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Die alte Schule in Grävenwiesbach befindet sich am Wuenheimer Platz und wird heute als Dorfgemeinschaftshaus genutzt.

Historisch

Auf dem Land hatten die Pädagogen in den vergangenen Jahrhunderten einen sehr schweren Stand

Es waren keine rosigen Zeiten für die Lehrer in den vergangenen Jahrhunderten. Einer starb an Auszehrung, ein anderer musste wegen Überforderung in die Idiotenanstalt. Die Schulchronik gibt Einblicke in den Alltag Grävenwiesbachs im 19. Jahrhundert.

Unterricht in Grävenwiesbach fand schon lange vor der Einführung der Schulchroniken statt – und zwar in den Wohnungen der Lehrer. Allerdings gibt es darüber nur wenige Aufzeichnungen. Um die Jahrhundertwende 16./17. Jahrhundert wird ein Peter Koch erwähnt, der die Kinder des gesamten Kirchspiels unterrichtete. Rückblickende Angaben in der ersten Schulchronik berichten, dass die Grävenwiesbacher Elementarschule in älteren Zeiten (vermutlich im 18. Jahrhundert) von einem Herrn Caplan geführt wurde. Er war zugleich der Pfarrgehilfe.

67 Kinder im Jahr 1819

Die Schulchronik beginnt mit Christian Diefenbach, der am 17. April 1819 seinen Dienst antrat. Bei seinem Antritt besuchten 67 Kinder die Schule und der Unterricht fand in einem Haus statt, in dem auch die Lehrer-Wohnung untergebracht war. Diefenbachs Berichte waren spärlich, und über seine Lebensumstände sowie den Alltag im Dorf gibt es keine schriftlichen Aufzeichnungen. Philip Jacob Pfeifer, der 1822 als Nachfolger eingesetzt wurde, berichtete in einem Satz: „Im Jahre 1822, den 27. Mai, starb Lehrer Diefenbach an der Auszehrung.“

Pfeifer blieb nur ein Jahr und berichtete sehr langatmig über seinen beruflichen Werdegang und sehr kurz über die Herbstprüfung 1822, die im Beisein von Pfarrer Otto stattfand.

1823 übernahm Gottfried Acker, obwohl er gegen die Versetzung aus Runkel nach Grävenwiesbach Einspruch einlegte. Stetige Lehrerwechsel folgten. 1824 übernahm Schullehrer J.C. Kraemer, der krank war. Seinen Aufzeichnungen zufolge litt er wohl unter Burn-out, auch wenn es damals unter diesem Namen nicht bekannt war.

Nachdem er in der „Irrenanstalt“ von Eberbach wieder hergestellt wurde, trat er am 1. April 1824 den Dienst in Grävenwiesbach an. Ihm folgte bereits ein Jahr später Lehrer Alberti, der wohl aber auch nicht nach Grävenwiesbach wollte. Doch er blieb laut Schulchronik dann immerhin zehn Jahre. Auch seine Angaben über die Schülerzahl, die Ab- und Zugänge waren sehr viel ausführlicher. Er schrieb über die Schulprüfungen, die jeweils im Frühjahr und im Herbst vor einer Kommission stattfanden und in denen der Kenntnisstand der Schüler als auch die Lehrfähigkeit der Lehrer getestet wurde. 1831 berichtet er zudem erstmals von der Baumschule, in der ein Jahr zuvor 150 Stämmchen veredelt wurden und in diesem Frühling die meisten durch Hasen und weitere Tiere ruiniert waren.

Industrieschule

Im Jahr 1832 führte er zudem die Arbeit der Industrieschule auf: Geflickt wurden 64 Hemden, 36 Paar Strümpfe und an neu gefertigten Näharbeiten waren es 31 Hemden, 11 Betttücher und einiges mehr. Wann die Industrieschule eingeführt wurde, geht aus der Chronik nicht hervor.

Die Aufzeichnungen lassen durchblicken, dass es Reibereien zwischen Alberti und den Prüfungskommissionsmitgliedern gegeben haben musste. So war es nicht verwunderlich, dass sein Nachfolger Christian Wilhelm Lenz berichtete, dass Alberti wegen „mehrmaliger Fehler gegen die Subordination…, weshalb er mehrmals von seiner vorgesetzten Behörde ermahnt und ernstlich verwarnt wurde…“ nach Kirdorf versetzt wurde.

Lenz übernahm die Lehrerstelle im September 1835 und erhielt 300 Gulden Sold, wovon er für die Wohnung im Schulhaus 25 Gulden zahlen musste. Mit ihm waren die Prüfer anscheinend zufrieden, denn er erhielt nach fast jeder Prüfung eine zusätzliche Gratifikation. Im Jahr 1855 erhielt er Unterstützung durch Schulvikar Wilhelm Müller. Zu dieser Zeit mussten 114 Kinder unterrichtet werden. Christian Wilhelm Lenz lebte noch bis 1860. Am 3. Juni starb er nach mehrjährigem Leiden. Woran er litt, ist nicht beschrieben. Seine Stelle übernahm Christan Roth.

Seltsamerweise ist auch der Bau der Schule, die am 25. Oktober 1848 eingeweiht wurde, nicht in der Chronik enthalten. Die Einträge von 1848 berichten von der Frühlings- und Herbstprüfung und dass in den Märztagen „in unserem Herzogthum Nassau und in den übrigen Ländern Deutschlands eine Revolution ausbrach.“

1884 kam Lehrer Peter Wagner. Dieser hat wohl eine schwere Zeit in Grävenwiesbach erlebt. 1890 schrieb er: „Diejenigen Herren, die zuerst mir Blumen und Palmen gestreut haben, das waren auch dieselben Herren, die zuerst gesprochen haben: Kreuziget den Schlechten, er tauget nicht“. Er sei durch Denunzianten in große Calamitäten gekommen, doch er sei freigesprochen worden. Was genau vorgefallen war, schreibt er nicht, doch blieb er weiter suspendiert und wegen Diebstahls sowie verschiedenen anderen Vergehen soll er ein dreiviertel Jahr in Untersuchungshaft gesessen haben, wie nachträglich berichtet wird.

von CORINA APPEL

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