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Pilotprojekt

Versorgung rund um die Uhr

In Zukunft soll kein Schwerkranker mehr ins Krankenhaus müssen, wenn er das nicht möchte. Ein Pilotprojekt vernetzt Hausärzte, Hospizdienste, Palliativmediziner und Pflegekräfte.

Jeder Mensch möchte in Würde zu Hause oder im Altersheim, umgeben von seiner Familie, sterben, aber oft kommt es anders: Es ist Wochenende, der Zustand eines schwerkranken oder palliativ betreuten Patienten verschlechtert sich, Angehörige müssen den Notarzt rufen. Der kennt den Patienten nicht, eine Einweisung ins Krankenhaus ist schon aus juristischen Gründen oft unumgänglich. Und das, obwohl der Kranke das in einer Patientenverfügung abgelehnt hat. Der Apparat, der dann im Krankenhaus in Bewegung kommt, ist teuer und vor allem eines: unnötig. Das berichtete Dr. Robert Gaertner, Palliativmediziner und Geschäftsführer des Palliativteam Hochtaunus, bei der Vorstellung des Pilotprojekts „Allgemeine Ambulante Palliativversorgung“ (AAPV) zur angemessenen Patientenversorgung, wenn Hausärzte nicht erreichbar sind.

30 Patienten auf der Liste

Nachdem 2007 das Hospiz- und Palliativgesetz verabschiedet wurde und die „Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung“ (SAPV) eingeführt worden war, war es an vorderster Stelle Dr. Michael Hentschel, der sich, unter anderen mit Ulrike Ihlefeld, einer langjährigen ehrenamtlichen Hospizhelferin, in einer Arbeitsgruppe mit der Umsetzung beschäftigte. Es ist gelungen, diese palliative Lücke zu schließen und ein Netzwerk zwischen Hausärzten, Hospiz und dem Palliativteam aufzubauen. „Ganz leicht war es nicht, wir mussten ja auch die Hausärzte dafür gewinnen“, berichtete Dr. Hans-Jörg Todt vom Vorstand des Bad Homburger Hospizdienstes.

30 Patienten stehen bereits auf der Liste, aber die Krankenkassen weigern sich zu zahlen, bedauerte Hans Dieter Homberg, der Vorsitzende der Rind’schen Bürgerstiftung, der sich um die Spendenwerbung kümmert. „Ich halte so viel bürgerliches Engagement für mehr als unterstützenswert.“ Das Pilotprojekt, mit dem der Hochtaunuskreis an vorderster Stelle in Hessen steht, ist auf drei Jahre begrenzt, danach hoffen die Verantwortlichen, dass die Ergebnisse die Krankenkassen überzeugen. Die pro Jahr entstehenden Kosten in Höhe von rund 100 000 Euro seien durch Spenden zu finanzieren, sagt Homberg.

24 Stunden Rufdienst

Damit werden die technische Grundausstattung ebenso bezahlt wie Mitarbeiter für den 24-Stunden-Rufdienst, die Arbeit eines Case-Managers sowie die Logistik, erläuterte Dr. Gaertner. Pro Patient veranschlage die SAPV rund 20 Euro, eine Zahl, die kaum zu vergleichen sei mit Kosten für eine – oft ungewünschte – Einweisung in ein Krankenhaus mit ihren Folgekosten. Für die Patienten – Gaertner rechnet mit etwa 50 Patienten pro Jahr – sei der Service kostenlos. Anmelden können sich Betroffene vorab, Angehörige können aber auch im Notfall die Nummer (0 61 72) 499 76 30 des Palliativteams wählen. Der Case-Manager wendet sich an den Hausarzt, Palliativarzt oder Mitarbeiter, um unter Berücksichtigung der Patientenverfügung die weitere Versorgung zu veranlassen. „Wir haben auch die Möglichkeit, Patientenakten selbst einzusehen“, so Gärtner.

Landrat Ulrich Krebs (CDU) ist dankbar, dass durch das Pilotprojekt schwerkranke Menschen versorgt werden können. „Hier entsteht ein Modell, das über den Hochtaunuskreis hinaus in Hessen und anderen Bundesländern angewendet werden kann“, ist er überzeugt. Für die Kreisbeigeordnete Katrin Hechler (SPD) ist diese Vernetzung die praktische Umsetzung der vom Kreis und den Kommunen unterzeichneten Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen, die dank bürgerschaftlichen Engagements gelungen sei.

VON GERRIT MAI

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