„Keiner wurde älter als 35 Jahre“

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Den Frieden zu feiern und die Freundschaft zu pflegen – zu diesem Zweck hatten sich 40 Falkensteiner auf den Weg nach Le Mêle gemacht. Mit dabei: TZ-Reporterin Jutta Badina, die im zweiten Teil ihres Berichtes aus der Partnergemeinde die Zeit in den Blick nimmt, in der der Frieden unerreichbar schien.

„Wir sind auf einem Friedensfest, deswegen sollten wir die Kriege hinter uns lassen“, hatte Hermann Groß seine Falkensteiner Mitreisenden auf den Tagesausflug in den Badeort Carbourg eingestimmt. Doch ganz außen vor lassen, konnte die Gruppe aus dem Taunus auf dem Weg an die normannische Küste die Schattenseiten der deutsch-französischen Vergangenheit nicht. Dazu hat der Zweite Weltkrieg entlang der Strecke von Le Mêle bis Carbourg viel zu sehr gewütet.

Davon zeugt auch der Soldatenfriedhof in St. Desir-de-Lisieux. Rund 3700 deutsche Soldaten, die während des Krieges in der Umgebung den Tod fanden, liegen hier begraben. „Hierbei handelt es sich“, so Hermann Groß, „noch um einen der kleinen Friedhöfe.“

Die Kämpfe, die von Juni bis August 1944 hier getobt hatten, darauf wies der Falkensteiner Lokalhistoriker seine Begleiter hin, seien schrecklich in ihren Ausmaßen gewesen, sowohl für die Soldaten wie auch für die Zivilbevölkerung. Man geht davon aus, dass täglich 35 000 Granaten auf die Deutschen niedergegangen sind. „Ich weiß nicht, wo das ganze Zeug herkommt. Die Alliierten hatten zumindest keinen Mangel daran“, hatte der Vater von Hermann Groß damals in einem Brief an seine Familie berichtet. Wie viele andere Väter und Söhne sollte auch er nicht mehr nach Hause zurückkehren.

Lange Jahre haben Hermann Groß und seine Schwester Hedwig nach dem Grab des Vaters gesucht. Heute wissen sie, dass er auf einem der Friedhöfe in der Normandie begraben liegt.

Geholfen hat bei der Suche der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Eben jene Organisation ist derzeit auf dem Friedhof St. Desir-de-Lisieux, im Rahmen des Programms „50+“ mit einigen ehrenamtlichen Helfern aktiv, pflegt die Gräber und legt sie teilweise neu an.

Rund zwei Wochen sind die Helfer aus ganz Deutschland am Ort und übernehmen die Pflegemaßnahmen und Umbauarbeiten. „Das Programm läuft seit 10 Jahren sowohl in Frankreich als auch im Osten“, teilt der Gruppenleiter Günther Friehe mit. Obwohl sich die meisten Helfer schon seit Jahren um die Gräberpflege kümmern, sind sie doch immer wieder betroffen. „Ich habe dort vorne vorhin an einem Kreuz gearbeitet, wo ein junger Soldat direkt an seinem Geburtstag verstorben ist“, berichtete Helfer Manfred Rieger. „Ich musste da schon mal schlucken. Wenn man sich mal überlegt, dass ihm morgens vielleicht noch die Kameraden gratuliert haben und abends hat er nicht mehr gelebt.“

Spurlos ging die Besichtigung auch an den Gästen aus Falkenstein nicht vorüber. Die bis dahin muntere Gruppe lief schweigend über das Gräberfeld. „Mein Gott, all die Kreuze, die ich mir angeschaut habe – keiner wurde älter als 35 Jahre“, sagte eine Teilnehmerin leise. Die Vorsitzende des Partnerschaftskomitees, Constanze Schleicher, legte ein kleines Gesteck an einem der Kreuze ab. „Mögen alle für jemanden beten, der betroffen war oder ist, gedenken wir der Opfer der vergangenen und aktuellen Kriege und bitten wir um Frieden.“

Wie sehr unter dem Krieg auch die Zivilisten gelitten hatten, darauf verwies Hermann Groß mit Nachdruck: „Überall lagen Wrackteile, Stofffetzen und Tierkadaver, die Menschen wurden schnell begraben. Lange Zeit durfte das Wasser hier nicht getrunken werden, weil es verseucht war. Es musste aus anderen Gegenden Frankreichs mit Tanks gebracht werden.“

(juba)

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