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Hochtaunus: Notfalls hilft auch mal "Dr. Google"

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Von: Alexander Schneider

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Kapazitätsprobleme ja, aber nicht wegen der Geflüchteten: die Hochtaunuskliniken in Bad Homburg.
Kapazitätsprobleme ja, aber nicht wegen der Geflüchteten: die Hochtaunuskliniken in Bad Homburg. © Priedemuth

Bei der medizinischen Versorgung von Menschen aus der Ukraine gibt es viele Hürden. Für Kapazitätsprobleme sind die Kriegsflüchtlinge aber nicht verantwortlich.

Hochtaunus - Die medizinische Versorgung von Flüchtlingen aus der Ukraine in den Krankenhäusern im Hochtaunus, aber auch in den Praxen der niedergelassenen Hausärzte läuft weitestgehend problemlos. Den Angaben der Kliniken und Praxen zufolge kommt es weder zu Behandlungsengpässen aufgrund größeren Patientenaufkommens, noch gibt es in den Gesprächen zwischen Ärzten und Patienten unüberbrückbare Sprachbarrieren.

"Wir haben zwar durchaus Kapazitätsprobleme, jedoch eher wegen Covid, nicht wegen der ukrainischen Flüchtlinge", sagt Dr. Julia Hefty, Geschäftsführerin der Hochtaunuskliniken. Es gebe Tage komplett ohne Neuaufnahmen ukrainischer Geflüchteter, dann seien es aber auch schon mal bis zu sechs. Im Durchschnitt werden, so Hefty, acht von zehn Patienten in der Hochtaunusklinik in Bad Homburg aufgenommen, zwei in Usingen. Es seien aber auch schon Patienten im Königsteiner Krankenhaus St. Josef behandelt worden. "Die Patienten kommen mit dem ganz normalen breiten Spektrum zu uns. Auch haben wir schon einige ukrainische Patienten mit Covid aufnehmen müssen. Eine Entbindung gab es übrigens auch schon", sagte Hefty. Bei der Abwicklung der Abrechnung sieht die Klinikchefin offenbar noch Luft nach oben: "Es geht. Schön wäre es, wenn die ukrainischen Patienten von Anfang an einfach eine Versichertenkarte hätten, wie in anderen Bundesländern auch."

Manche Ärzte finden kreative Lösungen

Verständigungsprobleme im Umgang mit den Ukrainern gibt es aber keine: "Wir haben unter unseren Beschäftigten mehrere, die übersetzen können. Wer von unseren Mitarbeitenden russische oder ukrainische Sprachkenntnisse hat, kommt nach Möglichkeit bevorzugt zum Einsatz."

"Die ukrainischen Patienten, die bereits privat untergekommen sind, kommen meist in Begleitung ihrer Gastgeber", sagt die Bad Homburger Ärztin für Allgemeinmedizin Petra Hummel. Einige Patienten sprächen auch Englisch, und wo das nicht reiche, gebe es ja immerhin auch noch "Hände und Füße". Und wenn selbst das nicht reichen sollte, müsse halt Kollege "Dr. Google" mit seinem Übersetzungsprogramm ran, sagt Hummel lachend. Ein wenig muss die Ärztin aber auch staunen: "In der Ukraine gibt es bereits eine elektronische Patientenakte, damit haben wir überhaupt keinen Stress, aber Nachholbedarf ..."

Die elektronische Patientenakte, das ist auch aus anderen Praxen zu hören, ist vor allem dann hilfreich, wenn die Patienten nicht akut erkrankt sind, aber Rezepte für Dauermedikamente brauchen.

In Kronberg wird in einer Sporthalle der Altkönigschule eine Notunterkunft für bis zu 600 Flüchtlinge als Dependance der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen betrieben. Dennoch gebe es in der Praxis Otterbach-Wagner, so eine Mitarbeiterin, bisher nur "einige ukrainische Patienten, aber nicht besonders viele". Auch hier gebe es keine großen Sprachprobleme, zumal die meisten Patienten mit deutscher oder deutschsprachiger Begleitung kämen. Mit der Abrechnung der Leistungen laufe es nicht ganz so gut, bisweilen gebe es da Schwierigkeiten, weil die Patienten keine Behandlungsscheine dabei hätten, zum Teil aber auch nicht wüssten, wo und wie sie diese bekommen.

Recht überschaubar ist die Zahl der ukrainischen Flüchtlinge auch in der Allgemeinarztpraxis von Dr. Charlotte Barth in Usingen. Eine Mitarbeiterin sagt, es seien ab und zu schon einige, aber nicht besonders viele. Damit es auch mit der Dosierung klappt, sind mehrere Arztpraxen bereits dazu übergegangen, bei Ärztemustern als besonderen Service Hinweise wie "Jeweils eine Tablette vor den Mahlzeiten" in ein Übersetzungsprogramm einzugeben, dann auszudrucken und auf die Packung zu kleben.

Wie die Behandlung der Kriegsflüchtlinge rechtlich geregelt ist

Die medizinische Versorgung von Geflüchteten aus der Ukraine erfolgt nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Die zuständigen Ämter der Kommunen stellen dazu Behandlungsscheine aus, mit denen die Menschen einen Arzt aufsuchen können. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) weist darauf hin, dass in Notfällen die Behandlung auch ohne Behandlungsschein erfolgen kann.

Notwendig sei hierfür ein gemeldeter Aufenthaltsort oder die Unterbringung in einer örtlichen Einrichtung. "Es geht jetzt darum, den Menschen so schnell und unbürokratisch wie möglich zu helfen", betont KBV-Vorstandsvorsitzender Dr. Andreas Gassen. Unter den Geflüchteten seien viele Kranke, die zum Beispiel dringend Insulin oder ein Herzmedikament benötigten. Die Praxen stünden bereit, um die Menschen damit zu versorgen, sagte KBV-Vizechef Dr. Stephan Hofmeister.

Neben der Ausgabe von Behandlungsscheinen durch die Kommunen gebe es ein für alle Beteiligten einfacheres Verfahren, so die KBV. Denn auch die Krankenkassen könnten in Vereinbarung mit den Ländern die auftragsweise Betreuung übernehmen. Solche Verträge zur Umsetzung des Asylbewerberleistungsgesetzes (AsylbLG) bestehen nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit aktuell in Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Thüringen und auch Hessen. Ziel des Gesundheitsministeriums ist, dass die Menschen aus der Ukraine in naher Zukunft einen regulären Leistungsanspruch analog der Leistungen des Spitzenverbandes der deutschen Krankenversicherer (GKV) erhalten. as

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