternehmen hatte sogar noch das 25-jährige Dienstjubiläum für Dr. Ferdinand Münz ausgerichtet, berichtet Petra Bonavita in ihrem Buch „Assimilation, Verfolgung, Exil“. Im Anschluss daran machte er einige Tage Urlaub in Baden-Baden.

Als er zurückkam, durfte er das Firmengelände nicht mehr betreten. Ein Augenzeuge berichtet: „Das war schon ganz übel. Darüber hinaus haben die Nazis seinen Namen nicht mehr auf die Patente genommen und so hat er für die Erfindungen, die er all die Jahre für die Cassella gemacht hatte, kein Geld mehr erhalten.“ Er musste im Klärwerk arbeiten, landete im KZ Buchenwald, kam dort nach kurzer Zeit wieder frei: „Ich habe gesehen, wie Münz kahl geschoren war und einige Beulen am Kopf hatte.“

Über die folgenden Jahre ist wenig bekannt. Ein Blick in die Frankfurter Adressbücher der Zeit lässt die Vorgänge zumindest erahnen. 1939 als Dr. Ferdinand Münz aufgeführt, steht dort 1940 Dr. Ferdinand Israel Münz. Ab August 1938 mussten deutsche Juden je nach Geschlecht „Israel“ oder „Sara“ als zweiten Vornamen annehmen.

Die stigmatisierenden Namen waren die ersten Judensterne, schrieb die „Welt“ 2013: „Ein Schritt auf dem Weg von der Entrechtung zum Massenmord.“ Im Adressbuch von 1942 sucht man seinen Namen dann vergebens. Münz selbst hat wohl nie über diese Zeit gesprochen.

Fest steht, dass er erneut interniert wurde. Am 14. Februar 1945 kam er nach Theresienstadt – den Ort, an dem seine Mutter Libabluma Münz zweieinhalb Jahre zuvor im Alter von 84 Jahren den Tod fand. Die eigene Tochter musste ihn zur Deportations-Sammelstelle bringen. Sie lebte zurückgezogen und starb im Februar 2015. Dieser Moment, sagte sie oftmals, war der schlimmste ihres Lebens. Ihr Vater überlebte, kam im Sommer 1945 frei und zog noch im gleichen Jahr mit der Familie nach Köln, weil er eine Anstellung bei Bayer in Leverkusen erhielt. Nach seiner Pensionierung kehrte er an den Main zurück.

Dr. Ferdinand Münz wird von denen, die ihn kannten, als Gentleman und feiner Herr beschrieben. Er habe „keiner Fliege etwas zuleide getan“, drückt es ein Freund der Familie aus. Sein Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof ist längst abgeräumt, die Spurensuche im Taunus scheint nahezu aussichtslos.

Matteo Paolieri, der Student aus Florenz, will sich damit nicht abfinden. Zu groß sind die Leistungen von Münz, mit dessen Entdeckung heute nahezu jeder Mensch in Berührung kommt. Und zu groß das Unrecht, dass niemand seinen Namen kennt. dsc

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