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251 Fälle von häuslicher Gewalt verzeichnet die Kriminalstatistik des Hochtaunuskreises 2017. Leidtragende sind oft auch die Kinder. Wie man sie besser schützen und ihnen gerecht werden kann, darüber wurde jetzt auf einer Fachtagung in Oberursel gesprochen.

Gewalt

Fälle von häuslicher Gewalt nehmen zu - Behörden arbeiten an besserer Zusammenarbeit

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Im Jahr 2017 verzeichnete die Polizei im Hochtaunus 251 Fälle von häuslicher Gewalt. Charakteristisch ist, dass die Gewalt laut Statistik zu 78,9 Prozent, von Männern ausgeübt wurde.

Der Vater erwürgt die schwangere Mutter. Der fünf Jahre alte Sohn kommt unmittelbar nach der Tat ins Zimmer. Er wird vom Jugendamt in Obhut genommen, kommt in eine Pflegefamilie. Was macht er dort? Er tötet den Hamster.

Ein anderer Bub ist zweieinhalb Jahre alt. Seine drogensüchtigen Eltern streiten und schlagen sich in seinem Beisein häufig. Der Vater schlägt der Mutter bei einer Attacke alle Frontzähne aus. Oft wird der Bub als Schutzschild der Mutter gegen den Vater genutzt. Nach Intervention des Jugendamtes kommt das Kind in eine Familienpflege. Zur Mutter hat es regelmäßig Kontakt, wirkt danach aber apathisch und verstört.

Die Familie mit Kindern im Alter von 11, 10 und 6 Jahren ist seit acht Jahren dem Jugendamt bekannt. In dieser Zeit kommt es regelmäßig häuslicher Gewalt. Die Kinder erleben diese ständig, während sie im angrenzenden Kinderzimmer sitzen. Immer wieder trennen sich die Eltern, kommen wieder zusammen, trennen sich wieder. Mittlerweile zeigen alle Kinder massive Auffälligkeiten und sind in ihrer Entwicklung gehemmt. „Das ist kein Wunder, denn sie waren über Jahre nur damit beschäftigt, die sie umgebende häusliche Gewalt mental zu bewältigen“, sagt Barbara Becker, die stellvertretende Leiterin des Jugendamtes des Hochtaunuskreises.

Fälle wie diese hat Becker zuhauf. Kennt viele Kinder, die miterleben mussten, wie ihren Müttern – denn es sind meistens die Mütter, die verprügelt werden – Gewalt angetan wird. Laut Statistik der Kriminalpolizei des Hochtaunuskreises wurde 2017 insgesamt 251 Fälle gemeldet. Bei vielen davon handelt es sich um Wiederholungsfälle. Die Behörden schreiten ein, der Vater zieht aus. Man versöhnt sich wieder. Doch schon bald folgt die nächste Prügelattacke.

Das Jugendamt des Hochtaunuskreises war 2018 in 106 Fällen von häuslicher Gewalt, in denen Kinder involviert waren, dazu gerufen worden. 101 Inobhutnahmen mussten ausgesprochen werden. „Tendenz steigend“, sagt Becker und blickt aufs noch junge Jahr 2019. Da hat das Jugendamt bereits 14 Kinder in Obhut nehmen müssen.

Eine solche Entscheidung ist nicht leicht. „Man denkt vielleicht auf den ersten Blick, ist doch alles klar, gib dem Vater Hausverbot oder nimm die Kinder vor beiden Elternteilen in Schutz und gib sie in Obhut. Aber so funktioniert das nicht. Denn zunächst einmal sagt das Gesetz, dass das Kind das Recht auf Umgang mit jedem Elternteil hat und jeder Elternteil zum Umgang mit dem Kind verpflichtet und berechtigt ist“, zitiert Wolfgang Schäfer, Richter am Familiengericht Lüneburg Paragraf 1684 des Bürgerlichen Gesetzbuches. Er sagt auch: „Das Familiengericht muss bei Fällen häuslicher Gewalt immer den Spagat zwischen Kinderschutz und Elternrecht versuchen. Automatismen gibt es hier nicht.“ Außerdem stünden die Anhörungen von Kindern nicht auf dem Lehrplan im Jurastudium – „und bei Kinderanhörungen kann man auch viel falsch machen“, sagt Schäfer und fordert zusätzliche Qualifikationen für Familienrichter (siehe zur Rechtslage auch Beitrag unten).

Jede vierte Frau betroffen

Schäfer und Becker sind zwei von insgesamt zehn Referenten, die im Rahmen der Fachtagung „Kindesumgang bei Fällen häuslicher Gewalt“ am Dienstag in Oberursel vor Fachleuten aus Jugend- und Sozialämtern, Frauenhäusern, Täterberatungsstellen, kirchlichen und caritativen Einrichtungen sprechen, die ja nun tagtäglich mit solchen Situationen umgehen müssen. Organisiert hatte die ganztätige Veranstaltung der Hochtaunuskreis in Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk Hochtaunus und der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Die Organisatoren um Kreisbeigeordnete Katrin Hechler (SPD) machten damit klar, wie ernst sie die Sache nehmen, dass schon das Miterleben von Gewalt für Kinder traumatisch und damit kindswohlgefährdend ist. Und dass alle bei solchen Fällen hinzugezogene Akteure sich stärker vernetzen müssen, um die Mädchen und Jungen noch besser vor psychischen Schäden zu schützen.

Cornelia Schonhart, die Leiterin der Landeskoordinierungsstelle gegen häusliche Gewalt beim Hessischen Justizministerium, macht die landesweite Dimension deutlich. 2017 habe es in Hessen 8538 Fälle von häuslicher Gewalt gegeben, bei denen 5630 Minderjährige dabei waren. „Jede vierte Frau ist einmal in ihrem Leben von häuslicher Gewalt betroffen. Hessen hat sechs Millionen Einwohner, die Hälfte davon Frauen. Nehmen Sie 25 Prozent von drei Millionen. Muss ich mehr sagen?“ Muss sie nicht.

Das tut Antje van der Heide, Leiterin der Polizeidirektion Hochtaunus. Seit 30 Jahren ist sie im Polizeidienst und hat nicht nur Gesetzes-, sondern vor allem auch Haltungsänderungen zum Thema häusliche Gewalt miterlebt. „Zu Beginn meiner Karriere wurde häusliche Gewalt nicht ernst genommen.“ Wenn man zu einem solchen Fall gerufen wurde, hieß es, „die“ würden öfter bei der Polizei aufprallen, das gebe sich schon wieder. Oder dass ein schlechtes Elternhaus besser sei als keines und eine Ohrfeige noch niemandem geschadet habe. Van der Heide: „Diese Zeiten sind zum Glück vorbei.“ Und auch die, in der Vergewaltigung in der Ehe straffrei war, in der die Rolle der Frau war, dem Mann zu folgen. „Heute sagen wir: Wer schlägt, der geht, und dass Gewalt in der Ehe eben keine Privatsache ist.“ Und deswegen spricht die Polizei heute auch Platzverweise aus, Betretungsverbote, und kann dafür sorgen, dass ein gewalttätiger Elternteil sofort bis zu 14 Tage seine Familie nicht sehen darf.

Prognosen schwierig

Schwierig sei, die dauerhafte Gefährdungslage einzuschätzen. „Wir müssen ja Prognosen abgeben, ob sich so etwas wieder ereignen könnte. Und da haben „die Kollegen schon Bauchschmerzen, wenn eine Frau die Anzeige gegen ihren Mann zurückzieht.“ Denn, wie ist es einzuschätzen, wenn der Mann sagt: „Ich bring dich um!“? In der Tat kommt der Polizei bei Fällen häuslicher Gewalt eine besondere Rolle zu. Die Beamten sind meist die ersten am Einsatzort und können, wie van der Heide eben sagt, auch ein zweiwöchiges Näherungs- oder Kontaktverbot aussprechen.

So etwas landet dann auf dem Tisch von Friederike Faller, Richterin am Familiengericht Bad Homburg, die über die Schwierigkeiten der Bearbeitung solcher Fälle sprach, von denen sie vergangenes Jahr acht zu bearbeiten hatte. Bei zweien waren Kinder betroffen. Einen dieser Fälle schilderte sie.

Es ging um Gewalt in einer Familie und einen langen Leidensweg, an dessen vorläufigem Ende die Mutter nach Rücksprache mit dem Jugendamt das Sorgerecht für die Kinder erhielt. „Aber dann stellte sich die Frage, ob der Mann ein Umgangsrecht oder ein begleitetes Umgangsrecht bekommen soll“, berichtet Faller. Eine Frage, die gar nicht so einfach zu beantworten ist. „Man darf nicht vergessen: Der Umgang mit dem Vater bietet dem Kind in bestimmten Fällen auch die Chance, das Erlebte abzuarbeiten“, sagt Siegmund Richter, Leiter der Erziehungsberatungsstelle des Hochtaunuskreises und verweist auf weiteren Fall, bei dem der Vater sich einsichtig zeigte und bei einem Gespräch seinem Sohn sagte, er habe große Fehler gemacht. „Der Sohn sagte, ,Papa, du hast nichts falsch gemacht!’, aber der Vater erklärte ihm, dass das eben doch der Fall gewesen sei.“ Ohne jeden Kontakt zum Vater „wird die Beziehung idealisiert.“ Richterin Faller sagt: „Familienrichter zu sein ist keine leichte Aufgabe.“

Kommentar von Sabine Münstermann:

„Tendenz steigend“ – was in so vielen Bereichen unseres Lebens als positiv zu bewerten ist, ist im Falle von häuslicher Gewalt schlichtweg alarmierend. Jede vierte Frau ist zumindest einmal in ihrem Leben von häuslicher Gewalt betroffen.Deswegen ist es so wichtig, dass die zuständigen Hilfseinrichtungen, Behörden und die Justiz so eng miteinander arbeiten. Wichtig auch, dass sich die Haltung gegenüber häuslicher Gewalt zum Glück in den vergangenen 50 Jahren bedeutend verändert hat. Und wichtig, dass heute kaum noch jemand ernsthaft sagt, es gehe ihn nichts an, was hinter verschlossenen Türen geschieht.

Häusliche Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, und daher sind auch nicht nur die offiziellen Stellen gefordert, sondern alle Bürger. Vor allem, wenn Kinder im Spiel sind.

Zu glauben, bloß weil nicht sie, sondern ein Elternteil Opfer von Gewalt wurde, habe das keine psychischen Folgen für das Kind, wäre, wie die Fachkonferenz in Oberursel und vor allem der Vortrag der stellvertretenden Jugendamtsleiterin eindrucksvoll zeigte, ein fataler Trugschluss. Und deswegen muss auch jeder einzelne aufpassen und darf nicht wegsehen, wenn so etwas im persönlichen Umfeld passiert. Denn, um es mal ganz deutlich zu sagen: Wer wegsieht, ist mitverantwortlich.

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