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Christian Weißgerber beichtet an der Humboldtschule, wie er sich einst radikalisierte und später den Ausstieg schaffte.

Humboldtschule Bad Homburg

Christian Weißgerber erzählt, wie er zum Nazi wurde - und wie ihm der Ausstieg gelang

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Christian Weißgerber war früher Nazi. Heute berichtet er an der Humboldtschule, wie er sich einst radikalisierte. Und er erzählt, wie er den Ausstieg geschafft hat.

Bad Homburg - Bomberjacke, Glatze und Springerstiefel - ganz einfach: Das ist das Erkennungsmerkmal eines Neonazis. Stimmt das? Oder ist das nur ein Klischee? v ist an die Humboldtschule (HUS) gekommen, um mit den Schülern der Stufe 13 über Neo-Nationalismus und die rechtsradikale Szene zu reden. Weißgerber weiß, wovon er spricht. Der heute 30-Jährige sagt: "Ich bin kein Nazi, aber ich war mal einer."

Zum Auftakt zeigt Weißgerber Fotos von sich als Jugendlicher. Er sah mitnichten so aus wie ein Stereotyp eines Neonazis. "Ich trug längere Haare und hörte Metal-Musik", schildert er. Auch die vorherrschende Meinung, bei Neonazis habe man es mit bildungsfernen Menschen zu tun, ist mit Blick auf Weißgerbers Biografie nicht haltbar: Der Eisenacher hat ein humanistisches Gymnasium besucht und war in einer Begabtenklasse. Viele seiner früheren Neonazi-Kameraden, erzählt er, seien aus "heilen" und wohlhabenden Elternhäusern gekommen.

Bad Homburg: Ex-Nazi erzählt von früher

Christian Weißgerber war in seiner Jugend viele Jahre in der rechtsradikalen Szene unterwegs und bestens vernetzt. Er war kein Mitläufer, sondern ein Wortführer bei den Autonomen Nationalisten. Doch Weißgerber hat den Ausstieg geschafft und über seine Zeit als Neonazi das Buch "Mein Vaterland. Warum ich ein Neonazi war" geschrieben. In der Aula der HUS taucht Weißgerber mit den Schülern in seine Jugend ein und schildert, wie er sich radikalisierte. "In meiner Kindheit gehörte eine gewisse Form von Alltags-Rassismus sowohl in meiner Familie als auch in der Schule dazu", führt er aus und erinnert sich, dass es beispielsweise als normal galt, auf Klassenfahrten Nazi-Rockmusik zu hören.

Ein entscheidender Faktor sei zudem sein großes Interesse für Geschichte gewesen. "Ihr kennt das sicher: Wenn über die Zeit des Nationalsozialismus berichtet oder gesprochen wird, schwingt immer das Böse und Radikale und auch Furcht mit. Und wie es so ist, übt das Monströse auch eine Faszination aus", sagt er.

Bad Homburg: Nazi-Aussteiger in der Schule 

Als Teenager begann er, sich intensiver mit der Zeit des Nationalsozialismus und allem, was mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun hat, zu befassen. "Dabei interessierte mich nicht die offizielle Geschichtschreibung, sondern ich las geschichtsrevisionistische und verschwörungserzählerische Werke", führt er aus. Seine Geschichtslehrer hätten nicht gewusst, wie sie mit diesem Wissen umgehen sollten. "Dadurch habe ich mich aufgewertet gefühlt", blickt er zurück.

Weißgerber suchte schließlich den Kontakt zur Neonazi-Szene. "Ich bin da also nicht einfach so reingerutscht. Ich wurde auch nicht verführt'", betont er und stellt fest: "Niemand muss Nazi sein. Egal, was er oder sie erlebt hat. Es ist, wie bei allen politischen Ausrichtungen, stets eine eigene Entscheidung."

Weißgerbers Mission heute ist Prävention. So ist er als Aufklärer unterwegs, spricht in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen von seinen Erfahrungen als ehemaliger "Insider". Den Schwerpunkt seiner Arbeit als Bildungsreferent legt der Aussteiger auf "die Analyse und Kritik jeder Form von menschenverachtender Politik und Ideologie, ganz gleich, ob nationalistische, faschistische der neonazistische".

Eingebettet ist Weißgerbers Besuch an der HUS in eine Reihe von Veranstaltungen, die im Rahmen eines Jubiläums stehen. "Die HUS ist seit 20 Jahre Unesco-Schule", berichtet Frederik Siegfarth, Fachvorsteher der Fachschaft Geschichte und Organisator des Vortrags.

Ex-Nazi klärt auf

Am Ende wollen die Schüler wissen, wie Weißgerber vor rund neun Jahren den Ausstieg aus der rechtsradikalen Szene geschafft hat. "Das war ein jahrelanger Prozess", erläutert er. Weißgerber, der sich heute "nichts mehr darauf einbildet, deutsch zu sein". Er berichtet von Enttäuschungs-Momenten und Grabenkämpfen innerhalb de Neonazi-Szene. "Und die Einsicht, dass Neonazis nicht durch Dialog zum Ausstieg gebracht werden können." Weißgerber begann damit, Ideologien kritisch zu hinterfragen, legte Rituale ab und berichtet davon, verschiedene Aspekte des zwischenmenschlichen Lebens "wiederbelebt" zu haben, wie die Kommunikation mit anderen.

Ganz entscheidend für den Kulturwissenschaftler und Philosophen war die Analyse und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik. "Und letztlich die Akzeptanz und Übernahme der Verantwortung der früheren Taten", wie er sagt. Man müsse sich, so der 30-Jährige, "selbst reflektieren, Grenzen der eigenen Möglichkeiten erkennen, um die eigene Verarbeitung der Situation voranzubringen." Ihm habe es geholfen, ein Buch zu schreiben und darüber zu informieren, um "ein Bewusstsein und Räume gegen Rechts zu schaffen". Heute hat Weißgerber keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. Er erhält Morddrohungen von ehemaligen "Mitstreitern".

In Mittelhessen feierten Neonazis den Kriegsbeginn vor 80 Jahren mit einem Rechtsrock-Konzert in Hungen.

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