Die Delegation des Gießener Regierungspräsidenten Dr. Christoph Ullrich (4.v.r.) sieht sich in der von Flüchtlingen belegten Grävenwiesbacher Jugendherberge um.
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Die Delegation des Gießener Regierungspräsidenten Dr. Christoph Ullrich (4.v.r.) sieht sich in der von Flüchtlingen belegten Grävenwiesbacher Jugendherberge um.

Grävenwiesbacher Jugendherberge ist ein Zuhause auf Zeit

Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich besucht Geflüchtete

  • Nina Fachinger
    VonNina Fachinger
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Rund 100 Asylbewerber leben im Haus mitten im Grünen

Drei Frauen gehen mit Einkaufstrolley auf der steilen Hasselborner Straße unterhalb der Jugendherberge in Grävenwiesbach Richtung Ortskern - bis zum Rewe ist es nicht weit. Zwei von ihnen führen Kinder an der Hand und die dritte zieht den Trolley hinter sich her. Der Kontakt zwischen den Geflüchteten oder Menschen in Not, die seit Dezember 2020 in der Jugendherberge leben und dem Rest der Grävenwiesbacher Bevölkerung sei freundlich, sagt Herbergsvater Rudolf Baues. Bürgermeister Roland Seel (CDU) pflichtet ihm bei. "Wir haben keinen Kritikgrund", so Seel. Die Jugendherberge wurde zu einer Außenstelle der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen in Gießen umfunktioniert. Davon hat sich am Donnerstag auch Gießens Regierungspräsident (RP) Dr. Christoph Ullrich mit einigen seiner Mitarbeiter sowie Vertretern des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) Hessen überzeugt.

Mittlerweile leben nicht mehr dieselben Personen hier wie noch im Dezember, denn Familien bleiben maximal ein halbes Jahr in der Erstaufnahme. "Neuzugänge gibt es einmal pro Woche, Abgänge kann es täglich geben", sagt Anne Sussmann, Standortleitung in Gießen und somit auch Leiterin der Außenstelle.

In Grävenwiesbach wurden überwiegend Familien mit Kindern, Menschen mit Erkrankung/Behinderung und alleinreisende Frauen untergebracht, insgesamt 103 Personen. Es gibt zwar zwei Häuser mit insgesamt 170 Betten, 116 werden maximal belegt. Die meisten Asylbewerber kommen aus Afghanistan und Syrien, an dritter Stelle steht das Herkunftsland Somalia.

60 Prozent lassen sich impfen

Alle Bewohner befinden sich im laufenden Asylverfahren beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Die Behörde entscheidet, ob ein Asylantrag angenommen wird oder nicht. "Wir behandeln alle gleich, die Angebote stehen allen gleichermaßen zur Verfügung, doch ob sie bleiben könne oder nicht, entscheidet das BAMF", erläutert Ullrich. Für die Entscheidung braucht es einige Wochen bis Monate.

Die Geflüchteten würden bereits bei ihrer Ankunft in Gießen mit Johnson & Johnson geimpft, sofern sie das möchten. Die Impfquote liege bei dieser Gruppe etwa 60 Prozent.

"Wir sind sehr froh über diese Kooperation, da wir durch Corona in einer wirtschaftlichen Notlage waren. Es passt zu unserem Satzungszweck, zu dem auch die Völkerverständigung zählt", sagt Nico Lorenz, Vorstandsmitglied im DJH Hessen. "Wir freuen uns einfach, dass wir unseren Job machen können und dass wir Geld dafür bekommen", sagt Baues und ergänzt "Jugendherbergen auf dem Land kämpfen ums Überleben". Er habe übrigens den Eindruck, dass sich das Umfeld "mitten im Grünen" positiv auf die Psyche der neuen Bewohner auswirke.

Sowohl DJH als auch RP betonen, dass die Umwandlung der Jugendherberge nur eine Übergangslösung sei - entsprechend seien die Verträge formuliert worden. Bei der ersten Ankündigung im Dezember war noch von einer Unterbringung bis März diesen Jahres die Rede, aktuell gibt das RP kein Datum heraus. "Es klappt gut, aber in fünf Jahren muss das nicht zwingend noch eine Erstaufnahmeeinrichtung sein", so Ullrich.

Verständnisvolle Stammgäste

Es ist auf der Homepage der Grävenwiesbacher Herberge nachzulesen, dass sie vorübergehend nicht zu buchen ist. "Wir haben sehr viele Stammgäste, die haben äußert positiv aufgenommen, dass wir Menschen in Not helfen", sagt der Herbergsvater. ",Das ist schade, aber dann kommen wir im nächsten Jahr', wurde oft geantwortet."

Während des Termins halten sich viele Geflüchtete im überdachten Hof auf - einige sind in ihrem Zimmer und immer mal wieder schaut ein Kind zur Tür des Speisesaals herein.

Beim Rundgang durchs Haus kommt uns Zeeshan Ahmad entgegen - dass er kein Bewohner ist, ist an seinem Umhängeschild zu erkennen, das alle Dienstleister und RP-Mitarbeiter im Haus tragen. Ahmad arbeitet für den sozialen Dienstleister European Homecare (EHC). In einem Nebenraum spielt eine Gruppe Kinder Seilspringen, sie werden von zwei EHC-Mitarbeitern beaufsichtigt. Gesprochen werde "ein bisschen Deutsch, ein bisschen Englisch", sagt Ahmad. Zwei EHC-Mitarbeiter sind jeden Tag vor Ort, ebenso vier Mitarbeiter der Firma Pond Security Service (24 Stunden), "zwei Mal die Woche kommt ein Sozialarbeiter, nach Möglichkeit öfter, mehrmals die Woche kommt ein schulischer Betreuer vom RP, jeweils zwei Mal die Woche ein Arzt sowie eine medizinische Fachangestellte, das DRK ist jeden Abend da", erläutert Sussmann. Die DRK-Mitarbeiter kümmern sich um verstauchte Hände, Fieber oder Mückenstiche. Und natürlich führen die DRK-Mitarbeiter Corona-Tests durch, falls jemand Symptome zeigt.

Die Herbergseltern sind für Mahlzeiten und Zimmer zuständig, Jörg Führich vom RP ist "Ansprechpartner für alles", wie er sagt. Er hat erst in dieser Woche seinen Dienst angetreten, davor hat Sussmann von Gießen aus die Außenstelle gemanagt. Dass er pensionierter Polizist ist (ehemals Dienstgruppenleiter in Usingen) sei reiner Zufall. "Ich bin momentan 20 Stunden die Woche da", so Führich. Doch auch Berufserfahrung in diesem Bereich hat er schon als Standortleiter der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung von 2015 bis 2016 gesammelt.

Jugendherbergsvater Rudi Baues (rechts) zeigt Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich eines der Zimmer in der Grävenwiesbacher Jugendherberge.

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