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Die Stammkunden sorgen auch in Corona-Zeiten für eine rege Nachfrage nach Backwaren.

Handwerk in Zeiten von Corona

Hochtaunus: Bäcker behaupten sich in der Krise

Der Umsatz in Cafés und durch die Auslieferung an Großkunden ist weggebrochen - zum Glück haben die Bäcker im Taunus viele Stammkunden. Und manche Zeitgenossen haben die Bäckerei um die Ecke sogar neu entdeckt.

Das lokale Lebensmittelhandwerk hatte zuletzt zunehmend mit dem wachsenden Konkurrenzdruck der Lebensmittelmärkte und Discounter zu kämpfen. Während der zurückliegenden Wochen der Corona-Krise wurden aber gerade die heimischen Bäckermeister wieder als Nachbarn wahrgenommen.

In Zeiten der Unsicherheit gaben gerade die ortsansässigen Bäckereien vielen Kunden das Gefühl von Nähe, Vertrautheit und Sicherheit - auch wenn man erst einmal vor dem Ladenlokal anstehen musste. Nicht nur die Stammkundschaft, die seit jeher die Vielfalt und Qualität der zumeist handgemachten Backwaren schätzt, blieb den heimischen Bäckern treu.

"Mitgliedsbetriebe der Bäckerinnung haben wohl viele Neukunden gewinnen können", sagt der Obermeister der Bäckerinnung, Volker Müller. Doch keinesfalls sind Bäckereien deshalb Krisengewinner. Durch das zugleich weggebrochene Geschäft bei der Auslieferung von Backwaren an Großkunden und die Schließung der angeschlossenen Cafés und Bistros rutschte das Gesamtgeschäft ins Minus.

"Nach dem Lockdown kamen deutlich mehr Kunden zu uns in die Bäckerei, weil viel mehr Menschen plötzlich mehr Zeit zu Hause verbringen", berichtet der 50-Jährige. "Zuletzt hat sich nach der Öffnung weiterer Handelsgeschäfte die Nachfrage aber wieder normalisiert."

In normalen Zeiten bäckt der Bäckermeister aus Oberursel nach eigenen Angaben etwa 1000 helle Brötchen pro Tag und weitere 1000 Brötchen unterschiedlicher anderer Sorten. Dazu kommen Brote aller Art und andere Backwaren. Doch nur 60 bis 70 Prozent des Umsatzes erzielt er in der Bäckerei in Bommersheim sowie in der Filiale in Oberhöchstadt.

"30 bis 40 Prozent machen wir mit der Auslieferung unserer Backwaren an Schulen und an Kantinen von Unternehmen in Oberursel", sagt der Bäckermeister, der das Geschäft in fünfter Generation führt. "Dieser Umsatz ist seit Mitte März komplett weggebrochen."

Ausgleich im gut frequentierten Baumarkt

Ähnliches berichtet Bäckermeister Rolf-Dieter Hemd aus Friedrichsdorf, der außer dem Stammgeschäft in der Hugenottenstraße auch eine Filiale in Köppern betreibt. Zwar hat er neben dem Umsatzanteil von 70 Prozent aus den Bäckergeschäften nur 10 Prozent seines Umsatzes durch Auslieferung an die Philipp-Reis-Schule, vier Kindertagesstätten und lokale Hotels verdient. Infolge der Corona-Krise musste er aber das an die Bäckerei angeschlossene Café schließen, mit dem er bislang rund 20 Prozent des Umsatzes erzielte. "Dank unserer treuen Stammkundschaft und einiger Neukunden haben die Verkaufserlöse in den Ladengeschäften unser Gesamtgeschäft gerettet", sagt der 64-Jährige.

Dank der Stammkunden aus dem Ort ist auch das Geschäft von Bäckermeister Christoph Waldschmitt im Ladenlokal in Schmitten-Oberreifenberg "nahezu gleich" geblieben. Weil der Umsatz im angeschlossenen Café und die Auslieferung der Backwaren an Schulen, Hotels und auch die Jugendherberge auf null gestürzt ist, musste er der Belegschaft Stunden kürzen.

"Derzeit ist die Lage durchaus schmerzhaft, aber es läuft", sagt Waldschmidt. "Geht es vier bis acht Wochen so weiter, wird es richtig ernst. Zum Glück sind viele meiner Aushilfen Schüler, die derzeit verfügbar sind. Viele meiner anderen Verkäuferinnen müssen zu Hause derzeit verstärkt Familienaufgaben wahrnehmen, weil die Kinder daheim sind. Die kann ich im Moment gar nicht einplanen."

Die Bäckerei Schmidt mit Stammsitz in Merzhausen betreibt weitere Filialen in Pfaffenwiesbach, Hausen-Arnsbach und eine im Baumarkt in Usingen. Da gerade dort während des Lockdowns eine große Kundenfrequenz verzeichnet wurde, konnte das Minus aus den geschlossenen Bistros aber aufgefangen werden. "Es gibt Umsatzeinbußen. Es hätte aber schlimmer kommen können", sagt Marianne Schmidt.

Nach Angaben von Obermeister Volker Müller werden die Mitgliedsbetriebe der Bäckerinnung im Hochtaunuskreis wohl mit einem blauen Auge davonkommen. "Ganz kritisch ist die Lage bei den großen Backfilialisten und den Großbäckereien. Dadurch, dass die Belieferung der Gastronomie in den Städten einen noch größeren Teil ausmacht, viele Berufstätige daheim arbeiten oder in Kurzarbeit sind, ist deren Umsatz komplett eingebrochen", so Müller. "Die nicht so expansiven, kleineren und inhabergeführten Bäckereien können die Krise besser überstehen."

VON matthias pieren

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