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Verwaltung im Wohnzimmer

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ualoka_rettner_kh_210422_4c © Andreas Romahn

Grävenwiesbach-Hundstadt. Als 1972 die Großgemeinde Grävenwiesbach geboren wurde, verlor das Dorf Hundstadt seine Eigenständigkeit. Mit der Gebietsreform vor 50 Jahren schied auch der ehrenamtliche Hundstädter Bürgermeister Willi Rettner am 1. Februar 1972 aus dem Dienst aus. Rosi Reuter erinnert im Gespräch mit dieser Zeitung an ihren Vater Willi Rettner, der 24 Jahre lang von 1948 bis 1972 ununterbrochen Bürgermeister von Hundstadt war.

Im Alter von 37 Jahren wurde der parteilose, auf der eigenen Liste »Willi Rettner« kandidierende Politikneuling 1948 zum Bürgermeister gewählt. Erst zwei Jahre zuvor war er aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt (»Das war sein zweiter Geburtstag«) und gerade frisch vermählt. Tochter Rosi wurde erst fünf Jahre später 1953 geboren. »Mein Vater war aus Liebe zu meiner Mutter in Hundstadt geblieben«, erinnerte sich die Tochter an die Erzählungen ihres Papas.

Vor dem Krieg im Hotelfach

Rettner war vor dem Krieg im Hotelfach tätig gewesen, sprach fließend Französisch und hatte schon in jungen Jahren in Frankreich gearbeitet. Mit der Heirat betrieb er nun die Landwirtschaft, statt das Hotelfach. Der offizielle Amtssitz von Bürgermeister Rettner war das alte Rathaus in der Hauptstraße 64. Der ehrenamtliche Bürgermeister und hauptamtliche Landwirt hatte wenig Zeit für Repräsentation. So wurden die meisten Amtsgeschäfte im Wohnzimmer der Familie in der Hauptstraße 30 erledigt. Hier stand ein großer Eichenschreibtisch, von Schreiner Otto Veith maßgefertigt. In ihrer Kindheit war das Möbelstück für Rosi Reuter tabu: »Auf dem Schreibtisch durfte niemand etwas anfassen.« Hier empfing ihr Vater die Bürger, denn im Rathaus hatte er nur wenig Sprechstunden. Dort arbeitete nur eine Schreibkraft. Erst in den 60er-Jahren wurde durch Hausanbau ein kleines Büro in der Hauptstraße 30 geschaffen.

Für die Tochter des Bürgermeisters übte das alte Telefon die größte Faszination aus. Es gab nur drei Telefonanschlüsse in Hundstadt. »Wir waren Telefonzentrale, denn viele kamen zu uns zum telefonieren und meldeten Gespräche an.« Mit demselben Apparat führte Rettner die Amtsgespräche. Und dann gab es da noch einen Knopf, mit dem direkt ins Rathaus umgestellt wurde. »Ich durfte die Post auf den Tisch legen, aber ansonsten bloß keine Finger dran. Das war ganz gefährlich.«

Amtshandlung in Gummistiefeln

Besonders gut in Erinnerung blieben der Bürgermeistertochter die Botengänge, die sie verrichten durfte: »Wenn mein Vater die Verlängerung der Sperrstunde anordnete, dann trug ich die Genehmigungen besonders gerne aus. Denn da gab es von den Gastwirten als Dankeschön Schokolade.« Wenn es ganz dringend war, kam Rettner schon mal in Gummistiefeln aus dem Stall, um sein Amt auszuführen. Als Hundstädter Bürgermeister stellte er die Aufenthaltsbescheinigungen aus, befürwortete oder lehnte ab bei Passanträgen oder erteilte Auskünfte zur Kreditwürdigkeit. Wenn ein Formular fehlte, radelte der Verwaltungschef mit dem Fahrrad ins Rathaus, um das Dokument zu holen und der Besucher wartete derweil im Wohnzimmer.

Lohnsteuerkarten füllte Rettner zunächst mit der Hand und später per Schreibmaschine aus; die wurden dann vom Ortsdiener verteilt. Die Sprechzeiten des Bürgermeisters waren spät, wenn es dunkel wurde und die Arbeit auf dem Feld fertig war. Wenn es um 20 Uhr an der Tür klingelte, musste die Familie das Wohnzimmer räumen, erinnerte sich die Tochter an die späte Entgegennahme von Bauanträgen, die Rettner tags darauf beim wöchentlichen Besuch im Landratsamt weiterreichte. Täglich kam der »Onkel Förster« vorbei, um seine Post abzuholen, und dann wurde ein Schwätzchen gehalten. In seiner 24-jährigen Amtszeit prägte Bürgermeister Rettner, der auch für die FDP im Kreistag saß, das Leben der Hundstädter maßgeblich. Er führte die eigenständige Gemeinde vom Wiederaufbau der Nachkriegszeit bis in die Zeitenwende der siebziger Jahre. Dazu gehörten schmerzliche Ereignisse wie die Auflösung des Altersheimes im MUNA-Flüchtlingslager und der Umzug der alleingebliebenen Senioren in andere Heime. Ein freudiges Ereignis war die Eröffnung der neuen Schule am 18. Juli 1951. Wegen der vielen Flüchtlingskinder bekam das kleine Dorf eine dreiklassige Volksschule, die bis 1972 im Weiler Weg war und heute den Landkindergarten Hundstadt beherbergt.

Notbestuhlung aus dem Kino

1956 wurde der Fortschritt mit der Einweihung des Wasserhäuschens und des Pumpwerkes am Hirschsteinfelsen gefeiert. 1964 wurde die Leichenhalle gebaut. Die Trauerhalle lag ihm am Herzen, weiß Rosi Reuter, denn der Friedhof war für Rettner das Aushängeschild im Dorf. Zur Einweihung wurden extra 120 Klappstühle angeschafft, die aus einem Kino in Oberursel stammten. Die Bestuhlung in Form von je fünf zusammenhängenden Klappstühlen und einem Notsitz existiert noch heute. In der Freizeit war der Fußball Nummer Eins (»Das war sei Leben«) und deswegen verbrachte der langjährige Vorsitzende der SG Hundstadt viel Zeit auf dem Sportplatz »Auf der Warth«. Hier und zu vielen anderen repräsentativen Anlässen waren Frauen Fehlanzeige. »Meine Mutter hatte für die Landwirtschaft gelebt und ihm den Rücken freigehalten. Ich wurde von Mitschülern nie als Bürgermeistertochter angesprochen«, schilderte Reuter das unauffällige Leben der Bürgermeisterfamilie.

Ins Bewusstsein rückte das Amt vor allem nach den Wahl oder Wiederwahl, wenn die Holzmacher die Bürgermeistertanne im Wald schlugen und am Haus in der Hauptstraße 30 aufstellten. Zu großen Dorffeiern, wie dem Sängerfest 1950, fuhr Bürgermeister Rettner im Festzug alleine mit dem Landrat oder dem Jagdpächter im offenen Kutschwagen und später im VW-Cabrio der Firma Stehning. Rosi Reuter war 19 Jahre alt, als ihr Vater 1972 aus dem Dienst der Gemeinde Hundstadt ausschied. »Die Hundstädter wollten damals nach Usingen, aber das hatte ja nicht geklappt.« Vielleicht gab es deshalb keine offizielle Verabschiedung.

Staatsbeauftragter bei Gebietsreform

Stattdessen half Willi Rettner vom 1. Januar bis 12. März 1972 als Staatsbeauftragter bei der Neugründung der Gemeinde, ehe sich nach der Wahl die erste Gemeindevertretung und der Gemeindevorstand konstituierten. Am 9. Mai 1972 wurde als erster Bürgermeister der Großgemeinde Grävenwiesbach Karl Gruber gewählt. Da war Rettner Parlamentarier der FWG. 1980, im Jahr der Verschwisterung mit der französischen Partnergemeinde Wuenheim, verstarb Willi Rettner. Über die 42-jährige deutsch-französische Freundschaft beider Gemeinden würde sich der stets zu Frankreich Verbundene sicher freuen.

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ualoka_retter2_kh_210422_4c_1 © Andreas Romahn

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