+
Vanessa Franz auf ihrer „Trainingsstraße“ vor der Haustür in Wehrheim. 

Besenstiel als Tanzpartner

Corona-Krise bremst Turniertänzerin nicht aus: Vanessa (21) verlegt Training auf die Straße

  • schließen

Turniertänzerin Vanessa Franz aus Wehrheim lässt sich von Corona nicht ausbremsen: Sie übt da, wo Platz ist – und hat deshalb sogar manchmal Publikum.

  • Um die Ausbreitung des Coronavirus in Hessen zu verhindert, wird das öffentliche Leben stark eingeschränkt
  • Tänzerin Vanessa Franz aus Wehrheim (Hochtaunuskreis) darf nicht mehr mit ihrem Partner trainieren
  • Die 21-Jährige tanzt und trainiert in der Pandemie vor dem Haus auf der Straße

Wehrheim – Vanessa Franz tanzt weiterhin nicht nur für sich. Sie spürt das, sie mag das. Wer Tanzen als Leistungssport betreibt, wird gerne angesehen, von den Kampfrichtern, dem Publikum, es wimmelt auf dem Parkett nur so von extravaganten, gut aussehenden Persönlichkeiten, die ganz nebenbei außerordentlich viel Sportliches leisten.

Wehrheim (Hochtaunuskreis): Tänzerin macht wegen Corona Spielstraße zur Tanzstraße

Jetzt, in Corona-Zeiten, in denen die Hessenmeisterin aus dem Hochtaunus nicht gemeinsam mit ihrem angestammten Tanzpartner Lukas Spampinato trainieren darf, geschweige denn, an Turnieren teilnimmt, jetzt erklärt die 21-Jährige bei schönem Wetter die Spielstraße vor dem Haus zu ihrer eigenen Tanzstraße. Hier auf dem Asphalt hat sie den Platz, denn sie für ihre Schrittfolgen benötigt. Und manchmal auch das Publikum, wie die junge Wehrheimerin schon lächelnd wahrgenommen hat, wenn mal wieder ein Fußgänger stehen geblieben ist, Radfahrer angehalten hat oder Gardinen in den Nachbarhäusern verdächtig wackeln.

Immer wenn die angehende Maßschneiderin nicht mit dem Lernen für ihre Gesellenprüfung beschäftigt ist - sie besucht dafür die Frankfurter Schule für Kleidung und Mode - tut sie etwas für ihre sportliche Karriere (die ihr genauso wichtig ist). Auch die Pandemie vermag Vanessa Franz da in ihrem Tatendrang nicht bremsen, obwohl sie einen sogenannten Kontaktsport ausübt und nicht wie gewohnt üben kann.

Vanessa Franz mit Lukas Spampinato beim internationalen Turnier „Hessen tanzt 2019“ in Frankfurt. 

Wehrheim (Hochtaunuskreis): In der Corona-Zeit ist der Besenstiel der Tanzpartner

Der Schützling der Bad Homburger Tanzsport-Größe Sascha Karabey stellt für die täglichen Einheiten ihr Handy auf „laut“ und bewegt sich zur Musik in Windeseile auf der Straße oder im Wohnzimmer - je nachdem. Sie trägt dabei in der Horizontalen einen Besen mit sich, der für die perfekte Linienführung ihrer Arme sorgt. Und sie tanzt Walzer, Foxtrott oder Quickstep, als ob ihr Wiesbadener Partner dabei wäre. Mit Lukas Spampinato (20) tanzt sie seit zwei Jahren für Blau-Orange Wiesbaden.

Die beiden Youngster sind in der vergangenen Saison als Hessenmeister in die höchste Amateurleistungsklasse S aufgestiegen ist, haben es bei internationalen U21-Turnieren schon bis auf Rang acht geschafft. Das ist alles andere als schlecht, auch wenn es noch nicht für ein Finale gereicht hat. Sie gehören dem C-Kader an, befanden sich vor Corona also unter den besten 20 Turnierpaaren Deutschlands. So soll das nach der Pandemie auch bleiben.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass die frühere Leistungsturnerin des TV Weißkirchen bei Ingo Klouda gestanden hat und den bekannten Neu-Anspacher Tanzlehrer fragte, wie man denn Formationstänzerin werden kann. „Mach' erstmal deinen Grundkurs“, habe dieser ihr geantwortet. Es dauerte keine drei Jahre, da tanzte Vanessa Franz mit einer Friedberger Formation in der Bundesliga. Jedoch sei das nicht lange etwas für sie gewesen. In einer Formation mit acht Paaren herrsche eine hohe Fluktuation, man müsse sich immer nach den anderen orientieren, erzählt die junge Frau.

Wehrheim (Hochtaunuskreis): Um 4 Uhr geht's vor einem Turnier los – in Zeiten ohne Corona

Besser zur Entfaltung kommt Vanessa Franz als Paartänzerin. Sehr viel Disziplin sei gefragt, um in der höchsten Leistungsklasse bestehen zu können, merkt ihre Mutter Marion an. Sie ist auf den Turnieren ständige Begleiterin. Ihre Tochter steht im Hotel vor einem Wettkampf gegen 4 Uhr auf, um sich um Frisur und Make-up zu kümmern. Die sind für Turniertänzerinnen genauso wichtig wie das Kleid, das bis zu 2000 Euro kosten darf. Wenn die Vorbereitungen angelaufen sind, geht Mama beispielsweise zum Bäcker und holt das Frühstück.

Die ehrgeizigen Tanzsportler reisen schon einen Tag vor den Turnieren an, die deutschlandweit stattfinden. Zum Training geht es auch mal nach Köln zu Bundeskader-Coach Martina Wessel-Therhorn oder nach Sizilien zum Heimtrainer ihres Partners. Wenn nicht gerade ein tödliches Virus ausgebrochen ist.

Wehrheim (Hochtaunuskreis) in der Corona-Krise: Trainiert wird über Video-Chat

Wenn sie wieder richtig tanzen darf, möchte Vanessa Franz noch einiges erreichen. Am besten in selbst geschneiderten Kleidern, mit Lukas Spampinato. Mit ihm führe sie eine Partnerschaft, die rein tänzerischer Natur sei. „Im Tanzsport, schätze ich, sind 80 Prozent der Paare auch zusammen“, lächelt die Wehrheimerin, „wir aber nicht. Zu Lukas' Freundin habe ich ein sehr gutes Verhältnis. Sie ist sehr tolerant.“ Krachen würde es zwischen dem Tanzpartner und ihr trotzdem immer wieder mal. „Das gehört im Tanzsport dazu.“

Momentan vertragen die beiden sich. Zum Video-Chat sind sie verabredet, um gemeinsam Krafttraining zu absolvieren. Das steht für Tanzsportler, wie auch die Verbesserung der Ausdauer, wöchentlich auf dem Plan. Am meisten Spaß macht Vanessa Franz aber derzeit die Performance auf ihrer Tanzstraße.

Von Thorsten Remsperger

Der Sportbetrieb in Wehrheim kann nur langsam wieder Fahrt aufnehmen, weil die Vereine mit unterschiedlichen Auflagen und verschiedenen Voraussetzungen umgehen müssen.

Rund 900 Menschen im Hochtaunuskreis haben seit März gegen die Corona-Verbote verstoßen. Es gab rund 175 Verstöße innerhalb von rund drei Monaten. Die meisten Bürger jedoch halten sich an die Regelungen.

Alle Entwicklungen zur Corona-Krise in Hessen – auch mit aktuellen Informationen für den Hochtaunuskreis – gibt es im Live-Ticker.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare