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Für den Ausbildungsberuf des Kfz-Mechatronikers sind gute Mathe-Kenntnisse von Vorteil.

Berufsschulen

Für die Karriere braucht man kein Studium

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An Hessens beruflichen Schulen sind so wenig Schüler angemeldet wie seit 20 Jahren nicht mehr. Im Vergleich zum vorangegangenen Schuljahr ging nach Informationen des Statistischen Landesamtes die Zahl um zwei Prozent auf 184 180 zurück. Eine Landesentwicklung, die sich bislang im Hochtaunuskreis nicht bemerkbar macht, wie eine Nachfrage bei den drei hiesigen Berufsschulen ergab.

Wer nach dem Abitur studiert, den erwartet ein höheres Einkommen, der ist besser vor Arbeitslosigkeit geschützt – und überhaupt. Das ist die Kernaussage einer internationalen Studie zum Thema „Bildung, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 2014 vorgelegt hat. Auch mit Blick auf den „Better Life Index“ sagt die OECD, dass eine gute Bildung eine wichtige Voraussetzung dafür ist, einen Arbeitsplatz zu finden.

Abi, das muss es also schon sein. Und das gilt im Hochtaunuskreis bei einer Übertrittsquote von der Grundschule aufs Gymnasium von weit über 50 Prozent in den meisten Fällen offensichtlich auch. Dass ihr Kind danach studiert, ist für viele Eltern ohnehin klar.

„Schließlich soll der Nachwuchs im Beruf erfolgreich sein und so sehen viele die höchste Ausbildung – Abi und Uni-Studium – deswegen auch als die beste an“, weiß Heike Weber, die Leiterin der beruflichen Saalburgschule in Usingen.

Dabei sei das keineswegs selbstverständlich, betont Weber und verweist auf ein ausgesprochen interessantes Papier, das das Land Hessen herausgegeben hat. „Schule – und was dann“ ist es überschrieben und Teil der sogenannten OloV-Strategie (siehe weiterer Beitrag auf dieser Seite). Das steht für „Optimierung der lokalen Vermittlungsarbeit im Übergang Schule – Beruf“.

In dem Papier ist kurz und knapp zusammengefasst, was man mit welchem Schulabschluss erreichen kann und was man dafür braucht. Natürlich geht es dabei vor allem darum, jungen Leuten zu erklären, was man mit einer soliden Berufsausbildung alles erreichen kann.

Besonders eingängig wirkt da eine Grafik, die auf Informationen der Industrie- und Handelskammer fußt. Sie zeigt die Verdienstmöglichkeiten unterschiedlicher Schul- und Ausbildungsabschlüsse.

Demnach verdient ein Schüler, der nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zum Mechatroniker gemacht hat, dann seinen Meister draufsetzt und – weil der von Hochschulen anerkannt wird – noch ein Maschinenbaustudium anschließt, bis zu seinem 40. Lebensjahr 920 000 Euro.

Das ist nur unwesentlich weniger als die 947 000 Euro, die im vergleichbaren Zeitraum einer verdient, der Abitur gemacht hat, dann vielleicht Industriekaufmann lernt, seinen Fachwirt draufsattelt und noch einen Master in Betriebswirtschaft anhängt. Tatsächlich würde der ehemalige Realschüler bis zu seinem 40. Geburtstag sogar fast 200 000 Euro mehr verdienen als einer, der Abitur macht und dann direkt studiert.

Die Botschaft ist klar: Eine Ausbildung lohnt sich. Das sieht wohl nicht nur Heike Weber so, sondern auch ihre derzeit 1394 Berufsschüler, von denen immerhin 943 im Rahmen der Dualen Ausbildung das Lernen in Betrieb und Berufsschule kombinieren.

Im Gegensatz zur hessenweiten Entwicklung, wonach die Zahl der Berufsschüler jüngst um zwei Prozent zurückgegangen ist, sind die Schülerzahlen an der Usinger Saalburgschule seit Jahren stabil, sogar leicht steigend, betont Weber.

„Natürlich hatten wir auch immer wieder mal Phasen, in denen in einzelnen Berufssparten die Anmeldungen zurückgingen“, sagt Weber und erinnert sich an eine Zeit vor zwei Jahren, als zum Beispiel deutlich weniger junge Leute Interesse an der Kfz-Sparte hatten. Ähnlich sah es zwischen 2012 und 2016, als der Tischlerberuf „einen Durchhänger“ hatte. „Aber prinzipiell sind unsere Schülerzahlen gleichbleibend“, betont Weber.

Vielleicht auch, weil Weber und ihr Team den Schülern klarmachen, wie wichtig das ist, was sie tun. „Sehen Sie, wenn man Kfz-Mechatroniker lernt, dann ist das beileibe nicht so, dass man einfach ein Diagnosegerät in der Hand hält und damit mal schnell prüft, warum die Spannung abfällt. Man muss herausfinden, wieso das so ist. Und dafür muss man ziemlich gut in Mathe und Physik sein. Das ist eine Herausforderung, aber eine, die eben auch motiviert, eine, durch die einem Wertschätzung widerfahren kann“, sagt Weber. Motivierend ist es sicher auch, wenn man in diesen unsicheren Zeiten einen halbwegs krisensicheren Beruf ergreifen kann. Orthopädietechniker ist so einer. Wer das lernt, wird Patienten später mit orthopädietechnischen Hilfsmitteln versorgen. Denn er stellt zum Beispiel künstliche Gliedmaßen, Schienen und Bandagen her oder montiert Gehhilfen und Rollstühle. Da die Menschen im Durchschnitt immer älter werden, wird es in diesem Bereich vermutlich immer gut zu tun geben. „Vor allem aber ändert sich die Technik rasant, so dass man sich auch ständig weiterentwickelt“, unterstreicht die Schulleiterin und fügt hinzu: „Früher wurde zum Beispiel viel mehr mit Metall gearbeitet, heute viel mehr mit Kunststoff. Das ist wirklich spannend.“

Spannend ist auch die Entwicklung der Schülerzahlen an der Hochtaunusschule in Oberursel. Die sind nach einem leichten Rückgang 2014 und 2015 in den Jahren 2016 und 2017 wieder ansteigend, „und zwar um etwa acht Prozent, womit wir derzeit mit 1459 Schülern knapp von unserem absoluten Höchststand von gut 1500 entfernt sind“, sagt Schulleiter Dr. Markus Büchele. Die Gründe hierfür seien vielfältig: Neben der Aufnahme von Flüchtlingen in die Sprachfördermaßnahme „InteA“ - das sind die Intensivklassen an beruflichen Schulen für Flüchtlinge ohne hinreichende Deutschkenntnisse – sei auch das Interesse an verschiedenen Bereichen stark angewachsen.

Bücheles Stellvertreter Christoph Schlageter erklärt: „Technische Berufe sind für die jungen Leute offensichtlich von Interesse. Wir zumindest haben um 20 Prozent steigende Schülerzahlen im Bereich Fachoberschule – Technik.“ Gestiegene Schülerzahlen seien auch im Berufsschulbereich zu verzeichnen. Besonders auffällig sei ein Plus von 18 Prozent bei der Elektrotechnik und ein Plus von 26 Prozent bei der Informationstechnik. Steigende Schülerzahlen melden zudem einige Ausbildungsberufe. „Bei der Ausbildung zum Mechatroniker haben wir elf Prozent mehr Schüler, bei der zum Pferdewirt sogar 18 Prozent mehr“, betont Schlageter.

Gerade der Anstieg bei der Ausbildung zum Pferdewirt komme aber natürlich nicht von ungefähr: „Wir haben in diesem Zweig eine Landesfachklasse, da kommen Schüler nicht nur aus Hessen zu uns, sondern eben auch aus Bayern, Berlin, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz“, sagt Büchele. Natürlich sei der Beruf mit einem gewissen Prestige verknüpft. Aber den großen Zulauf erklärt er sich eher damit, dass die Hochtaunusschule in den vergangenen Jahren ihre Öffentlichkeitsarbeit verstärkt habe und zudem in intensivem Kontakt mit den ortsansässigen Ausbildungsbetrieben und Industrie- und Handelskammern stehe. Bei der Oberurseler Ausbildungstour, bei der Unternehmen für die duale Ausbildung werben, sei die Hochtaunusschule mittlerweile sogar „der zentrale Standort der Tour“, fügt Schlageter hinzu.

Schlageter und Büchele halten die Präsenz von Berufsschulen bei solchen Veranstaltungen und das Arbeiten an der öffentlichen Wahrnehmung für entscheidend. Viele junge Leute wüssten überhaupt nichts von den vielfältigen Abschlussmöglichkeiten oder der Chance, neben der Ausbildung die Fachhochschulreife zu erreichen, sagt Schlageter. Ein Fachabitur klinge in den Ohren von vielen irgendwie minderwertig. Und das sei ein großes Problem, denn das Gegenteil sei eigentlich der Fall. „Wer in Mathe begabt ist und bei uns einen Technik-Leistungskurs belegt, der hat später sowohl in der Ausbildung als auch im Studium einen großen Vorteil“, ist Büchele überzeugt.

Von Vorteil für eine Berufsschule ist es nach Aussage von Peter Selesnew, dem Leiter der beruflichen Feldbergschule in Oberursel, wenn sie sich auf eine bestimmte Sparte spezialisiert hat. Im Falle der Feldbergschule seien das kaufmännische Ausbildungen. „Diese Monostruktur – und vermutlich auch die Tatsache, dass wir hier im Hochtaunuskreis angesiedelt sind, ist für uns von Vorteil, denn unsere Schülerzahlen, die derzeit bei 1853 liegen, sind seit Jahren stabil“, sagt Selesnew. Seine Kollegen im Odenwald oder im Vogelsberg hätten dagegen Probleme, ihre Klassen zu füllen.

Die Feldbergschule wählt, wer zum Beispiel Bankkaufmann werden will oder Lagerlogistiker, Kaufmann für Groß- und Einzelhandel oder für Versicherungen, Industriekaufmann oder Steuerfachangestellter. Auch wenn die Schülerzahlen insgesamt stabil seien, gebe es innerhalb dieser Ausbildungsberufe immer wieder Verschiebungen, sagt Selesnew. Früher zum Beispiel hätte er zwei Klassen mit angehenden Bankkaufleuten gehabt, heute sei es noch eine. „Auch wenn es eine große Klasse ist, es ist erkennbar, dass da die Bewerberzahlen ein bisschen zurückgegangen sind.“

Kopfzerbrechen dürfe es dem einen oder anderen Händler im Hochtaunuskreis bereiten, dass es momentan so schwierig sei, Auszubildende für den Bereich Groß- und Einzelhandel zu finden. „Dabei ist dieser Beruf ungeheuer spannend und vor allem international“, sagt Selesnew und erklärt: „Kaufleute im Groß- und Außenhandel der Fachrichtung Großhandel kaufen Güter aller Art bei Herstellern oder Lieferanten und verkaufen sie an Handel, Handwerk und Industrie weiter.

Sie sorgen für eine kostengünstige Lagerhaltung und einen reibungslosen Warenfluss.“ Das sei eine Aufgabe mit großer Verantwortung, betont der Leiter der Feldbergschule. Und auch eine mit Zukunft. Laut Homepage der Feldbergschule finden „Kaufleute im Groß- und Außenhandel der Fachrichtung Großhandel Beschäftigung in Unternehmen nahezu aller Wirtschaftsbereiche“.

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