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Eine Bronzestatue der Justitia steht in Frankfurt am Main.

Angeklater mit Persönlichkeitsstörung

Überraschende Wende im Reitplatz-Prozess: Psychiatrie statt Haft?

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Im Prozess gegen einen 25-Jährigen, der mit Waffengewalt von Jugendlichen Wertsachen erpresst haben soll, kündigte sich am zweiten Verhandlungstag vor dem Landgericht eine Wende an. Möglicherweise ist der Mann aufgrund einer Persönlichkeitsstörung ganz oder teilweise schuldunfähig. Seine Vita spricht dafür.

Ein 25-jähriger früherer Grävenwiesbacher, der sich am 8. April 2016 auf dem Grävenwiesbacher Reitplatz der schweren räuberischen Erpressung schuldig gemacht haben soll, muss möglicherweise nicht ins Gefängnis, dafür aber in eine psychiatrische Einrichtung. Der junge Mann soll mit einem bereits verurteilten Komplizen drei Jugendliche mit einer Pistole bedroht und sie so gezwungen haben, eine Halskette, ein Handy und eine Uhr herauszugeben.

Während des Prozesses ist ein Urteil des Jugendschöffengerichts Fritzlar aus 2011 aufgetaucht. Der Angeklagte war wegen Einbruchs, Fahrens ohne Fahrerlaubnis, gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei, Körperverletzung sowie schweren Diebstahls von Autos zu eineinhalb Jahren Jugendhaft ohne Bewährung verurteilt worden. In Kenntnis dieses Urteils, so der Richter, hätte er gleich einen psychiatrischen Sachverständigen hinzugezogen. Das Fritzlarer Verfahren, bei dem ein solcher Experte dem Angeklagten eine Persönlichkeitsstörung attestierte, hatte es nicht in den Bundeszentralregisterauszug des Angeklagten geschafft, weil die Akte verschwunden ist.

Dass sich beim Angeklagten eine solche Störung entwickelt haben könnte, schließen nach dem zweiten Prozesstag weder Richter, noch Staatsanwalt und Verteidiger aus. Weit über eine Stunde lang hatte sich das Gericht mit dem Werdegang des Mannes befasst. Dabei zeigte sich, dass er aufgrund zutiefst zerrütteter Familienverhältnisse und nach unzähligen Aufenthalten in Jugendbetreuungseinrichtungen, und Haftanstalten verhaltensauffällig und aggressiv geworden ist. Offenbar hat er Zuflucht im Alkohol- und Drogenkonsum gesucht. Der Missbrauch könnte, so das Gericht, die Persönlichkeitsstörung ausgelöst haben. Grundsätzlich bestätigte der Angeklagte seine der Akte beigefügte Vita, ließ aber erkennen, dass aus seiner Sicht „immer die anderen schuld sind“. Er will Struktur in deren Leben gebracht haben, während sein eigenes aus den Fugen geraten sei.

Bei der Tat auf dem Reitplatz sei der Angeklagte alkoholbedingt allenfalls mäßig in seiner Steuerungsfähigkeit eingeschränkt gewesen, sagte der Gerichtsmediziner, der nicht glaubt, dass der Mann all das, was er im Prozess angegeben hat – rund einen halben Liter Wodka und einen Liter Jägermeister – auch wirklich getrunken hat: „6,5 Promille, da wäre er nicht mehr unter den Lebenden.“ So könnte es eng für ihn werden. Angeklagt ist schwere räuberische Erpressung – mindestens fünf Jahre Haft. Es wird davon abhängen, wie das Gericht die auseinandergehenden Aussagen der Opfer bewertet.

Dass die ihm zur Last gelegte Tat dem Angeklagten nicht wesensfremd sein könnte, belegt eine Anklage des Amtsgerichts Limburg. Der Prozess ist noch nicht terminiert. Im Oktober 2016, ein halbes Jahr nach dem Grävenwiesbacher Fall, soll er in Haintchen mehrere Personen mit Pistole und Messer bedroht und einen Mann mit der Waffe gegen den Kopf geschlagen haben. Im Prozess jetzt hatte der Mann behauptet, auf dem Reitplatz keine Waffe gehabt zu haben, er hasse Waffen. Dagegen hatte sein mutmaßlicher Kumpan gesagt, der Angeklagte habe sie sogar besorgt.

Abzuwarten bleibt auch, was bei der Berufungsverhandlung am 7. Dezember vor dem Frankfurter Landgericht herauskommt. Der Angeklagte war im Frühsommer vom Bad Homburger Amtsgericht unter anderem wegen Einbruchdiebstahl zu eineinhalb Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt worden. Er hatte nach Überzeugung des Gerichts in Grävenwiesbach ein Motorrad zwei Mal gestohlen, nachdem es zunächst seinem Besitzer zurückgegeben worden war. Ein ähnlicher Diebstahl war auch Teil des Fritzlarer Verfahrens, auch da hatte er ein Motorrad zwei Mal gestohlen.

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