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Einige Grabsteine des Lapidariums auf dem Wehrheimer Friedhof erinnern an den Angriff vom 4. Oktober 1944: Hier sind es Toni Kramer, Lina und Trude Etzel. Auf dem gleichen Grabstein befinden sich auch noch die Namen von Frieda und Irmtraud Fei. 

Vor 75 Jahren 

31 Menschen sterben – Voll besetzter Zug im Taunus bombardiert und beschossen

Vor 75 Jahren wurde ein Zug bei Köppern im Hochtaunus von den Alliierten bombardiert und beschossen. Ein Zeitzeuge erinnert sich an das schreckliche Ereignis. 

Hochtaunus – Erwin Selzer hat gerade ein Stück von seinem übriggebliebenen Pausenbrot abgebissen, als die Bombe den Nachbarwaggon trifft. „Danach hatte ich nur noch Dreck im Mund.“ Der heute 89-jährige Pfaffenwiesbacher erinnert sich in aller Klarheit an den 4. Oktober 1944 – ein Datum, das nicht nur ihm unvergessen bleibt. 31 Familien haben in den Abendstunden jenes Mittwochs umsonst auf ihre Angehörigen gewartet und werden schließlich von schlimmen Nachrichten heimgesucht.

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Niemals vor oder nach dem 4. Oktober 1944 hat ein alliierter Fliegerangriff mehr Opfer im Gebiet des Hochtaunus gefordert. Kurz vor Erreichen des Bahnhofs Köppern wird der aus Frankfurt und Bad Homburg kommende Zug mit der Nummer 2021 zuerst aus der Luft bombardiert, dann beschossen.

Die Abteile sind voll besetzt mit heimkehrenden Arbeitern und Angestellten, mit Ausflüglern und Soldaten, Müttern und Kindern. „Wir waren etwa hundert Meter vom Bahnhof entfernt, noch im Wald“, erinnert sich Erwin Selzer, der als 15-Jähriger unlängst eine Ausbildung in der Bad Homburger Druckerei Zeuner begonnen hatte.

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Wie so viele seiner im Zug sitzenden Bekannten ist er auf der Heimfahrt, auf Feierabend gestimmt. „Mit einem ,Rumms’ sind die fünf Wagen zum Stehen gekommen.“ Die Abteiltür auftreten, „Raus hier“ brüllen und hinter eine nahe Buche springen werden zu einer einzigen fließenden Aktion.

Noch im Wald, auf Suche nach Deckung, werden die Flüchtenden beschossen. Neben dem Lehrling bricht eine Frau, ihr Kleinkind in den Armen haltend, zusammen, ein weiteres Kind hängt in den Ästen eines Baumes. „Die Amerikaner haben mit Leuchtspurmunition geschossen“, sagt Selzer heute – und: „Kriegsverbrecher.“

Köppern im Hochtaunus: Tür nicht aufbekommen

Er trifft den Vater, der ebenfalls im Zug gereist ist und damals als Schreiner öfters in Frankfurt zu tun hatte. Gemeinsam suchen sie den Bruder: Im Frühherbst 1944 arbeitet der 17-Jährige noch bei der Homburger Firma PIV – befindet sich an jenem Mittwoch aber nicht in der Nummer 2021. „Unter den Toten und Verletzten haben wir umsonst nach ihm gesucht.“ Doch das vermeintliche Glück hält nicht lange an. Schon wenige Wochen später wird er als Wehrmachtssoldat in Ostpreußen als vermisst gemeldet.

Deutlich erinnert sich der gebürtige und seit jeher im Elternhaus wohnende Pfaffenwiesbacher an das Loch, das die Bombe in das Dach des viertletzten Wagens gerissen hat. Durchgeschlagen sei sie und hinter dem drittletzten Waggon explodiert. Dass er seinen Lebensweg fortsetzen konnte, kommentiert der einstige Druckerei-Leiter des Frankfurter Postscheckamtes mit einem lapidaren „Man hatte Glück“.

Erwin Selzer aus Pfaffenwiesbach hat den Angriff der Alliierten auf einen Zug bei Köppern am 4. Oktober 1944 überlebt. Hier zu sehen ist er im Pfaffenwiesbacher Steinbruch in den 50er-Jahren.

Ein Glück, das ihn daran hinderte, beim Einsteigen die Tür des getroffenen Wagens aufzubekommen, ihn stattdessen zum benachbarten Abteil lotste. Neuere und ältere Wagentypen seien zusammengehängt gewesen – „mit der modernen Tür kam ich in jenem Augenblick nicht klar“.

Nach dem Beschuss sind schnell die Ärzte des Waldkrankenhauses am Ort des Schreckens, bringen erste Ordnung in das blutige Chaos. Vater und Sohn Selzer machen sich im Beisein von Pfaffenwiesbacher Bekannten auf den Fußweg durch das Köpperner Tal, der Heimat entgegen.

Kurz vor Wehrheim, der Bahnhof Saalburg ist in Sichtweite, rattert die bekannte Eisenbahn hinter ihnen. „Die haben in Köppern nur die beiden beschädigten Waggons abgehängt, und schon ging es weiter“, kommentiert Selzer.

Weiter im üblichen Takt ging es auch an den folgenden Tagen. „Ohne spezielle Vorkehrungen.“ Am Donnerstagmorgen ist Erwin Selzer wieder auf der Bahn – „mit einem unguten Gefühl, mit einer gewissen Angst“.

Hochtaunus: Todesnachricht überbracht 

Als die Heimkehrer am späten Abend des 4. Oktober den Dorfrand erreichen, hat sich das furchtbare Unglück schon herumgesprochen. Sorgenvoll wartet die Bevölkerung an der Linde, nahe des Pfaffenwiesbacher Kreuzes. Darunter die Ehefrau des Josef Anfang, der nicht unter den Ankommenden ist. „Mein Vater hat ihr die Todesnachricht übermittelt, sie auch nach Hause begleitet“, erinnert sich Selzer an diesen Moment.

Einige Grabsteine des Lapidariums auf dem Wehrheimer Friedhof erinnern an den Angriff vom 4. Oktober 1944: Hier sind es Toni Kramer, Lina und Trude Etzel. Auf dem gleichen Grabstein befinden sich auch noch die Namen von Frieda und Irmtraud Fei. 


Unter den Toten am Köpperner Bahnhof sind auch sechs Menschen aus Wehrheim, deren Schicksal auf Grabsteinen des örtlichen Lapidariums ablesbar ist. „Am Morgen dachtest nicht an Tod, / Ach wie war’s beim Abendrot“, ist der Am Ried 11 zur Welt gekommenen und im Alter von 21 Jahren aus dem Leben gerissenen Toni Kramer zugedacht. Als einziges Kind der Familie Rudolf Kramer ist ihr ein auffallendes Erinnerungsmal gewidmet – spürbar bis heute der schmerzliche Verlust. Neben der 1887 geborenen Auguste Kohl starben an dem frühen Oktoberabend auch die Schwägerinnen Frieda Fei und Lina Etzel – und mit ihnen die jeweiligen Töchter Irmtraud (6 Jahre) und Trude (4 Jahre).

Christian Jung, Großvater des Verfassers und damals angestellt im Gaswerk Frankfurt, hat die verhängnisvolle Bahnfahrt fast unbeschadet überstanden. Nach Auskunft seiner Tochter Doris brachte er nur Abschürfungen am Kopf mit nach Hause.

Auch der stark verwitterte Grabstein von Auguste Kohl ist auf dem Wehrheimer Friedhof zu finden.

Glimpflich verlief auch eine Tieffliegerattacke auf zwei Mist-Ausbringer im Gemarkungsbereich Lichte Höhe von Wehrheim. „Mein Großvater Wilhelm Diehl und dessen Schwager Christian Michel konnten sich gerade noch unter den Fuhrwagen retten“, sagt Robert Velte, Archivar des ansässigen Geschichtsvereins.

Der damals berühmte Opel-Rennfahrer Michel war in Rüsselsheim „ausgebombt“ und bei den Wehrheimer Verwandten untergekommen. Ab 1944 seien dauernd „Jabos“ – Jagdbomber – in der Luft gewesen. Viele Angriffe galten der im Mark-Wald produzierenden Bronze-Fabrik, die während der Kriegsjahre vom vorderen in den hinteren Taunus umgesiedelt worden war.

Hitler in Pfaffenwiesbach

Den „starken Beschuss“ der Homburger Stadtquartiere hat der in der Haingasse arbeitende Erwin Selzer miterlebt. „Meine Schwester war drei Mal ausgebombt, zuletzt in dem gegenüber vom Kurhaus stehenden Wohngebäude.“ Als Augenzeuge kann der 89-Jährige für ein weiteres Erlebnis bürgen, welches der NS-Forschung neue Erkenntnisse liefern dürfte. In Pfaffenwiesbach hat er 1944 das unselige Duo Hitler und Göring unter der Linde am Kreuz stehen sehen, ins Gespräch vertieft.

Auf der anderen Straßenseite befand sich in jenen Jahren das Wirtshaus von Georg Raufenbarth. „Dort, beim Mops, hatten einige Offiziere ihr Quartier bezogen.“ Dass im hoch gelegenen Schloss des Nachbardorfs Kransberg eine Zweigstelle des Führerhauptquartiers „Adlerhorst“ eingerichtet ist, macht die Gegenwart der Nazi-Prominenz wahrscheinlich. „Ich kam die heutige Höhenstraße herunter, es war Abend, das Licht fiel – und da standen die beiden, nur wenige Schritte entfernt.“

Am D-Day landeten die alliierten Truppen in der Normandie. Ein gefangener General, der in Oberursel verhört wurde, wusste von dem Datum. Hätten die Deutschen das Datum rechtzeitig erfahren - die Geschichte wäre möglicherweise anders verlaufen.

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