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Eine digitale Reise in die Vergangenheit

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Die Rekonstruktion zeigt die Festung Königstein um 1795. Damals diente der Komplex nicht zuletzt als Gefängnis.
Die Rekonstruktion zeigt die Festung Königstein um 1795. Damals diente der Komplex nicht zuletzt als Gefängnis. © xxx

Verein für Heimatkunde lässt die Festung Königstein virtuell im alten Glanz erstrahlen.

Königstein -Einsam sitzt der Gefangene in seiner Zelle der Festung Königstein im Kerzenschein am Tisch, einen Federkiel in der Hand, vor ihm ein Blatt Papier, neben ihm ein halber Apfel. Ob er seiner Familie schreibt? Mit Strichen an der Wand zählt er die Tage, Bücher auf einem Regal helfen, sich abzulenken. Vor Langeweile hat er ein Galgenmännchen an die Wand vor dem Fenster gemalt. Viel mehr Möglichkeiten gab es zur Zerstreuung als Häftling im Jahre 1795 nicht. Oder hat Ralf Meier sich hier auch einfach einen kleinen Scherz erlaubt?

Die Darstellung ist nämlich keine Szene aus einem Spielfilm, sondern Teil des digitalen Rundgangs durch die Festung Königstein im Jahre 1795, der auf der Webseite www.koenigstein-burg.de abrufbar ist.

Grafikdesigner Ralf Meier ist für die virtuelle Rekonstruktion der Burg verantwortlich. Es ist ein Mammutprojekt, an dem der Verein für Heimatkunde Königstein arbeitet. Zu 90 Prozent gefördert mit Mitteln der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt im Rahmen des Programms „Neustart Kultur“ hat der Verein in den letzten zwei Jahren ein Projekt auf die Beine gestellt, das sich der digitalen Darstellung der Festung Königstein im 18. Jahrhundert widmet. Eben jenes Projekt, das in Zusammenarbeit unter anderem mit dem Verein „Neuer Königsteiner Kreis“ sowie mit Hilfe engagierter Vereinsmitglieder entstand, wurde im Rahmen der Mitgliederversammlung im Katholischen Gemeindesaal vorgestellt.

Zu dem Anlass waren die Mitglieder des Vereins für Heimatkunde Christoph Schlott, Ralf Meier und Andrea Schmidt zusammengekommen, um über ihre Projektarbeit zu berichten. Angefangen bei historischen Grundrecherchen über die Erstellung von Podcast und Filmen für Webseite und Youtube bis hin zu einem Interview mit Grafiker Ralf Meier, der die Burg virtuell umsetzte, wurde an diesem Abend dem Publikum einiges geboten.

„Wenn ich mich nicht so für Burgen interessieren würde, hätte ich schon längst das Handtuch geschmissen“, sagt Ralf Meier schmunzelnd. In der Tat haben die Beteiligten keine Mühen gescheut. Neben zwei Teams des Vereins für Heimatkunde, von dem eines für die Umsetzung der Digitalisierung, das andere für die Material- und Quellenrecherche zuständig war, waren zahlreiche externe Dienstleister am Projekt beteiligt, um den Arbeitsaufwand und das Vorhaben auf ein entsprechendes Niveau stemmen zu können. Mit ein Ziel des Projektes war nicht nur eine möglichst akkurate historische Darstellung der Festung. Ebenfalls sollten durch die gemeinsame Zusammenarbeit innerhalb und außerhalb der Teams nachhaltige Verbindungen entstehen und gleichfalls Mittel bereitgestellt werden, die die Vereine befähigen, künftig die Digitalisierung eigenständig weiter ausbauen zu können.

Künstlerische Freiheiten erlaubt

Viel historisches Wissen und Erfahrungen mit digitaler Struktur sind dabei aus vorangegangenen Projekten wie dem Projekt „Festungsruine Königstein: Ort europäischer Demokratiegeschichte“ eingeflossen. Unzählige Clips, Drohnenflüge, Podcasts und Bildmaterial sind das Ergebnis der umfangreichen Recherchen, die selbst jetzt noch nicht abgeschlossen sind. Auch wenn das Projekt zum 31. Oktober offiziell fertiggestellt wurde, bleibt dieses weiter offen. Das Material ist aber noch nicht vollständig auf der Webseite eingepflegt. „Vor 10 Jahren wäre das Projekt noch gar nicht möglich gewesen“, sagt Projektleiter Christoph Schlott. Der Digitalisierung sei Dank sei die Möglichkeit der Quellenerschließung heute sehr viel einfacher.

Fundstücke und aus ganz Deutschland zusammengetragene Dokumente, Pläne und Formulare aus der damaligen Zeit wurden dabei studiert, digital eingescannt und bearbeitet, um eine realitätsnahe Darstellung der Burg und des Lebens im 18. Jahrhundert zu erreichen. An manchen Stellen ließ man sich auch einige Freiheiten. Zum Beispiel weiß man nur wenig über die Inneneinrichtung zur damaligen Zeit. Zudem sollte nicht nur trockene Wissenschaft sondern auch etwas Zucker für das Auge geboten werden, wie Schlott erklärt. So läuft schon mal ein Hund durch die Szenerie, ein Blumenbeet sorgt für zusätzliche Farbe oder ein Heuwagen steht auf dem Hof. Auch Bilder wurden teilweise „künstlerisch aufgearbeitet“ und mit gestellten Hintergründen versehen. Aus Bildern, Briefen und weiteren Dokumenten wurden so Collagen erstellt, um diese dann täuschend echt auf einer Vorlage eines Schreibtisches des 18. Jahrhunderts zu platzieren.

Bei der Rekonstruktion der Burg und deren Innenräume wurden Fotos mit digitalen Bildern und Plänen ergänzt. So wurde beispielsweise in das Foto eines Turms ein digitaler Bohlenboden eingefügt. Das digitale Pflaster des Innenhofes stammt aus dem 16. Jahrhundert. Aufgrund von früheren Ausgrabungen in der Burg wusste man um die Optik und Struktur des Belags. Die optisch vergleichbare Vorlage der digitalen Version befindet sich in Wirklichkeit in Steinau an der Straße. Dank eines Fotos derselben konnte damit der Innenhof der Burg digital gepflastert werden. Auch das Erstellen einzelner Videos ist aufwendig. „10 Sekunden Film bedeuten mehrere Tage Arbeit“, verdeutlicht Ralf Meier den Aufwand für das insgesamt mehrstündige Videomaterial. Für ein paar Minuten Film müssen viele tausende von Bildern am PC gerendert, also in Pixel umgerechnet und zu einem Video zusammengefügt werden.

Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Nicht nur wurde mit der erstellten Menge an Material die Vorgaben des Bundesministeriums mehr als erfüllt. Auch für die Zusammenarbeit und die entstandenen Verbindungen zwischen den Teams, die sich teils vor Projektbeginn noch nicht kannten, und dem Ausbau der Digitalisierung im Königsteiner Verein sei das Projekt eine äußerst wertvolle Erfahrung gewesen, betont Christoph Schott.

Auch für die Zukunft. Denn dank der digitalen Ressourcen ergeben sich für den Verein eine Vielzahl an Möglichkeiten. So sei der Flyer „Mythos Hauptstraße“ („eine schöne Weihnachtsgeschichte“) von Rudolf Krönke mittlerweile nicht nur von der Webseite des Vereins herunterladbar, sondern dort auch als Podcast verfügbar. Auch zu dem Gemälde „Brunnen in der Altstadt“ von Anton Radl gebe es einen Film auf der Webseite, seit Donnerstag wird eine entsprechende Postkarte mit QR-Code angeboten. Mittlerweile wäre man in der Lage, das Burg- und Stadtmuseum auszulagern. Vorstellbar sei zum Beispiel, mit QR-Codes versehene Postkarten mit der Festung in Königsteiner Restaurants zu platzieren, mit deren Hilfe Besucher ein Video der Burg Königstein anschauen könnten, während sie auf ihr Essen warten. Dieses Prinzip könnte man in der Stadt vervielfachen. „Es gibt so viele Orte in Königstein, an denen man digitale Punkte einrichten könnte“, so Schott. Wie die historische Recherche ist also auch das Digitalisierungskonzept noch lange nicht abgeschlossen.

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