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Ethylendiamintetraessigsäure, kurz EDTA, ist eine chemische Verbindung, die Ferdinand Münz entdeckte.

Chemiker

Italienischer Student begibt sich auf der Spur von Dr. Ferdinand Münz

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Seine größte Erfindung, die Synthese von EDTA, kommt heute in vielen Lebensbereichen zum Einsatz. Sein Name allerdings ist vergessen: Als Jude in Nazi-Deutschland blieb Dr. Ferdinand Münz die verdiente Anerkennung verwehrt. Ein italienischer Student will das ändern. Die Spuren führten ihn bis nach Glashütten.

Ethylendiamintetraessigsäure: ein komplizierter Begriff. Doch hinter EDTA, so die gängige Abkürzung, steckt eine hochspannende und zugleich tragische Geschichte. EDTA ist eine der wichtigsten Verbindungen in der analytischen Chemie und steckt heute in einer Vielzahl an Produkten. Sie wird in Shampoos genutzt, bei Wurzelbehandlungen in der Zahnmedizin, als Konservierungsmittel oder beim Färben von Textilien.

Wer hat’s erfunden? Ein Österreicher, der Chemiker Ferdinand Münz (1888 –1969). Er synthetisierte EDTA erstmals 1935 und meldete zahlreiche Patente an, die heute noch Bestand haben. Geboren in Krakau und ausgebildet in Wien, zog er 1914 nach Deutschland. Er arbeitete bei den Cassella Farbwerken in Fechenheim, die später in der I.G. Farben aufging. Trotz seiner bahnbrechenden Erfindung ist sein Name bis heute jedoch weitgehend unbekannt geblieben.

Das merkte auch Matteo Paolieri. Er studiert Chemie an der Universität in Florenz und hat das Leben und Wirken von Münz unter die Lupe genommen, um eine Biografie über ihn zu schreiben. Mit zunehmender Verwunderung musste er zur Kenntnis nehmen, dass der Name nahezu nirgendwo auftaucht. Je mehr er recherchierte, desto ungerechter erschien ihm, dass die Welt den Chemiker vergessen hat. „Dafür gibt es einen Grund: Er war jüdischer Herkunft“, so Paolieri. Akribisch hat er die Lebensgeschichte von Münz zu rekonstruieren versucht. „In den Jahren nach 1934/35 versuchte er offenbar, nach New York auszuwandern“, berichtet der Student. Das gelang ihm aber nicht.

Sein wichtigstes Patent zur Synthese von EDTA meldete er 1935 anonym in Deutschland an. Ein Jahr später wiederholte er dies in den USA, dort jedoch unter seinem Namen. Vom 25. November bis 1. Dezember 1938 war er im KZ Buchenwald interniert. Später, am 18. Februar 1945, kam er ins KZ Theresienstadt, das er am 9. April lebend verlassen konnte.

Er wohnte danach zunächst in der Frankfurter Kaiserstraße und zog Ende des Jahres in die Nähe von Köln. Münz setzte seine Forschungen dort fort: 1949 etwa arbeitete er unter anderem mit dem späteren Nobelpreisträger Kurt Alder zusammen. 1956 ging er in Ruhestand, danach verwischen seine Spuren teilweise.

Über das Ende seines Lebens allerdings herrscht Gewissheit: Er starb am 16. August 1969 in Glashütten im Alter von 81 Jahren. Begraben wurde er auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt, die Grabstelle ist längst abgeräumt.

Paolieri will sich ob der in Vergessenheit geratenen Leistungen des Mannes nicht mit den kargen Informationen zufriedengeben. Es gibt einige Anhaltspunkte: Münz war verheiratet mit Maria Ewald, und hatte zwei Kinder: Ferdinand Münz junior und Ilse Münz, die nach ihrer Hochzeit den Namen Mörschel annahm. Und wie kam Münz nach Glashütten? Um das herauszufinden, schrieb der Student im November an die Glashütten-Runde bei Facebook mit der Bitte, ihn zu kontaktieren, falls jemand Informationen über Münz besitzt oder ihn vielleicht sogar kannte. Bisher ohne Erfolg, doch auf Lokalhistorikerin Ingrid Berg ist einmal mehr Verlass: „Ferdinand Münz starb in Glashütten unter der Adresse Schauinsland 7, war aber in Frankfurt gemeldet“, berichtet sie.

Den Archivunterlagen zufolge handelte es sich dabei um ein Alten- und Pflegeheim namens „Pension Talblick“, als Inhaber ist Rudolf Kratz verzeichnet. 1968 hatte das Heim 43 Plätze. Der Rest ist Spekulation. Wahrscheinlich sei er über die Verbindung zu einem der vielen Chemiker, die damals in Glashütten gebaut haben, in das Heim gekommen, mutmaßt Berg. Zumindest scheint er nicht länger im Ort gelebt zu haben.

Dr. Ilse Mörschel, die Tochter, starb 2015. Die Hoffnung ist groß, über Bekannte oder Nachkommen doch noch mehr über seine Zeit in Deutschland zu erfahren. Paolieri konnte eine Person in Köln ausfindig machen, die Münz kannte. 1966 habe er zu ihr bei einem gemeinsamen Treffen in einem Garten gesagt: „Die Nazis wollten mich zerstören, und nun liege ich hier in der Sonne.“

Nach wie vor sucht der forschende Student zudem Menschen, die etwas zu Dr. Ferdinand Münz’ Aufenthalt in Glashütten sagen können.

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