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Interessante Zeitreise

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Schokoladen-Duft und Abenteuer im Keltengrund. Katharina Fuchs las aus ihrem Roman »Unser kostbares Leben«. © Saltenberger

Neu-Anspach (fms) Die in Wiesbaden geborene und im Vordertaunus lebende Schriftstellerin Katharina Fuchs las auf Einladung der Buchhandlung Weddigen und der Stadtbücherei Neu-Anspach aus ihrem Ende 2021 erschienen neuen Roman. Die abgezählten Plätze im Saal der evangelischen Kirchengemeinde seien schnell weg gewesen, erklärte Buchhändlerin Marlies Schwarze.

Aber nur ein Stuhl war von einem Mann besetzt.

Schreibt Fuchs vor allem für Frauen, ließe sich fragen. Vor allem schreibt sie über Frauen, wie die Autorin in ihren einführenden Worten auch bestätigte: »Mutter, Oma und Tante und jetzt ich«. Das heißt ihre Protagonistinnen sind nicht zuletzt prägende Frauen ihres eigenen Lebens gewesen, und das Leben selbst ist ein Roter Faden, der sich auffällig durch ihre Buchtitel zieht.

Abfindungen und Versprechen

So greift sie »Lebenssekunden« heraus, quantifiziert es im Titel von »Eine Handvoll Leben« und erklärt es im jüngsten Werk zum kostbaren Gut: »Unser kostbares Leben« lautet der Titel und er überschreibt eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten fußt, wobei Fuchs diese aber fiktionalisiert. Vor allem wer die Schauplätze kennt, wird Ereignisse verorten können und an den süßen Duft von Schokolade in der Luft erinnern sich noch viele im Bereich des Frankfurter Westens, wo man gleichzeitig auch die Schlote der ehemaligen Farbwerke immer vor Augen hatte.

In dieser Gegend ging die Erzählerin zur Schule, hatte Freundinnen, und die kamen wie sie aus bürgerlichen Familien mit beruflich erfolgreichen Vätern. Ein Schwimmbad war auch in der Nähe, wo es die Freundinnen oft hinzog. Mit der Schilderung eines Badeunfalls, der sich vor den Augen zweier Mädchen abspielte, attackierte Fuchs gleich zu Beginn die Nerven ihrer Zuhörerinnen, denn sie schilderte sehr lebhaft das Reinspringen, Abtauchen und beherzte Eingreifen der beiden Zehnjährigen und das Nachwirken des missglückten Rettungsversuchs: Das Netzwerk der Väter kam ins Spiel.

Mit Abfindungen und lukrativen Versprechungen lösten die so manches Problem, kauften ehemalige Erdbeerfelder auf zum Nutzen der Industrie. Zum Nutzen derselben wurden auch Tiere gebraucht, und so geriet bei den Mädchen Minka und Caro auch ein Tierversuchslabor ins Visier, in das sie einstiegen.

»Mein Buch ist auch so etwas wie eine Hommage an meine damals beste Freundin, die sich auch später bei Protestprojekten, wie den Ausbau der B 8 engagierte und im Hüttendorf lebte. Damals gab es ja noch keine Grünen«, so Fuchs. Aber der Protest formierte sich auf vielen Ebenen, so erzählte sie auch von einer jungen Lehrerin, die Flyer in Umlauf brachte: »Der Main war damals längst umgekippt und eine schaumige Brühe«, wusste Fuchs zu berichten. Die Passagen, die Fuchs vorlas, dazu ihre Erläuterungen, riefen die Erinnerungen an die Zeit des Schwarzweiß-Fernsehens und der Tonbandkassetten, von denen die Autorin sogar eine dabeihatte, wohl bei den meisten wach.

Erinnerungen und Einblicke

Eine aus Höchst stammende Zuhörerin identifizierte sofort den Ort mit dem Schwimmbad, der Schokoladenfabrik und dem süßen Duft, den damals niemanden gestört habe. Aber es gab gleichzeitig die Industrie, die heute nicht mehr alles in die Luft blasen oder in den Main ableiten darf - und das auch dank der Umweltschützerinnen von damals.

Fuchs, die sich im Buch in einer solchen widerspiegelt, weckte Neugier auf die weiteren 600 Seiten des Romans, in die weitere zeitgeschichtliche Themen eingearbeitet sind, so der Vietnamkrieg oder das Misstrauensvotum gegen Kanzler Willy Brandt. So entsteht eine interessante Zeitreise für solche, die die 1970er-Jahre als Teenager erlebt haben, mit Erinnerungswert für die Älteren und Einblicke für Jüngere.

Das gebundene Buch mit drei jungen Frauen auf der Motorhaube eines Pkw, den Blick auf die Höchster Schornstein-Skyline gerichtet, kostet 20 Euro und ist im Buchhandel, explizit der Buchhandlung Weddigen, zu haben.

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