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Lilia Scheffke, die mit ihrem Mann Jens die Jugendherberge Oberreifenberg führt, hofft, dass bald wieder Gäste kommen.

Leere Betten und große Einbußen

Hochtaunus: "Situation der Jugendherbergen ist dramatisch"

Verband sieht den Fortbestand der Häuser gefährdet und äußert große Zukunftssorgen. Den Herbergseltern macht vor allem die Ungewissheit zu schaffen.

Hochtaunus - Wenn Lilia Scheffke und ihr Mann Jens dieser Tage durch ihre menschenleere Jugendherberge in Oberreifenberg streifen, überkommt die beiden ein unbehagliches Gefühl. Gespenstisch sei die Atmosphäre, schildert die Herbergsmutter ihre Eindrücke am Telefon. Im Speisesaal Grabesstille statt Stimmengewirr, in den Fluren kein lautes Kinderlachen - in den 40 Zimmern stehen die 217 Betten leer.

Seit am 18. März die Jugendherbergen - am Beginn der Hauptsaison - nach einer Verfügung des Landes wegen Corona schließen mussten, ist für das Ehepaar Scheffke nichts mehr so, wie es war. Der Umsatz sei auf null gesunken. Die 15 Mitarbeiter mussten sie in Kurzarbeit schicken. Momentan komme noch eine Bürokraft, um die zahlreichen Stornierungen zu bearbeiten. Mit ihren übrigen Mitarbeitern steht Lilia Scheffke in regelmäßigem Kontakt. "Sie sind hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung", sagt die Herbergsleiterin. "Wir wissen nicht, ob es das Haus im Herbst noch geben wird." Die Scheffkes, die auch in der Herberge in 660 Metern Höhe am Fuße des Feldbergs wohnen, wandeln nun als Solitäre durch das Areal, um die Räume instand zu halten: Zimmer lüften, Wasserleitungen durchspülen und den Hof fegen - Arbeiten, die auch ohne Belegung erledigt werden müssen. Das lenke auch etwas von den Zukunftssorgen ab, sagt Scheffke.

Auch in den Jugendherbergen in Bad Homburg und Grävenwiesbach müssen die Betreiber herbe Einbußen verkraften. In Grävenwiesbach etwa wollen sich die Verantwortlichen nicht zur Situation äußern und verweisen stattdessen auf den Träger, den Hessischen Landesverband im Deutschen Jugendherbergswerk (DJH) in Frankfurt.

Mit Schulklassen ist nicht zu rechnen

Dort bestätigt der Vorstandsvorsitzende Timo Neumann, dass die Lage dramatisch sei, und zwar in allen 32 hessischen Einrichtungen. "Der Fortbestand der Jugendherbergen ist massiv gefährdet." Bisher habe Neumann insgesamt 220 000 Stornierungen in Hessen registriert. An eine Erholung aus eigener Kraft glaubt er nicht. Selbst wenn die Herbergen in einigen Wochen unter Auflagen wieder öffnen dürften, rechne der Verband nur mit etwa 20 bis 30 Prozent des Umsatzes. Denn mit Schulklassen ist in diesem Jahr aufgrund der von vielen Bundesländern verfügten Absagen aller Klassenfahrten nicht mehr zu rechnen. Und die machen immerhin 50 Prozent des Umsatzes aus. In Scheffkes Herberge sogar noch mehr. "Das, was uns da an Einnahmen wegbricht, können wir nicht auffangen", sagt die Herbergsleiterin.

Bislang hält das DJH Hessen seine Häuser mit Liquiditätsreserven über Wasser. Geld, das eigentlich für Bauprojekte und Modernisierung der Herbergen gedacht war. Bis August könne der Verband seine Häuser noch solvent halten. "Erhalten wir bis dahin keine staatlichen Hilfen, wird es im Herbst keine Jugendherbergen in Hessen mehr geben", prognostiziert DJH-Hessen-Vorstand Neumann. Übertreibung? Fakt ist, dass zumindest die bisherigen Hilfsprogramme bei Jugendherbergen nicht greifen. Aus dem Hessischen Wirtschaftsministerium verlautet es dazu, dass diese bei der Corona-Soforthilfe nicht antragsberechtigt seien, da das Maßnahmenpaket nur für Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitern ausgelegt sei.

Sondernutzung könnte helfen

Die Häuser des Verbands beschäftigen rund 500 Angestellte. Aufgrund der "Konzernklausel" sei es nicht möglich, dass jede Jugendherberge einen separaten Antrag stelle. Darlehen seien langfristig auch keine Alternative, so Neumann. "Wir sind als gemeinnütziger Verein nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet. Deswegen ist es schwierig, jetzt Verbindlichkeiten einzugehen, die wir vielleicht nicht zurückzahlen können."

Wäre eine Sondernutzung ein Weg aus der Krise? Jugendherbergen könnten etwa Erntehelfer, Obdachlose oder Betroffene von häuslicher Gewalt aufnehmen. "Das haben wir dem Corona-Krisenstab bereits vor Wochen vorgeschlagen, das zuständige Ministerium hat sich auch offen für den Vorschlag gezeigt." Bislang sei aber noch kein Bedarf angemeldet worden. Umso wichtiger sei nun die finanzielle Unterstützung seitens der Politik. Neumann setzt auf das Sozialministerium, das für die Jugendherbergen zuständig ist. An Sozialminister Kai Klose (Grüne) hat er einen Brandbrief gerichtet. Auf eine Antwort wartet er noch. Neumann sagt, er habe Verständnis dafür, dass die Regierung in der momentanen Ausnahmelage mit einer Flut von Hilfsersuchen konfrontiert werde und nicht sofort jedem beispringen könne.

Bei Lilia und Jens Scheffke nimmt das Verständnis indes immer weiter ab. Die Ungewissheit sei sehr belastend, sagt die Herbergsleiterin. "Es ist ein stetes Auf und Ab: Erst schöpft man Hoffnung und denkt, jetzt wird uns endlich geholfen. Und dann kommt die Ernüchterung, weil immer noch nichts Handfestes beschlossen wurde." Trotzdem versuchen sie, stark zu bleiben - für ihre beiden Kinder und die Mitarbeiter. Die Hoffnung, dass irgendwann wieder Kinderlachen in den Fluren der Herberge zu hören sein wird, wollen die beiden noch nicht aufgeben. Von Julian Dorn

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