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Burg vor Substanzverlust bewahren

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Von: Ulrich Boller

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Lars Eisenhut steht breitbeinig da und lässt einen Stein fallen („Hohlraum-Test“), während die Gäste der Führung interessiert zuschauen. Der Ingenieur und sein Büro nehmen an der Burg eine Art „Inventur“ vor.
Lars Eisenhut steht breitbeinig da und lässt einen Stein fallen („Hohlraum-Test“), während die Gäste der Führung interessiert zuschauen. Der Ingenieur und sein Büro nehmen an der Burg eine Art „Inventur“ vor. © Priedemuth

Fachleute untersuchen den Zustand und würdigen die einstigen Erbauer als „clever“.

Königsstein -Imposant ragt das Mauerwerk der Burg noch im ruinösen Zustand empor. Vielfach vermitteln die Fragmente einen Eindruck davon, wie das mächtige Bauwerk im unzerstörten Zustand aussah. Dass Königsteins Wahrzeichen fest gegründet steht auf einem Felsrücken, sei „der Grund, warum sich die Burg zum großen Teil in einem guten Zustand befindet“, führte Lars Eisenhut aus. Das betreffe den Bereich des Haupttors und der „Spitzen Bastion“, wo der promovierte Ingenieur die Besuchergruppe begrüßte, die sich zu einer Führung zum Tag des offenen Denkmals eingefunden hatte. Nicht durch die Brille des Historikers wolle er das Bauwerk betrachten und erläutern, sondern aus der Perspektive des Fachmanns für Bautechnik.

Für diesen außergewöhnlichen Rundgang seien zwei Gründe leitend, sagte Stadtarchivarin Alexandra König. Zum einen passe er zum Motto des Denkmal-Tages: „Kultur-Spur. Ein Fall für den Denkmalschutz“. Zum anderen habe die Stadt das in Kassel und Marburg ansässige Ingenieurbüro HAZ beauftragt, den baulichen Zustand der Burg eingehend zu untersuchen. Wie die Ingenieure vorgehen, darüber gebe die Führung Aufschluss. König: „Wir stehen am Beginn einer konzentrierten und konzertierten Aktion, die Burg als Ruine zu restaurieren.“

Efeu schadet, Moose tun nicht weh

Dass das an zumindest einigen Stellen dringend notwendig ist, führte der Bauexperte an der Abbruchkante der nur noch teilweise vorhandenen Verbindungsmauer zwischen Neuer Bastion und Eingangstor vor Augen. „Diese Mauer besteht aus geschichtetem Tonschiefer und Gneis in zwei bis drei Meter Stärke, die an zwei Seiten behauen sind“, führte Eisenhut aus. Dazwischen befindet sich Füllmaterial, das mit Kalkmörtel gebunden wurde. An die hohe, gerade Mauer schlossen sich ursprünglich im rechten Winkel Tonnengewölbe an, die dazu dienten, die Konstruktion zu stabilisieren und Druck abzuleiten. Eindringendes Wasser und Frost führen nach seinen Worten dazu, dass sich dieser Verbund nach und nach auflöst und Teile des Mauerwerks herausbrechen. „Diesen Substanzverlust im großen Stil müssen wir in der Zukunft vermeiden“, unterstrich der Architekt. „Clever gemacht“ haben die mittelalterlichen und neuzeitlichen Burgenbauer nach Eisenhuts Einschätzung die parallel zum Hang geführten Gewölbe unter dem Weg zum „Hellen Bogen“. Die tunnelähnlichen Keller mit einem Bogenradius von rund acht Meter wirkten außerordentlich stabilisierend. Gleichwohl zeigten die Ausbauchungen an den Schildwänden, dass an dieser Stelle ein starker Druck auf das Gemäuer wirkt.

Um das „Bauwerk zu lesen“ und die Zusammenhänge zu erschließen, haben die Marburger Bausachverständigen mittels Drohnen den gesamten Stein-Corpus photogrammetrisch vermessen und ein digitales Modell angefertigt. „Das ermöglicht es uns, jedes Detail genau zu betrachten und wir müssen nicht jedes Mal an Ort und Stelle fahren, wenn Fragen auftreten“, sagte Eisenhut. Wie wirkt sich der Bewuchs auf dem Burgareal aus? Nicht jede Pflanze schade den Mauern, sagte er. „Alles, was Gehölz bildet, schadet. Efeu zum Beispiel wurzelt tief und schädigt den Bau, während Moose und Gräser nicht wehtun“, erläuterte er vor dem aus zwei starken Bogenreihen gefügten Gewölbe am Pulverturm. Denkmalschutz und Naturschutz sieht er als gleichwertig an. Pflanzenbewuchs zeige indes schadhafte Stellen an. Kritisch bewertet Eisenhut frühere Ansätze der Restaurierung mit Spritzmörtel. Das sei „mehr Fluch als Segen“, weil „viel Regen ins Mauerwerk eindringt, aber nur wenig Wasser wieder heraus kann“. Als Ziel der Restaurierung nannte er unter dem Kreuzgewölbe des Stolbergkellers ein „steinsichtiges Gemäuer ohne Betonoberfläche“.

Nur dort Hand anlegen, wo es nötig ist

Gleichwohl werde man nur dort eingreifen, wo es notwendig sei, hob Eisenhut hervor. „Wie bei jedem guten Projekt ist die Burg weitergebaut und -entwickelt worden. Wir sind bis heute nicht fertig!“ Es stelle sich die Frage, „Welches Zeugnis aus welchem Zeitabschnitt wollen wir erhalten, wie soll die Burg weiter genutzt werden?“ Das älteste Mauerwerk im „Fischgrätmuster“ geht zurück auf die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts, der letzte größere Ausbau datiert aus den 1660er Jahren. In diesem „Spannungsfeld“ mache sein Haus derzeit eine Inventur. Als einen wesentlichen Faktor nannte der Ingenieur, was die Öffentlichkeit, die Bürger Königsteins und die Besucher, von einer restaurierten Anlage erwarteten. Danach richte sich das, was baulich nötig ist, um das „Erlebnis Burg“ möglichst eindrucksvoll zu gestalten.

Die Expertin Katrin Kahler hat auf ihrem Tablett ein aktuelles Bild des Vermessungsamt-Modells erstellt.
Die Expertin Katrin Kahler hat auf ihrem Tablett ein aktuelles Bild des Vermessungsamt-Modells erstellt. © Jens Priedemuth

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