Die Jugendherberge in Grävenwiesbach ist jetzt ein Ausweichquartier der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen und kann daher nur aus der Ferne fotografiert werden.
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Die Jugendherberge in Grävenwiesbach ist jetzt ein Ausweichquartier der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen und kann daher nur aus der Ferne fotografiert werden.

Usinger Land

Jugendherberge in Grävenwiesbach wird zum Ausweichquartier für Geflüchtete

100 Personen leben jetzt in den Zwei- bis Vierbettzimmer der Jugendherberge mit insgesamt 140 Betten.

Usinger Land -Nudeln, die 25 Personen satt machen, nimmt der Herbergsvater der Jugendherberge in Grävenwiesbach, Rudolf Baues, am Montag von Birgit Hahn (SPD) aus Usingen im Namen der DRK-Lebensmittelausgabe "Aufgetischt" entgegen. So eine Fünf-Kilo-Großpackung darf das DRK nicht einfach aufreißen und portionieren. Doch in Grävenwiesbach kommen diese Nudeln gerade recht, denn in der Jugendherberge leben seit Ende Dezember 100 Geflüchtete. Die Menschen kommen aus der Türkei, Syrien, Afghanistan, Iran und Irak. "Es handelt sich vor allem um Familien und Familienverbände", teilt das zuständige Regierungspräsidium (RP) in Gießen mit. Alle Bewohner sind Asylsuchende, die einen Asylantrag gestellt haben und sich im laufenden Asylverfahren befinden. Es besteht somit Residenzpflicht, heißt es.

Der neue Wohnort der Geflüchteten liegt zwar mitten im Wald, ist aber sehr geschichtsträchtig: Richard Schirrmann, Gründer des deutschen und internationalen Jugendherbergswerkes, lebte in Grävenwiesbach in unmittelbarer Nachbarschaft der heutigen Jugendherberge bis zu seinem Tod 1961.

Letzte Besucher im März 2020

Das RP hat die Jugendherberge in der Hasselborner Straße als Ausweichstandort für die Erstaufnahmeeinrichtung des Landes gemietet, die Verpflegung wird von den Herbergseltern Andrea und Rudolf Baues und ihrem Team organisiert. "Für uns ist das Business as usual", sagt Baues und meint damit die Vor- und Nachbereitung für Frühstück, Mittagessen und Abendessen sowie Reinigungen und Hausmeisterarbeiten. Er findet es sehr schön, dass er nun - im Lockdown - wieder Gäste beherbergt. Denn die letzten fünf Schulklassen hat er im März vergangenen Jahres verabschiedet.

Die Lebensmittel liefern größtenteils Unternehmen aus bestehenden Einkaufskooperationen des Deutschen Jugendherbergswerks, Landesverband Hessen (DJH), auf besondere Vorgaben müsse er jedoch kaum achten. "Bei Schülerbesuchen aus Offenbach und anderen Großstädten sind zehn oder mehr Nationalitäten im Haus", schmunzelt Baues.

Die Asylsuchenden wurden in Grävenwiesbach untergebracht, um die hessische Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen zu entlasten beziehungsweise, "um eine den Corona-bedingten Abstandsgeboten angemessene Unterbringung weiterhin gewährleisten zu können", so der stellvertretende RP-Pressesprecher Thorsten Haas. Alle Personen hätten vor dem Umzug eine 14-tägige Quarantäne absolviert und seien symptomfrei, sagt Haas.

Drei Einrichtungen sind geschlossen

Die 100 Geflüchteten sollen zunächst für drei Monate, bis Ende März, in der Jugendherberge in Grävenwiesbach leben, "mit der Option der Verlängerung". Die Zwei- bis Vierbettzimmer der Jugendherberge mit insgesamt 140 Betten und einem großen angrenzenden Freigelände eigne sich für die Unterbringung von Familien in besonderer Weise, heißt es. Mögliche Gefahrenstellen, wie ein Weiher in der Nachbarschaft, wurden durch die Freiwillige Feuerwehr abgesichert, so Grävenwiesbachs Bürgermeister Roland Seel (CDU).

Die Kooperation kam durch eine Initiative des DJH-Landesverband zustande, sagt Haas. Auch die Jugendherberge in Büdingen diene als Ausweichstandort.

Richard Schirrmanns größter Wunsch war es, dass der Jugendherbergsgedanke nach seinem Tod nicht "verwässert" wird. Doch durch die Corona-Pandemie hat sich auch die Situation der Jugendherbergen verschlechtert. "Wir mussten zum Jahresende 2020 leider die Standorte Gießen, Weilburg und Zwingenberg schließen, gehen aber aktuell davon aus, dass wir die jetzt noch 25 Standorte erhalten können. Somit auch die Jugendherberge Grävenwiesbach, die für uns ein wichtiger Standort für Klassenfahrten und Gruppenveranstaltungen ist", sagt Knut Stolle, Pressesprecher des Landesverbandes. "Der hauseigene Team-Seilgarten sowie die Vielfalt und Qualität der Erlebnis- und Sozialpädagogischen Programme sind für den Landesverband etwas ganz Besonderes."

Hintergrund: Gründungsvater ist berühmt

Richard Schirrmann (1874-1961) ist der bekannteste Bürger von Grävenwiesbach. Denn der Gründer des deutschen und internationalen Jugendherbergswerkes lebte von 1937 bis zu seinem Tod in einem Haus im Mönchweg 2 in Grävenwiesbach - es ist rund zehn Gehminuten von der Jugendherberge entfernt.

Schirrmann richtete in Altena im Sauerland 1907 die erste Jugendherberge der Welt ein. Voraus war eine mehrtägige Wanderung mit seinen Schülern gegangen, bei der er wegen eines Unwetters ein Behelfsquartier in der Dorfschule in Bröl (Hennef) aufsuchen musste. Daraus entwickelte er die Idee eines flächendeckenden Netzwerkes von Jugendherbergen.

Schon 1912 zog die erste Jugendherberge in die Burg Altena um, und Schirrmann wurde dort der erste Herbergsvater. Es folgte die Gründung des Jugendherbergsverbandes im Jahr 1919. 1922 ließ sich der Lehrer vom Schuldienst beurlauben, um sich ganz auf seine neue Aufgabe konzentrieren zu können.

Von 1933 bis 1936 engagierte er sich als Vorsitzender des Internationalen Jugendherbergsverbands. Nach dem Krieg startete er den Wiederaufbau des Jugendherbergswerks in Deutschland und breitete dies auch auf internationaler Ebene aus.

Schirrmanns Tochter Gudrun Schirrmann richtete in seinem Haus in Grävenwiesbach ein Museum ein. Dort ist Schirrmanns Arbeitszimmer im Original erhalten zu besichtigen. Berühmt sind seine Wanderschuhe von 1903, seine Kamera von 1900 oder auch Fotos aus seinem Leben von 1890 bis 1961, die dort alle als Exponate zu bestaunen sind.

Von Nina Fachinger

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