+
Miryam und Benjamin Turbanisch sind im Papierkrieg mit Behörde und Versicherung.

Kleines Mädchen hat Diabetes Typ 1

Keine Hilfe für Romy

Der Antrag einer Seulberger Familie auf schulbegleitende Betreuung für die an Diabetes Typ 1 erkrankte Tochter, die im Sommer in die Grundschule kommt, wurde sowohl von der zuständigen Behörde beim Kreis als auch von der Krankenkasse abgelehnt. Und das, obwohl es sehr gute Gründe für eine unterstützende Betreuung gibt.

Von GABRIELE CALVO HENNING

Es war ein Schock für die Familie Turbanisch, als vor anderthalb Jahren plötzlich Diabetes Typ 1 bei ihrer damals 3 Jahre alten Tochter Romy festgestellt wurde. Wegen eines Gendefekts und durch eine einfache Erkältung ausgelöst, funktioniert ihre Bauchspeicheldrüse nicht mehr. Die Folge: Romy (heute 4) wird ihr Leben lang auf Insulingaben angewiesen sein. „Wir hatten große Angst um unsere Tochter und mussten in kurzer Zeit alles über diese Krankheit und den Umgang damit lernen“, erinnern sich die Eltern Miryam und Benny Turbanisch. Nach einer harten Zeit mit Krankenhausaufenthalten, Arztterminen und Schulungen habe sich die Situation im Moment relativ gut eingespielt, berichten die beiden, die außer Romy noch drei weitere Kinder im Grundschul-, Kleinkind- und Babyalter haben.

Auch im Kindergarten mussten sich die Erzieherinnen erst einmal mit dem Umgang mit dem Diabetes kranken Kind vertraut machen. Romy wird über eine Insulinpumpe, die sie ständig am Körper trägt, versorgt. Ein ebenfalls am Körper befestigter Sensor überwacht die Blutzuckerwerte. Das Problem: Trotz Pumpe und Sensor müssen die Blutzuckerwerte zusätzlich immer wieder kontrolliert werden, je nachdem, was Romy gegessen hat oder gleich essen möchte oder wie sehr sich das Kind beim Spielen bewegt hat. Dazu kommt, dass Romys Werte stark schwanken. „Deshalb ist es absolut notwendig, dass Romy einen Integrationshelfer oder eine ähnliche Betreuung zur Seite bekommt“, sagen die Eltern mit Blick auf den anstehenden Grundschulbeginn in diesem Sommer. Denn von einem kleinen Kind, das noch nicht lesen kann, könne das zuverlässige Kontrollieren der Werte einfach nicht verlangt werden.

Das sieht auch eine der behandelnden Ärztinnen im Clementinenhospital in Frankfurt so. In einem uns vorliegenden Brief an das Landratsamt schreibt sie, dass die Schaffung einer Integrationsstelle für Romy „unabdingbar“ sei, „um sowohl kurzfristige Komplikationen (Unterzuckerung mit akuter Gesundheitsgefährdung) als auch langfristige Gesundheitsschäden (. . .) im Sinne des Kindeswohls zu vermeiden.“

Ob es für Romy vom neuen Schuljahr an so eine Assistenz geben wird, ist im Moment allerdings mehr als fraglich. Denn sowohl die Leitstelle Frauen, Senioren, Behinderte und Krankenhilfe beim Kreis als auch die zuständige Krankenkasse DAK haben sich für nicht zuständig erklärt, eine solche Stelle einzurichten oder zu finanzieren – die entsprechenden Anträge wurden mehrfach abgelehnt.

Stattdessen schieben sie sich gegenseitig die Verantwortung zu. So sieht die Kreisbehörde die Krankenkasse in der Pflicht und schreibt auf Nachfrage der TZ in einer E-Mail der Pressestelle wörtlich: „Ein Integrationshelfer ist dazu da, um behindertengemäße Beschränkungen auszugleichen. Diabetes ist jedoch keine Behinderung, sondern eine Krankheit, womit die Zuständigkeit nach Paragraf 37 Sozialgesetzbuch V bei den Krankenkassen liegt.“ Dass Romy einen Behindertenausweis besitzt, scheint für den Kreis dabei keine Rolle zu spielen.

Die DAK Hessen lehnt ihrerseits jede Zuständigkeit ab, wie uns deren Pressesprecher auf Nachfrage bestätigte. Die Krankenkasse habe bereits die komplette medizinische Versorgung übernommen. Bei einer Assistenz während der Schulzeit handle es sich aber nicht um eine medizinische Unterstützung, sondern um eine soziale. Und für die sei nach ihrer Auffassung eindeutig der zuständige Sozialträger, also der Hochtaunuskreis, zuständig. Auch die Krankenkasse führt für ihre Argumentation Paragrafen aus dem Sozialgesetzbuch (SGB) an und verweist auf Paragrafen 53 und 54 SGB XII.

Familie Turbanisch sitzt derweil zwischen Baum und Borke und fühlt sich total allein gelassen. „Wir wollen nur, dass Romy trotz ihrer Krankheit ganz normal aufwächst und wie jedes andere Kind zur Schule gehen kann. Zumindest bis sie lesen kann, braucht sie dafür Unterstützung während des Unterrichts.“

Für die Eltern jedenfalls steht fest, dass sie nicht locker lassen werden, um für eine adäquate Betreuung ihrer Tochter während der ersten Schuljahre zu kämpfen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare