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Sitzungspräsident Dr. Lutz Riehl

Karnevalsverein Glashütten

Vom Domschweizer zum Sitzungspräsidenten

Als Sitzungspräsident ein Narrenschiff durch die tollen Tage zu steuern, ist eine Herausforderung. Umso mehr, wenn der „Steuermann“ nahezu blind ist. Dr. Lutz Riehl bezeichnet sich als „Ohrenmensch“ – und läutet die Sitzungsglocke des Karnevalvereins Glashütten hochprofessionell und voller Elan.

Für die Prunksitzungen hat sich Lutz Riehl eigens eine rote Komitee-Jacke gekauft. Damit will er sich bewusst von den traditionellen blauen Westen des Glashüttener Elferrats abheben, denn als Sitzungspräsident müsse man schon einen „Hingucker“ bieten, findet er.

Was wie selbstverständlich klingt, ist alles andere als das. Denn Lutz Riehl ist von Geburt an fast blind. Die schwere Sehbehinderung hält den 42-Jährigen jedoch nicht davon ab, äußerst aktiv am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilzunehmen. Im Gegenteil: Der studierte Musikwissenschaftler hat einen Lehrauftrag an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt inne. Als Kirchenmusiker spielt er die Orgel, leitet einen Chor, er schreibt Gedichte und Theaterstücke, in denen er auch selbst Regie führt oder als Darsteller auf der Bühne steht. Nebenbei engagiert er sich ehrenamtlich für Integrations- und Inklusionsprojekte, und auch politisch ist Lutz Riehl jederzeit voll im Bilde, saß unter anderem zehn Jahre lang für die CDU im Gemeindeparlament. Und jetzt also Sitzungspräsident beim Karnevalverein Glashütten.

Familientradition

Bereits seit 2011 wirkt er bei den Prunksitzungen in seinem Heimatort mit, begeisterte bereits als Büttenredner in der Rolle des Domschweizers, als Donald Trump oder als Urwaldforscher. Der karnevalistische Frohsinn hat in seiner Familie Tradition: Der Patenonkel war Mitglied der berühmten Mainzer Hofsänger, die Fernsehshows waren früher Kult im Hause Riehl. „Das ganze Wohnzimmer saß voller Menschen, wenn ,Mainz bleibt Mainz‘ übertragen wurde“, erinnert er sich.

Entsprechend seiner Sehbehinderung waren es von Anfang an die Wortbeiträge und Büttenreden, die ihn begeisterten. „Ich bin nun einmal ein Ohrenmensch“, sagt er. Auf einen eigenen Beitrag mit wortgewandten und humorvollen Seitenhieben gegen die Lokalpolitik oder die Schloßborner Nachbarn will er daher auch als Sitzungspräsident nicht verzichten. Welche Figur er in der aktuellen Kampagne zum Besten gibt, verrät er noch nicht, gibt lediglich einen Hinweis: „Es orientiert sich natürlich am Sitzungsthema: Eiszeit.“

Je näher die beiden Prunksitzungen rücken, desto mehr steigen Vorfreude und Nervosität gleichermaßen. Die größere Aufregung bereitet ihm dabei die Büttenrede. Kommen die Wortspiele an? Werden die feinen Nuancen verstanden? Seit dem vergangenen Sommer arbeitet Riehl an seinem Text, den er bei der Generalprobe erstmals vor Publikum präsentierte. „Ich bin jedes Jahr wieder gespannt, ob es funktioniert“, sagt er.

Die Reaktionen seines Publikums kann er zwar nicht sehen, wohl aber mit seinem zeitlebens trainierten feinen Gehör detailliert erfassen. „Ich kenne die verschiedenen Lacher ganz genau und merke sehr schnell, wie mein Beitrag ankommt“, erklärt er.

Auch als Sitzungspräsident hat sich Lutz Riehl einiges vorgenommen, möchte zum Beispiel, dass der Elferrat aktiver wird, sich mehr in die Sitzung einbringt. Nicht nur bei „Elferkapitän“ Thomas Mangold sei er mit dem Vorschlag „auf offene Ohren gestoßen“.

Neu ist auch, dass bei der Generalprobe der komplette Ablauf einmal durchgeprobt wird, mit allen Programmnummern und der Liveband „Just 4 Fun“. Wie wichtig eine echte Generalprobe ist, weiß er von seinen Theater-Engagements. „Sowohl das große Ganze muss passen als auch die kleinen Details, die die Würze mit reinbringen“, ist der Präsident überzeugt. So wird es in diesem Jahr erstmals auch eine Sitzungsglocke geben – eine echte Schiffsglocke, die ihm ein Bekannter von einem Balearen-Urlaub eigens für sein karnevalistisches Amt mitgebracht hat.

Lutz Riehl liebt es, an sprachlichen Details zu feilen und aus jeder Situation immer das Beste herauszuholen. Als Perfektionist sieht er sich jedoch nicht: „Perfektionismus ist ein hohes Wort. Ich möchte es immer so gut machen, wie ich es in dem Moment kann.“

So wird er es auch am Freitag und Samstag bei den beiden Prunksitzungen im Bürgerhaus (Beginn jeweils um 20.11 Uhr) halten. „Als Sitzungspräsident fahre ich unser Narrenschiff. Es reizt mich einfach zu sehen, ob ich das hinbekomme.“ Die Vereinskolleginnen und -kollegen sind sich da bereits sicher: „Der Mann ist ein Glücksfall für uns!“, sagen sie.

Übrigens: Die Sitzung am Samstagabend ist bereits ausverkauft, für Freitag gibt es noch ein paar Karten an der Abendkasse.

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