Zeitzeuge Wolfgang Lauinger (96)

„Ich wollte frei sein“

  • Anke Hillebrecht
    VonAnke Hillebrecht
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In dieser Woche ist es genau 70 Jahre her, dass die Rote Armee das Konzentrationslager (KZ) Auschwitz befreite. Inzwischen gibt es nur noch wenige Zeitzeugen, die von dem Grauen erzählen können. Wolfgang Lauinger ist einer von denen, die dem Vernichtungswahn des Nationalsozialismus entkamen. Am 6. März wird er im Graf-Stauffenberg-Gymnasium von seinen Erlebnissen berichten.

Seine hellen Augen blitzen wach. „Shalom“, sagt Wolfgang Lauinger freundlich und öffnet die Tür seines Zimmers weit. Lauinger ist 96 Jahre alt. Erst vor zwei Jahren hat er sich entschlossen, von seinem großen Haus an der Lahn in ein Pflegeheim über den Dächern Frankfurts umzuziehen. Dort umgibt ihn ein buntes Konglomerat aus Hunderten von Büchern („Ich musste die Hälfte wegwerfen“), Gemälden, Fotos und zwei Chanukka-Leuchtern.

Der 96-Jährige öffnet einen Rotwein, bevor er beginnt, von früher zu sprechen. Im Grunde ist es ein Wunder, dass er noch lebt – ein erstaunliches und nicht minder schönes Wunder. „Da ich jüdischer Abstammung bin, homophil und Gegner jeglicher Art von Unfreiheit war, hatte ich kaum eine Überlebenschance“, erklärt er den „jugendlichen Lesern“ eines neuen Buches, in dem er über sein Leben berichtet. „Mit meinem jugendlichen Übermut, meiner Widerspenstigkeit, der Hilfe von Freunden und nicht zuletzt viel Glück bin ich noch da“, sagt Lauinger. Im kommenden Monat erscheint ein Buch über seine Erlebnisse während der Schreckensherrschaft der Nazis.

Es leben nicht mehr viele Zeitzeugen, die über die NS-Zeit und das KZ Auschwitz aus eigener Erfahrung erzählen können, das fast auf den Tag vor 70 Jahren von sowjetischen Truppen befreit wurde.

Vater wurde deportiert

Wolfgang Lauingers Eltern ließen sich scheiden, als dieser fünf Jahre alt war. Sein Vater Artur war Jude und Journalist bei der „Frankfurter Zeitung“. Nach der Pogromnacht im November 1938 wurde der patriotische Deutsche, der im Ersten Weltkrieg an der Front gekämpft hatte, ins KZ Buchenwald verschleppt und unter der Bedingung freigelassen, dass er ins Exil ging.

Sohn Wolfgang war damals knapp 20 Jahre alt und blieb zurück. Er wurde von der Wehrmacht eingezogen – und als Halbjude wenig später wieder ausgemustert. Der Frankfurter fühlte sich allein. „Damals kam Swing auf“, erzählt der Senior heute. Lauinger schloss sich einem Dutzend junger Leute an, die die fetzige Musik hörten und selbst spielten. „Das waren Leute, die so dachten wie ich. Wir waren jung und wollten frei sein.“

Ins Gefängnis gesteckt

Die musikbegeisterten Jugendlichen gerieten in die Fänge der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) – Swing galt als „entartet“ – und mussten sieben Monate in Haft im Klapperfeld nahe der Frankfurter Konstablerwache. „Ein Kübel, ein Drahtgestell, ein Stuhl und im Winter keine Heizung“ ist Lauingers Erinnerung an den Knast. Kürzlich hat er seine frühere Zelle wieder besucht – heute ist in dem Gebäude ein Museum.

Als er im März 1942 frei kam, musste er erneut ins Gefängnis – diesmal nach Preungesheim – wegen Glücksspiels und des Besitzes von einem Stück Leder. „Ich hatte in der Kneipe Karten gespielt“, erzählt er und lächelt verschmitzt. Später fand Wolfgang Lauinger heraus, dass der neue Mann seiner Mutter dahintersteckte. In dieser Zeit verschwanden viele seiner jüdischen Freunde spurlos. Der Mann hatte ihm jedoch das Leben gerettet.

Doch auch nach Kriegsende wurde Lauinger behelligt – von Nazis, die noch in Amt und Würden waren, wie er denkt. Wieder musste er ins Gefängnis. 2011 wandte er sich an die damalige Justizministerin, die ihre Zuständigkeit bestritt. Im Alter von 85 wollte Lauinger Mitglied der Jüdischen Gemeinde werden, doch auch hier stieß er zunächst auf Widerstände.

Der Senior hat sich seinen Lebensmut und seine Widerspenstigkeit nicht nehmen lassen. Er spricht bis heute mit Schülern, denn „sie sollen wissen, was passiert, wenn man sich von Rattenfängern verblenden lässt“. Doch er ist überzeugt: „Heute kann ein solch großes Unglück wie der NS-Staat nicht mehr passieren.“

Im Februar erscheint das Buch „Lauingers. Eine Familiengeschichte aus Deutschland“ von Bettina Leder, ISBN 978-3-95565-080-3. Am 6. März ist Lauinger von 19.30 Uhr an in der Aula des Flörsheimer Graf-Stauffenberg-Gymnasiums, Bürgermeister-Lauck-Straße 24, beim Gesprächskonzert „Swing zu Unzeiten“ zu Gast.

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