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Die evangelische Gedächtniskirchengemeinde hat Glück: Sie kann ihre Pfarrstellen-Anteile vorerst behalten. Aber ohne enge Zusammenarbeit der Innenstadtkirchen wird es in Zukunft nicht gehen.  Foto: Jochen Reichwein

Synode berät über die Vorgaben

Protestanten streichen Pfarrstellen im Hochtaunus

Die dritte Nachkommastelle bestimmt darüber, wer in Zukunft eine halbe Pfarrstelle weniger hat. Dass es fast unmöglich ist, die richtige Entscheidung zur von der Landeskirche aufgebürdeten Pfarrstellenkürzung zu treffen, hat die Synode der evangelischen Kirche Hochtaunus festgestellt. Der Dekan kennt nur eine zukunftsträchtige Lösung: enge Zusammenarbeit in Nachbarschaftsregionen, die vom DSV begleitet wird.

Hochtaunus - Ohne Zusammenarbeit in Regionen kommt die evangelische Kirche im Hochtaunus in Zukunft nicht aus. Die von der Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) beschlossenen Pfarrstellen-Kürzungen von 1,5 Prozent pro Jahr muss die Synode umsetzen. Bis 2024 fallen in den 31 Gemeinden zwei ganze Stellen weg, und das wird so manche Gemeinde schmerzlich treffen, das ist klar. Der Schmerz kann nur gelindert werden, wenn sich Kirchengemeinden in Nachbarschaftsregionen Aufgaben teilen und Synergien nutzen. In Bad Homburg wird das demnächst dringend nötig sein, denn die EKHN streicht die von ihr finanzierte Stadtkirchenarbeit der Erlöserkirchengemeinde zum Jahresende.

Erlöserkirche gebeutelt

Aber es kommt noch heftiger: Bis 2024 wird, den auf alle Gemeinden angewandten Parametern zufolge, eine weitere halbe Stelle entfallen, so dass nur noch eine ganze Stelle bleibt. Das haben die Synodalen als Abgeordnete der Gemeinden in ihrer Frühjahrsversammlung mit Zweidrittelmehrheit beschlossen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, sonst wäre das Dekanat handlungsunfähig und könnte gar keine (Personal-) Entscheidungen mehr treffen, machte Dekan Michael Tönges-Braungart eindrücklich deutlich.

Dem vorausgegangen war eine intensive aber faire Diskussion unter Moderation des ehemaligen Gemeindeberaters Dr. Ulf Häbel, denn es gab zwei Konzepte: Eines hatte die vom Dekanatssynodalvorstand (DSV) eingesetzte Steuerungsgruppe nach einem Schlüssel erarbeitet, dem Mitgliederzahlen, Fläche und vorhandene Kitas zugrunde liegen, andere Konstellationen hatten sich im Ergebnis nur wenig unterschieden, erläuterte Pfarrer Christoph Gerdes. „Es war sehr schwierig, ein für alle gerechtes Ergebnis zu erzielen.“ Zu viele „weiche“ Faktoren, die nicht in Zahlen auszudrücken sind, könnten nicht berücksichtigt werden. Aber er gab auch zu bedenken, dass es nicht gerecht sein könne, wenn die dritte Nachkommazahl über eine halbe Pfarrstelle entscheide.

Viele betroffen

Ulf Häbel plädierte für den Vorschlag des DSV, sich „am Leben“ zu orientieren und der Erlösergemeinde nicht ein zweites Mal innerhalb kurzer Zeit eine halbe Stelle zu nehmen. Der DSV hatte in mehreren Sitzungen diskutiert, war zu dem Ergebnis gekommen, dass Gemeindearbeit von insgesamt zwei Pfarrstellen leichter abzufedern sei, als von dann nur noch einer in der Erlöserkirche. Dass Ende 2019 schon die Stadtkirchenarbeit dort entfällt, spielte ebenfalls eine Rolle.

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Der DSV indes hatte die Kürzung an der Gedächtniskirchengemeinde Kirdorf gesehen – was eben vorerst nicht kommt – , mit der Maßgabe der engen Zusammenarbeit der drei innerstädtischen Gemeinden. Zu ihnen gehört die seit 40 Jahren selbstständige Christuskirche. Sie entstand seinerzeit aus dem dritten Bezirk der Erlösergemeinde und könne möglicherweise zurückgeführt werden, um Aufgaben zu bündeln, so eine Idee.

Weitere halbe Stellen werden zum 31. Dezember 2022 in Köppern und in der Heiliggeist-Gemeinde Oberursel wegfallen, Ende 2024 ist auch Wehrheim betroffen.

Das sei schmerzlich für alle, bedauerte der Dekan, aber er sieht die harmonische Diskussion der Synodalen als gutes Zeichen für eine gemeinde- übergreifende Zusammenarbeit nicht nur der betroffenen Gemeinden in Nachbarschaftsregionen. Und: Die Kürzungs-Entscheidungen seien unumgänglich gewesen. „Wir dürfen die betroffenen Gemeinden jetzt aber nicht im Stich lassen.“ Es sei Aufgabe des DSV, sie zu unterstützen, Verantwortliche zu benennen, um die Vernetzung der Nachbarschaftsregionen anzuschieben, mit Leben zu füllen und am Laufen zu halten.

Gemeinde sollen enger zusammenarbeiten

Am Ende haben die Vorteile so viele Gemeinden überzeugt, dass im evangelischen Dekanat Hochtaunus zum 1. Januar 2020 eine gemeindeübergreifende Kita-Trägerschaft, kurz GÜT, starten kann, denn die Synode beschloss die Einrichtung mit großer Mehrheit. Beteiligen werden sich 29 Kita-Gruppen der Kitas der Auferstehungs-, Kreuzkirchen- und Versöhnungsgemeinde Oberursel, der Christuskirche- und der Erlöserkirche Bad Homburg sowie Steinbach und Friedrichsdorf. In der gesamten EKHN seien bereits mehr als 150 Kitas in Dekanats-Trägerschaft, berichtete Vera Bickel, Projektkoordinatorin der Landeskirche. Der Vorteil: Es gibt einen Geschäftsführer, dessen Stelle für die ersten zwei Jahre zu 85 Prozent von der Landeskirche getragen wird. Michael Tönges-Braungart und Präses Peter Vollrath-Kühne hatten in den Kirchengemeinden, die Kitas verwalten, viel Aufklärungsarbeit geleistet, denn nicht alle sehen die GÜT als Vorteil, befürchten weniger Einfluss. Was nicht der Fall sei, so Vollrath-Kühne in der Synode. Die GÜT übernehme lediglich die Verwaltung – mit dem Vorteil, dass der Gemeinde mehr Raum bleibe für pädagogische Arbeit. Weitere Gemeinden könnten sich noch anschließen.

von Gerrit Mai

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