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Mit dem Fernglas schaut Revierleiter John Raus nach Harztröpfchen am Stamm vom Borkenkäfer befallener Bäume.

Plage

Die Invasion geht rasend schnell - Borkenkäfer sind wieder aktiv

Nach der Borkenkäferplage ist vor der Borkenkäferplage: Forstlich könnte der Taunus-Sommer 2019 seinen Vorgänger noch in den Schatten stellen. Die Uhr tickt. Ob die Förster die Katastrophe noch aufhalten können? Eine App könnte ihnen dabei helfen.

Hochtaunus - Die Förster im Taunus fürchten jeden weiteren warmen Tag. Die 16 Grad rund um Ostern reichten aus, das Borkenkäferproblem zur Explosion und die überwinternden Insekten zum Ausfliegen zu bringen. "So schön Ostern im T-Shirt auch ist, für den Wald ist es die Katastrophe, die Uhr tickt", sagt Forstdirektor Ralf Heitmann. Der Leiter des Königsteiner Forstamtes macht seinen Job gerne, sagt aber: "Förster sein macht derzeit keinen Spaß." Dennoch stirbt auch für ihn die Hoffnung zuletzt: "Das Beste wäre ein nasskaltes Frühjahr, bis Juli." Doch Meteorologen warnen schon: Der Sommer 2019 könnte seinen Vorgänger noch in den Schatten stellen. Heitmanns Weilroder Kollege, Forstdirektor Bernd Müller, ist auch in Sorge: "Es schlägt den Kollegen aufs Gemüt zu sehen, wie die Arbeit ganzer Förstergenerationen verloren geht."

Der Wald hat Trockenstress. Der Winter konnte die Wasserspeicher nicht aufzufüllen. "Die Bäume wehren sich und lassen sogar ihre Kronen vertrocknen, sind aber trotzdem sehr schwach, darauf wartet der Käfer", beschreibt Heitmann die Malaise. Besonders schlimm ist es in Friedrichsdorf, im Köpperner Tal und am Herzberg.

Für die Förster ist es ein Wettlauf gegen die Uhr. Sie können ihn nur gewinnen, wenn sie ein Bündel von Maßnahmen umsetzen. "Es ist fast gelungen, das 2018 gefallene Sturm- und Käferholz aufzuarbeiten. Im Winter kam aber weiteres Sturmholz dazu", sagt Heitmann. Der jüngste Sturm ist da noch nicht mit eingerechnet. Jochen Raus, Förster im Revier Billtalhöhe, ist so schon unter Druck: "Wir müssen befallene Bäume früh erkennen. Dunkles Bohrmehl am Stamm zeigt, dass die Käfer wieder am Werk sind." Starke Fichten ertränken sie in Harz. Die Tröpfchen an den Bohrlöchern sieht man mit dem Fernglas, aber: "Stundenlang den Kopf im Nacken, das geht auf die Schulter", sagt Raus.

Eine App soll helfen

Eine von Hessen Forst für die Smartphones der Förster entwickelte App soll helfen. Raus hat sie bereits installiert: "Befallene Bäume werden auf dem Handy mit einem Punkt markiert, der in unser Geoinformationssystem einfließt. Heitmann zum Prinzip: "Unsere Taskforce sucht den rot markierten Baum auf, veranlasst die Fällung und den raschen Abtransport, bevor andere Bäume angesteckt werden. In diesem Stadium haben wir bis zum Schlupf der Käfer sechs Wochen, das ist knapp." Dazu Raus: "Die Käfer-Invasion verläuft rasend schnell. Das Personal, das wir für das Monitoring bräuchten, haben wir aber nicht. Es ist ein Wettlauf gegen die Uhr."

Holzmarkt ist überhitzt

Nicht nur der Wald steht auf der Kippe, auch die Existenz der Waldbesitzer. Der Holzmarkt ist überhitzt. 2018 konnten die Etatansätze der Kommunen noch einigermaßen gehalten werden, weil es Altverträge zu erfüllen gab. Heitmann und Müller sind sich aber einig, dass das 2019 und in den Folgejahren anders aussehen wird. Heitmann: "Es sind ja nicht nur die Unmengen an Käfer- und Windwurfholz, da gibt es auch noch das Schneebruchholz aus den Alpen." Preisabschläge auf 60 Prozent vom Normalpreis sind die Folge. "Die Aufarbeitung lässt sich mit den Erlösen kaum noch finanzieren", sagt Heitmann.

Für die teure Aufforstung bleibt da nichts. "Dann kommt der Rüsselkäfer und frisst die jungen Pflanzen auf", sieht Heitmann die nächste Bedrohung: Wenn in den Mischwäldern die Fichten fehlen, drohen instabile Monokulturen. Auf stark dezimierte Fichtenbestände blickt auch Bernd Müller in Weilrod. Er glaubt zwar, dass es auch in zehn Jahren noch Fichten im Taunus gibt, "die Frage ist nur wo und wie viele." Prekär sei es im Osttaunus, aber auch in den niedrigeren Lagen Neu-Anspach und Richtung Bad Camberg.

Heitmann schätzt, dass es Jahre dauert, bis der Wald wieder ins Lot kommt. Dann könnte wieder die Stunde der Fichte schlagen. Sie, oder witterungsresistenteres Nadelholz, wie die Douglasie, werde dann knapp und teuer sein.

2018 musste Hessen Forst im Staatswald über zwei Millionen Festmeter Fichtenholz wegen Sturmwurf und Borkenkäferbefall ernten, fast dreimal soviel wie in Normaljahren. Auch 2019 wird mit einem erheblichen Schadholzanfall gerechnet. Der Befall muss frühzeitig erkannt werden, denn die Vermehrung der Schädlinge verläuft exponentiell: Bis zu zwei Käfer-Populationen pro Jahr sind normal, 2018 waren es vier, auch im Taunus. Ein Weibchen legt im Verlauf der Vegetationsperiode bis zu 150 Eier ab. Verluste eingerechnet, kann ein Käfer in heißen Jahren schon bei drei Generationen und zwei Geschwisterbruten mehr als 100 000 Nachkommen erzeugen. Der überhitzte Holzmarkt sorgt dafür, dass der Absatz schleppend verläuft. Das geschlagene Holz sitzt länger am Wegrand - eine ideale Brutstätte. Die Förster versuchen dem durch den Einsatz von Kontaktgift zu begegnen. Die als "Ultima Ratio" verwendeten Stoffe sind jedoch laut FSC-Zertifizierung "erlaubt", es braucht für die Anwendung aber eine behördlichen, auf ein Jahr befristeten Anordnung. Wenn das zur Abholung bestimmte Holz gut einen Kilometer und damit weit genug vom Waldrand entfernt bereitgelegt ist, können die Polter sogar mit Pheromonen geködert werden. Folgen die Käfer dem Duftstoff, kommen sie mit dem Kontaktgift in Berührung und sterben ab. Im Forstamt Königstein wird diese Methode nicht angewendet. as

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