Auf dem Aschaffenburger Bahnhofsvorplatz steht derzeit der Kirchner-Kubus.
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Auf dem Aschaffenburger Bahnhofsvorplatz steht derzeit der Kirchner-Kubus.

Zerstörte Bilder

Ein Würfel voller Kirchner-Kunst kommt nach Königstein

  • VonKatja Weinig
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Kubus mit rekonstruierten Wandmalereien soll im Frühjahr in der Konrad-Adenauer-Anlage stehen

Der Bayerische Rundfunk spricht von einer "spektakulären Installation": Dem Museum Kirchnerhaus und einem fünfköpfigen Projektteam der Technischen Hochschule (TH) Aschaffenburg ist es gelungen, die von den Nationalsozialisten zerstörten Wandmalereien Ernst Ludwig Kirchners (1880-1938) aus dem ehemaligen Königsteiner Sanatorium Dr. Kohnstamm zu rekonstruieren (diese Zeitung berichtete). Tatkräftig mitgewirkt hat Königsteins Stadtarchivarin Alexandra König, die auch an der Eröffnung der Ausstellung und des "Kirchner-Kubus" auf dem Aschaffenburger Bahnhofsvorplatz Mitte Oktober beteiligt war.

Ein Besuch der nur 70 Kilometer von Königstein entfernten Geburtsstadt Kirchners dürfte sich für Freunde expressionistischer Malerei ebenso lohnen wie für lokalhistorisch interessierte Königsteiner. Ausstellungskuratorin Brigitte Schad ist es nach jahrelanger, fast detektivischer Recherche und monatelanger Vorarbeit gelungen, unter dem Motto "Kirchners Badende - Einheit von Mensch und Natur" nicht nur bekannte Werke, Entwürfe und Skizzen des Malers aus dem In- und Ausland zusammenzutragen, sondern auch bislang der Öffentlichkeit nicht zugängliche Leihgaben privater Sammler und aus Museumsarchiven. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht neben Werken aus der späteren Davoser Zeit des Künstlers der monumentale Gemäldezyklus, den Kircher 1916 als Patient des Sanatoriums Dr. Kohnstamm in Erinnerung an glückliche Sommer auf Fehmarn schuf, und der zu den eindrucksvollsten Werken expressionistischer Wandmalerei zählt. Mit der Ausstellung erschließt sich anschaulich der Schaffensprozess Kirchners. Als studierter Architekt sei es eines seiner Lebensziele gewesen, die Malerei als räumliches Gesamtkunstwerk zu präsentieren, weiß Alexandra König.

Ein bislang nicht öffentlich gezeigter Aquarell-Entwurf, ein vom Künstler gefertigtes faltbares Papiermodell, handschriftliche Notizen zur Farbgebung und natürlich die Glasdiapositive aus dem Jahr 1926, die erst 2004 im Depot des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe wiedergefunden wurden und zur maßgeblichen Grundlage für die farbliche Rekonstruktion wurden - die einmalige Zusammenstellung von Originalzeugnissen des Gemäldezyklus lässt erkennen "wie vieler Schritte es für die Erstellung der Wandmalerei bedurfte und welche Entwicklung Kirchner bis hin zur Fertigstellung genommen hat", schwärmt die Stadthistorikerin.

Alte Glasdiapositive machen es möglich

Welche beeindruckende Wirkung die mehr als vier Meter hohen Gemälde mit den intensiven Ultramarin-Blautönen seinerzeit auf den Betrachter ausgeübt haben dürften, zeigt sich in einer originalgetreuen Rekonstruktion, die ein wissenschaftliches Team unter Leitung von Jens Elsebach, Professor für multimediale und technische Dokumentation an der TH Aschaffenburg, in mehrjähriger Arbeit erstellt hat. Basis der Rekonstruktion war die dreidimensionale Erfassung des Brunnenturms im ehemaligen Sanatorium am Ölmühlweg mittels modernster Laserscan-Technologie, woraus ein millimetergenaues Abbild des Raums errechnet werden konnte. Als Herausforderung erwies es sich, die nur wenige Zentimeter großen Glasdiapositive auf die Originalgröße zu bringen; in unzählige einzelne Bildbereiche zerlegt, mussten sie detailliert am Computer nachbearbeitet werden. Eine gewisse Pixeligkeit und auch die Unschärfe, die dem Fotografen 1926 auf einem Bild unterlaufen war, wurden in Kauf genommen, um schlussendlich dem Betrachter einen möglichst realen Raum- und Farbeindruck zu vermitteln. In einem letzten Schritt setzte das Forscherteam das virtuelle 3 D-Modell in enger Zusammenarbeit mit der Aschaffenburger Adam-Hörnig-Baugesellschaft in ein temporäres, begehbares Bauwerk um: den Kirchner-Kubus.

Mit diesem Schritt wollen die Ausstellungsmacher Kirchners Werk auch sonst weniger kunstinteressierten Menschen nahebringen. So wurde der Kubus auf dem Aschaffenburger Bahnhofsvorplatz, einem der meist frequentierten Plätze der unterfränkischen Stadt und nur wenige Schritte von Kirchners Geburtshaus, dem heutigen Museum, errichtet und kann kostenlos besichtigt werden. Mittels QR-Codes und Smartphone kann zudem der Ablauf der virtuellen Rekonstruktion nachverfolgt werden. "Wir wollten einen frei zugänglichen Ort schaffen, um Ernst Ludwig Kirchner einer breiten Öffentlichkeit als Künstler und Aschaffenburger Kind in Erinnerung zu rufen", erklärt Kunsthistorikerin Brigitte Schad das Konzept.

Wenn alles klappt, soll der Kubus vom Frühjahr an in Königstein zu besichtigen sein. Noch laufen die Gespräche mit Förderinstitutionen und Logistikexperten. Alexandra König hofft jedoch auf eine Eröffnung im März, voraussichtlich in der Konrad-Adenauer-Anlage. Wer sich bis dahin nicht gedulden möchte, dem rät die Historikerin zu einem Ausflug nach Aschaffenburg - privat oder im Rahmen einer von der Stadt organisierten Kulturfahrt, die für den Januar geplant ist. Nähere Informationen dazu sollen folgen. Von KATJA WEINIG

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