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Das um 1900 errichtete, heutige Hotel Feldberg könnte einem Neubau Platz machen müssen. Fotos: Jung

Neuantrag liegt vor

Traditionshotel könnte bald Geschichte sein: Hoher Symbolwert für jüdisches Leben in der Stadt

Ein Antrag für einen Neubau des Hotel Feldberg liegt beim Kreis vor - Seit 120 Jahren befindet es sich an der Ecke Kloster- und Kirchstraße.

Königstein - Seit gut 120 Jahren steht das heutige "Hotel Feldberg" an der Ecke Kloster- und Kirchstraße. Wenn seine Mauern reden könnten, das Haus wäre der perfekte Zeitzeuge, so zentral wie es liegt, so lange, wie es hier schon steht. Vor allem könnte es von einem Kapitel der Kurstadt-Geschichte berichten, das gerade heute wieder aktueller denn je scheint.

Denn die Menschen, die das Haus erbauen ließen, hier lebten und hier die ersten Gäste beherbergten, waren Mitglieder der jüdischen Gemeinde der Stadt. Sie waren Königsteiner wie ihre christlichen Nachbarn, waren im städtischen Leben involviert und engagiert.

Das alles aber war am Ende kein Schutz für sie. Ihre Namen stehen heute auf Stolpersteinen, die in den Gehweg vor dem Hoteleingang in der Klosterstraße eingelassen sind. Sie stehen für den millionenfachen Mord an Menschen jüdischen Glaubens in der Zeit des Nazi-Terrors.

Neben den Messingplatten auf dem Bürgersteig ist es bislang auch das "Hotel Feldberg", das an die Zeiten erinnert, in denen Königstein die Heimat einer großen jüdischen Gemeinde war. Allerdings könnte das alte, jedoch nicht unter Denkmalschutz stehende Gebäude bald selbst Geschichte sein.

Wie der Hochtaunuskreis auf Anfrage unserer Zeitung bestätigt, liegt ein Bauantrag für einen Neubau auf dem Gelände des Hotels Feldberg. Dieser, so die Auskunft aus Bad Homburg, werde derzeit geprüft.

Obschon es ungewöhnlich sei, dass ein Bauherr erst einen Bauantrag für einen Neubau zur Prüfung einreiche, bevor er einen Antrag auf Abbruch des bestehenden Gebäudes stelle, sei es nicht verboten, so zu verfahren. So die Auskunft der im Landratsamt angesiedelten Bauaufsicht.

In die Prüfung des Bauantrags einbezogen werde verfahrensgemäß auch die Untere Denkmalschutzbehörde. Die Einbindung der Denkmalschützer auf unterer Ebene habe an dieser Stelle aber nichts mit einer möglichen Denkmalwürdigkeit des ehemaligen Hotels Feldberg zu tun. Es gehe um die städtebauliche Umgebung des Geländes, für das ein Bauantrag gestellt werde.

Königstein Hochtaunus: "Und wieder verschwindet Historie"

Dass es vonseiten der Denkmalschützer noch ein Veto gegen den drohenden Abriss des Hotels Feldberg geben könnte, war die Hoffnung, die Ellengard Jung noch hatte.

"Mit dem Abbruch soll ein weiteres Haus mit jüdischer Geschichte verschwinden, das man bislang aber stolz jedes Jahr zum Tag des offenen Denkmals präsentiert", kritisiert die Stadthistorikerin und Vorsitzende des Vereins "Denkmalpflege Königstein", unmissverständlich. Auch baugeschichtlich wäre es ein weiterer Verlust, wenn das Hotel Feldberg durch einen Neubau ersetzt würde. Es verblieben immer weniger Häuser in der Stadt, die für die Zeit des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts stünden.

Wohlwissend, dass das Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht, hatte Ellengard Jung dennoch versucht, die Landesdenkmalpflege in Wiesbaden für die stadtgeschichtliche Bedeutung des Hauses und dessen Schutz zu sensibilisieren. Offensichtlich vergebens.

In einer schriftlichen Stellungnahme teilt das Landesamt für Denkmalpflege mit, dass man von den Neubau-Planungen in Königstein zwar wisse. Man sei aber als Behörde "nicht involviert", "da das Gebäude kein Denkmal ist".

Warum es das nicht ist? Nach Auskunft aus Wiesbaden sei Königstein 2014 inventarisiert und damals das Gebäude nicht als Denkmal eingestuft worden. "An diesen Status halten wir uns, er ist für uns verbindlich", unterstreicht Dr. Katrin Bek von der Pressestelle des Landesamtes auf Anfrage unserer Zeitung.

Bek verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass man bei der Feststellung der Schutzwürdigkeit zwischen geschichtlichen Ereignissen und der historischen Bausubstanz unterscheiden müsse. Ein Gebäude sei nicht unbedingt ein Denkmal, nur weil seine Bewohner ein besonderes Schicksal hatten.

Was das Erteilen der Baugenehmigung für das Areal des Hotels Feldberg angeht, so entscheidet darüber die Bauaufsicht in Bad Homburg. Um ihr Einvernehmen wird die Stadt Königstein aber schon gebeten, und das wird sie wohl auch erteilen.

Zwar wollte Bürgermeister Leonhard Helm (CDU) mit Hinweis auf den Datenschutz nicht ins Detail gehen, was anstelle des Hotels Feldberg an der Ecke Kloster- und Kirchstraße entstehen solle. Hierüber könne nur der potenzielle Bauherr selbst Auskunft geben. Die Planungen jedoch, die er gesehen habe, so der Rathauschef, stimmten ihn zuversichtlich, dass der Neubau eine Belebung für die Stadt an dieser zentralen Stelle sein könne.

Königstein Hochtaunus: Bausachliche Entscheidung

Was den baulichen Zustand des "Hotels Feldberg" angehe, wirke es laut Helm zwar von außen noch relativ stabil. Dennoch habe es "seine besten Zeiten lange hinter sich". Zudem ließe sich das Innere nur "schwer auf einen zeitgemäßen Stand bringen". Helm: "Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass ein Eigentümer sagt: Wenn es kein Denkmal ist, ersetze ich es durch einen Neubau."

Das dürfe denn auch aus Sicht der Stadt nicht zu einer "emotionalen Entscheidung" werden, sondern müsse eine "bausachliche" bleiben. "Als Verwaltungsbehörde müssen wir nach Recht und Gesetz handeln", unterstreicht der Königsteiner Rathauschef.

Gerne hätten wir an dieser Stelle auch den Eigentümer des Hotel-Geländes zu Wort kommen lassen und das geplante Neubau-Projekt vorgestellt. Ein entsprechendes Angebot unserer Zeitung wurde jedoch mit Hinweis auf das frühe Stadium der Planungen nicht angenommen. Stefan Jung

Es waren Ferdinand und Rosa, genannt "Röschen", Cahn, die das Haus an der Ecke Kloster- und Kirchstraße gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichten ließen. Das Ehepaar jüdischen Glaubens zog 1899 ein und betrieb hier zunächst eine koschere Metzgerei, 1905 weitete der in Königstein geborene Ferdinand Cahn das Angebot aus, eröffnete einen Gastbetrieb mit Ausschank. Es war die Geburtsstunde des Hotels Cahn, das in den kommenden Jahren zu einer festen Größe in Königstein wurde.

Vor allem für die damals zahlreichen Kurgäste mit jüdischen Wurzeln war das Haus die erste Wahl, weiß Petra Geis. Die Sprecherin der AG "Stolpersteine Königstein" und ihre Mitstreiter haben sich in den vergangenen Jahren intensiv beschäftigt mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde im Allgemeinen und den Schicksalen der Königsteiner jüdischen Glaubens zwischen 1933 und 1945 im Besonderen.

"Ferdinand Cahn war ein angesehenes Mitglied der Stadtgesellschaft", unterstreicht Geis im Gespräch mit unserer Zeitung. Unter anderem ist von ihm überliefert, dass er das Festbankett zur Einweihung der neuen Synagoge spendierte. Christlich-jüdische Ressentiments, so die Sprecherin der AG Stolperstein, hätten damals keine Rolle gespielt. Wie zum Beleg habe Cahn sein Hotel in unmittelbarer Nachbarschaft der katholischen Kirche gebaut.

Wie brutal sich das binnen 20 Jahren ändern sollte, musste der Hotelier nicht mehr erleben. Cahn starb 1920. "Röschen Cahn" blieb im Haus an der Klosterstraße, als Miteigentümerin hatte sie ein Einsitzrecht.

Der Hotelbetrieb wiederum ging an Cahns Mitarbeiter Adolf Heß und dessen Familie über. Auch sie waren jüdischen Glaubens, auch sie brachten sich in der Stadt ein. Heß engagierte sich in der "Königsteiner Notgemeinschaft" und hatte sich im Ersten Weltkrieg für "Kaiser und Vaterland" sogar eine schwere Verwundung zugezogen.

Schützen sollte ihn und seine Familie das allerdings nicht vor dem Grauen, das mit der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 über sie hereinbrechen sollte.

Hochtaunus Königstein: Über Nacht war alles anders

Nachdem am Morgen des 10. November zunächst der Metzgerei- und Hotelbetrieb dauerhaft verboten worden war, warfen Randalierer am Nachmittag Steine in die Fenster, zerschlugen im Inneren Bilder und rissen die Latten vom Hofzaun.

Zwar musste Adolf Heß im Januar 1939 auf Druck sein Haus verkaufen, der Kaufvertrag sah jedoch vor, dass er, seine Frau Berta, der Sohn Werner und die Schwiegermutter Clementine Mayer bis Oktober im Haus bleiben konnten. Die Ausreise war geplant, sogar zwei Mal genehmigt worden.

Warum die Familie trotzdem noch drei Jahre in Königstein blieb, konnte die AG Stolpersteine nicht herausfinden. Am 28. August 1942 wurde Familie Heß verhaftet und zunächst in das Ghetto Theresienstadt deportiert.

Während Clementine Mayer bereits dort starb, wurden ihre Tochter Berta, ihr Schwiegersohn Adolf Heß und der Enkel Werner 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau transportiert. Berta Heß starb auf dem Weg dorthin. Von Adolf und Werner Heß verlieren sich die Spuren.

Röschen Cahn hatte bereits 1939 das Haus an der Ecke Kloster- und Kirchstraße verlassen, lebte zunächst in Frankfurter Altenheimen und wurde 1942 nach Theresienstadt verbracht, wo sie 1943 starb.

An sie wie auch an die dem Nazi-Terror zum Opfer gefallenen Mitglieder der Familie Heß erinnern heute fünf Stolpersteine vor dem Hotel-Eingang in der Klosterstraße. Dass die da auch bleiben oder zumindest wieder hinkommen, sollte das Hotel abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden - darauf, so Petra Geis, werde man vonseiten der AG Stolpersteine sehr genau achten. Hier vertraue man aber auch auf die Stadt, die die Steine schon einmal bei der Sanierung der Klosterstraße gesichert und später wieder im Gehweg eingelassen habe.

Den sich abzeichnenden Abriss des Hotels Feldberg bedauert Geis nachdrücklich. Zum einen büße Königstein ein Haus ein, das über mehr als 100 Jahre durchaus stadtbildprägend war. Zum anderen und vor allem verliere die Stadt ein Haus von symbolisch hohem Wert, stehe es doch für die lange Geschichte jüdischen Lebens in der Stadt.

Es wäre schön, so die Sprecherin der AG Stolpersteine, wenn der Eigentümer oder die Stadt daran zumindest mit einer Hinweistafel erinnern würden. sj

Was macht ein Kulturdenkmal aus, woran macht man zum Beispiel die Schutzwürdigkeit eines Gebäudes fest?

In Paragraf 2, Absatz 1 des Hessischen Denkmalschutzgesetzes heißt es dazu: "Kulturdenkmäler im Sinne des Gesetzes sind bewegliche und unbewegliche Sachen, Sachgesamtheiten und Sachteile [...], an deren Erhalt aus künstlerischen, wissenschaftlichen, technischen, geschichtlichen oder städtebaulichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht." 

red

Die Standgenehmigung für die Hütte am Feldberg in Schmitten endet am 19. Mai. Eine Sondergenehmigung für eine Verlängerung in der Corona-Krise gibt es nicht.

Euthanasie-Forschung deckt traurige Schicksale auf: Vor den Toren von Frankfurt, in der „Mammolshöhe“ in Königstein wurden seit Ende der 1940er Jahre Medikamententests an Kindern vorgenommen. Bei der Suche nach Verantwortlichen fällt immer wieder ein Name.

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