Michael Thiele setzt sich ein Leben lang für mehr Menschlichkeit ein und erhielt jetzt von ganz offizieller Stelle den Dank dafür: Das Bundesverdienstkreuz.
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Michael Thiele setzt sich ein Leben lang für mehr Menschlichkeit ein und erhielt jetzt von ganz offizieller Stelle den Dank dafür: Das Bundesverdienstkreuz.

Bundesverdienstkreuz für Grävenwiesbacher Grünen Michael Thiele

Anerkennung für seinen Einsatz für die Menschlichkeit

  • vonMonika Schwarz-Cromm
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Partei-Vorsitzender wollte sich mit der Lebenssituation Behinderter nicht zufrieden geben

Liegt ein Brief von Volker Bouffier im Briefkasten, dann ist das schon etwas Besonderes. Der Ministerpräsident begründete sein Schreiben an Michael Thiele mit der "verdienstvollen Arbeit zum Wohle und im Interesse unseres Landes und seiner Bevölkerung". Sein Dank dafür: Das Bundesverdienstkreuz für Michael Thiele.

Gründe dafür gibt es viele. Michael Thiele, der 1954 in Görlitz zur Welt kam, bezeichnet sich als Kriegsenkel, der mit den Themen Krieg, Vertreibung und Verlust aufwuchs. Seitdem rege sich in ihm Widerstand gegen alles, was den Menschen angetan wird, erklärte er. Als Zweijähriger verließ er mit den Eltern die Heimat und kam über Berlin und Frankfurt nach Oberursel, wo er aufwuchs. Der studierte Sonder-Heilpädagoge mit Diplom für Lernbehinderung absolvierte seinen Zivildienst nach dem Studium in einer Kinderheilstätte in Mammolsheim.

"Die Kinder lagen an den Armen fixiert in ihren Betten", erinnert er sich an das Unbehagen, das sich in ihm daraufhin einstellte. Während seiner Anstellung als Heilpädagoge in Weilmünster in der Psychiatrie fand er noch schlimmere menschenverachtende Verhältnisse vor, nämlich Dauerfixierung sowie hochgradige Sedierung an behinderten Menschen.

Menschenverachtende Zustände in Anstalten

"Damals gab es weder Wohnraum noch ambulante Dienste für diese Menschen", berichtete er. In dieser Zeit lernte er auch seine Ehefrau Inge kennen. Beide engagierten sich für bessere Verhältnisse, nahmen die Klienten mit nach draußen, gingen auf sie ein. Und siehe da, sie öffneten sich tatsächlich. Doch dieses Engagement wurde nicht wertgeschätzt. Vielmehr kassierte Michael Thiele dafür eine Abmahnung. "Ich merkte, dass ich nur in Verbindung mit der Öffentlichkeit etwas bewirken kann", sagte er. Beim Landeswohlfahrtsverband engagierte er sich schon aktiv. In die Politik stieg er nun auch ein. 1987 gründete er mit anderen die Grävenwiesbacher Grünen und leitet sie bis heute als Vorsitzender. Als Fraktionsvorsitzender saß er damals zwei Legislaturperioden in der Gemeindevertretung.

Sich auf behinderte Menschen einlassen

Durch seinen politischen Einfluss konnten die Oligophrenie-Bereiche in der Psychiatrie in Heimstrukturen umgewandelt werden. In der Praxis bedeutete das für Michael Thiele, dass er 18 Klienten in Grävenwiesbach einen Heimplatz zuweisen konnte. Denn in der Villa Stehning entstand ein Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung unter dem Dach des Internationalen Bundes. Es war ein Prozess, der 35 Jahre lang anhielt und letztlich für mehr Menschlichkeit sorgte.

Dass es lohne, sich auf behinderte Menschen einzulassen, davon war Thiele so sehr überzeugt, dass er den Gedanken sogar über die deutschen Grenzen hinaustrug und die Karawane 2000 für Vielfalt und Verständigung in Europa gründete, deren Präsident er ist. "Ich habe es immer als paradox empfunden, dass die Deutschen so stolz auf ihre großen Kunstschaffenden sind und es gleichzeitig die Folgen des Dritten Reiches zu beklagen gibt."

Die Karawane sei daher als Philosophie des Lebens Jesus Christus im Gegensatz zur Ausgrenzung von Menschen zu sehen. Mit Workshops für Fachkräfte und Vorträgen bildeten sich Stationen in ganz Europa, wodurch eine Fülle von Projekten, neue Einrichtungen und ein riesiges Netzwerk entstand. Inzwischen sind 18 Länder angeschlossen. In dem Zusammenhang durfte er auch in der Knesset in Jerusalem eine Rede halten. Ein ganz besonderer Moment für Michael Thiele.

Ganz besonders liegt ihm die Gedenkstätte Hadamar am Herzen, für die er einen Förderverein gründete, dem er zunächst als stellvertretender Vorsitzender und seit 15 Jahren als Vorsitzender angehört. Zwischen 1941 und 1945 erhielten Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen den "Gnadentod". Michael Thiele wollte alles rings um diese Tötungsanstalten der Nazis bekanntmachen und die Erinnerungen wachhalten.

Unter dem Namen "dezentrale Euthanasie" wurden diese Menschen entweder in einer Gaskammer, durch tödliche Injektionen und Medikationen sowie durch vorsätzliches Verhungernlassen ermordet. "Auch Menschen mit Behinderungen haben Seelen und Persönlichkeit", betonte Thiele. Wer sich auf eine solche Reise durch die düstere Vergangenheit einlässt, erfährt ein sehr tiefes Erlebnis.

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