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Immer gut mit Rizinusöl und Vaseline gepflegt. 114 Jahre ist das Paar Wanderschuhe, die Richard Schirrmann um die Welt trugen, inzwischen alt.

Wanderschuhe

Erinnerung an einen Visionär

Im Richard-Schirrmann-Museum von Grävenwiesbach sind Wanderschuhe verwahrt, die von einem Jahrhundertwerk erzählen. Mit ihnen hat der Begründer des Jugendherbergswerks, Richard Schirrmann, fast sechs Jahrzehnte durchschritten.

Der Weg zu diesem Schatz – tatsächlich ein Weltkulturstück ersten Ranges – führt ins nordöstliche Hochtaunusgebiet, tief hinein ins Land, fernab jeder Metropolenaufgeregtheit. Durch winterliche Waldungen geht die Reise, satt gefeuchtete Felderschläge ziehen vorbei, unter tief hängenden Wolken grüßen die Kämme des Mittelgebirges.

Im Mönchweg zu Grävenwiesbach wollen sechs Sandsteinstufen erklommen und eine hölzerne Tür durchschritten sein, bevor sich nach freundlicher Begrüßung eine beispiellose Welt auftut: Hier, wo Jugendherbergswerk-Gründer Richard Schirrmann über Jahrzehnte gelebt hat, ist der Geist jener auf Gemeinschaft, Verständigung und Toleranz gründenden Idee anwesend geblieben, innerhalb eines privaten Museums aufs Verlässlichste geborgen.

Im Originalzustand hat sich das ehemalige „Bürozimmer“ des 1874 nahe des Frischen Haffs geborenen Mannes erhalten, von kundiger Hand angereichert mit Dokumenten, Memorabilien, Informationen. Kaum kann das Auge den Reichtum aufnehmen: Bücher, Landkarten, Fotografien, die Schreibmaschine, eine Büste, Federhalter, Stempel und abgenutzte Radiergummis, vier Worpsweder Stühle, das schmale „Junggesellenbett“. Und als stilles Monument am Schreibtisch-Eck jenes Paar Schuhe, wegen denen wir hier sind. Kein Lack und Glanz, weder Parkett noch Laufsteg. Einfache Schnürschuhe, schwarz, unspektakulär.

Ein Gebrauchsgegenstand, auf den das im „Kunstwerk“-Essay verwendete Wort des Philosophen Heidegger gemünzt sein könnte: „In dem Schuhzeug schwingt der verschwiegene Zuruf der Erde.“

Für Gudrun Schirrmann, jüngste Tochter des Herbergswerk-Wegbereiters und Hüterin des väterlichen Vermächtnisses, ist eine andere Zuordnung weitaus bedeutsamer. „Die Schuhe symbolisieren den weltumspannenden Gedanken, stehen für die Werte Frieden und Freundschaft.“

Als Ehrenvorsitzende des DJH-Landesverbandes und unermüdlich im Dienste der Sache Reisende – demnächst folgt sie einer Einladung in die USA – trägt Gudrun Schirrmann die Fackel weiter. Dass es dabei um mehr als bloße Beherbergungsstrategien und Wirtschaftlichkeitsaspekte geht, ist offensichtlich.

Immer waren die „Trittchen, Latschen, Klotschen“ mit dabei, wenn um das Fortkommen von Jugendbildung und Herbergswesen gerungen wurde. Fast sechs Jahrzehnte hat Richard Schirrmann – Schuhgröße 42 – auf ihren handgeklopften, aus einem Stück bestehenden Kernledersohlen durchschritten, von frühen Volksschullehrertagen im Sauerland bis zu späten Ertüchtigungsgängen durch die „schöne Wandergegend des Taunus“.

Was ihm die aus bestens gegerbtem Kalbsleder geformten und von zwiegenähtem Pechdraht zusammengehaltenen Fußkleider waren, hat Schirrmann der Nachwelt in einer kleinen Broschüre übermittelt. „Meine Wanderschuhe plaudern . . .“ ist dafür eine schlichte, aber folgerichtige Überschrift.

Die mit Lederbändern statt Schnürsenkeln und einer als Regenschutz beidseits angenähten Lasche bestückten Schuhe wurden „nach klarer Anweisung“ im Sommer 1903 von Schuhmachermeister Christian Schulze in Altena gefertigt. Der „richtige Meister seines Handwerks“ hat die Schäfte zwecks Schonung der Wadenmuskeln niedrig und die Absätze in flacher Breite gehalten. 25 Goldmark waren ein angemessener Preis für ein „Meisterstück“, mit dem der Besitzer – angeblich – nach tagelangem Marsch des Abends sogar noch einen Walzer schwingen konnte. „Später hat Schulze dem Vater noch ein baugleiches Paar zum Skifahren gebaut“, sagt Gudrun Schirrmann. „Ebenfalls auf Maß.“

Nach ihrer Auskunft soll der Gründer seine „Wanderkameraden“ auch während eines Empfangs bei Queen Elizabeth in London dabei gehabt haben. Sie seien zudem schon in Japan und im Rahmen einer Expo-Präsentation ausgestellt gewesen.

Im Hause Schirrmann ist Bodenständigkeit eine feste Konstante. Wie der Lederwanderschuh ordentlich und ausreichend zu pflegen ist, bleibt kein Familiengeheimnis. Vor dem ersten Gebrauch täglich, eine Woche lang, mit Rizinusöl „salben“, bei trockenem Wetter leichter Schuhputz, bei Regen wieder Rizinusöl. „Wir Kinder“, so erzählt die Tochter, „haben die verdreckten Schuhe in der Badewanne mit der Wurzelbürste geschrubbt – danach zum Trocknen mit Zeitungspapier ausgestopft.“ Als letzter Akt sei Vaseline-Salbe mit den Handballen einmassiert worden.

Wer das 114 Jahre alte Paar heute zur Hand nimmt und die auf der Unterseite platzierten

Nägel und Krampen

zählt, ist erfreut über den guten Zustand des „Alltagszeugs“. Zerschlissenheit ist hier ein Ehrenschild – und bekräftigt eine Weisheit, die aus Fernost stammt und von Gudrun Schirrmann ausgesprochen wird: „Wenn ein Gebrauchsgegenstand – so sagen die Japaner – seit hundert Jahren besteht, hat er eine eigene Seele.“

Für Richard Schirrmann waren die Erlebnisse auf dem gewanderten Weg die wirklich bedeutsamen. „Das Wissen der Welt beim Gehen erfahren“ ist so ein Satz, der nachklingt.

Ihr Vater, so die Nachlassverwalterin, sei beseelt gewesen von Luft, Licht, einem königlichen, fast meditativen Reisen. Auf Schusters Rappen sich dorthin bewegen, wo die „Tretmühle des Alltags“ nicht mehr wirkt. Ins Offene denken. Mit Schuhen wie diesen an den Füßen kann es gelingen.

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