Friedensnobelpreisträger als Schirmherr

Wie eine Königsteiner Initiative Existenzgründerinnen unterstützt

Sie sind Ende vierzig, Anfang fünfzig und suchen Arbeit. Frauen, die sich jahrelang der Kindererziehung oder der Pflege der Eltern widmeten, haben es schwer, beruflich wieder Fuß zu fassen. Ihnen und anderen sozial benachteiligten Frauen steht der Königsteiner Verein „Social Business Women“ zur Seite.

Jede Geschichte ist anders: Da ist die hochklassig ausgebildete Balletttänzerin, der die jüngere Konkurrenz den Platz im Staatsballett streitig macht. Eine alleinerziehende Mutter will wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen. Bei anderen Frauen lassen familiäre Krisen oder Lebensumbrüche die Perspektiven am Arbeitsmarkt düster erscheinen. Wenn es dann keinen „Plan B“ gibt, Unterstützer im Familien- und Freundeskreis fehlen, ist oft der Weg in die Armut vorgezeichnet. Um diesen Frauen einen Zugang zum Arbeitsmarkt zu verschaffen, gibt es den Königsteiner Verein „Social Business Women“ (SBW).

In den vier Jahren seit Vereinsgründung nahmen bundesweit mehr als 1500 Frauen das Angebot in Anspruch. 38 Prozent von ihnen fanden wieder eine Anstellung, 54 Prozent entschlossen sich zur Existenzgründung. „Für Frauen jenseits der 45, die von der Arbeitsagentur kaum vermittelt werden, ist die Gründung eine attraktive Alternative“, so die Vereinsvorsitzende Gabriele Möhlke. Das Problem: Eine gute Idee und der Mut zur Selbstständigkeit reichen nicht. Erforderlich sind ein Businessplan, unternehmerisches Denken und Handeln – und oft eine Finanzierung. All das bietet SBW gemeinsam mit lokalen Kooperationspartnern. Bleiben anderweitige Finanzierungsquellen verschlossen, kann der Verein Mikrokredite von bis zu 10 000 Euro vergeben. Bis zu sieben Frauen, die von Königstein aus beraten werden, kann so geholfen werden. Sechs Jahre laufen die Kredite maximal, die meisten zahlen laut Möhlke „deutlich früher zurück“.

Die Idee der Mikrokredite ist eng mit dem Namen Prof. Muhammad Yunus verbunden. Der Wirtschaftswissenschaftler erhielt 2006 dafür den Friedensnobelpreis. Zum Königsteiner Verein besteht eine freundschaftliche Verbindung, mehrfach hat man sich getroffen, Prof. Yunus ist sogar Schirmherr der Initiative.

Der Verein in seiner heutigen Form entstand 2012 und 2013, maßgeblich unterstützt von der Stiftung der Kronberger Unternehmensberatung accenture. Treibende Kraft ist Gabriele Möhlke, die bereits vor 29 Jahren eine Beratungsstelle für Frauen, die nach der Familienzeit zurück ins Berufsleben wollten, gründete. Der Verein „BerufsWege für Frauen Wiesbaden“ ist heute einer der Kooperationspartner.

Das Programm folgt einem strikten Ablauf: Am Anfang steht ein mehrstündiges Einstiegstraining, in dem die Teilnehmerinnen ihre Situation analysieren und sich Gedanken über ihre Möglichkeiten machen. Die Kursleiterinnen erleben dabei häufig, dass sich „viele Frauen nicht viel zutrauen, obwohl sie hervorragend ausgebildet sind und viele Fähigkeiten besitzen“, berichtet Möhlke. Daher gehe es anfangs auch darum, „Mut zu machen und dass sich Frauen in ähnlicher Lage kennenlernen“. Im zweiten Schritt folgen Einzelgespräche, an deren Ende die Frauen ein Kompetenzprofil erhalten und eine Entscheidung treffen können: Anstellung oder Gründung?

Wer als Angestellte ins Berufsleben zurückkehren möchte, wird von SBW bei der Berufsorientierung, beim Erstellen der Bewerbungsmappe oder durch Trainings fürs Vorstellungsgespräch unterstützt. Mehr als die Hälfte entschließt sich jedoch zur Selbstständigkeit. SBW steht ihnen vor, während und nach der Gründung zur Seite. Denn: „Die ersten drei Jahre sind die schwierigsten“, betont Möhlke. Das SBW-Konzept umfasst daher eine dreijährige Betreuung durch Mentoren und Coaches, aber auch die Unterstützung bei Marketingaktionen oder der Buchführung. Hinzu kommt die persönliche Begleitung: „Viele Gründerinnen haben Probleme mit dem Zeitmanagement oder achten nicht auf eine Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben“, berichtet Miriam Leonardy, Pressereferentin von SBW.

Doch die Realität folgt nicht immer einem Businessplan: „Nicht alle Existenzgründungen klappen, es gibt auch Frauen, die scheitern“, gibt Möhlke zu. Wie die Bilanz nach vier Jahren Arbeit aussieht, kann der Verein demnächst präsentieren. Aktuell läuft eine Studie, bei der alle Teilnehmerinnen befragt werden.

Für Gabriele Möhlke und ihre acht Mitstreiterinnen im Vereinsbüro in der Limburger Straße sind die Ergebnisse noch aus einem anderen Grund wichtig: In einem Jahr läuft die erste Förderperiode aus. Dann werden neue Unterstützer gesucht, die jetzigen Hauptsponsoren – neben der accenture-Stiftung sind dies die KfW-Stiftung und der Deutsche Sparkassen- und Giroverband – müssen überlegen, ob sie weiterhin mit dabei sein wollen.

750 Frauen will der Verein mit seinem Angebot jährlich erreichen. 2016 waren es sogar einige mehr. Allein 342 berufliche Wiedereinsteigerinnen nahmen an den Anstellungs-, 410 an den Gründungstrainings teil. Die Balletttänzerin hat dank der Initiative inzwischen ein eigenes Ballettstudio in Wiesbaden eröffnet. Die fünffache Mutter betreibt in Norddeutschland einen Ziegenhof, produziert Ziegenseife und demnächst Ziegenkäse, die sie im eigenen Hofladen und auf Märkten vertreibt.

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