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Güterichter als Schlichter in Streitfällen

Prozess

Bad Soden: Mann schnorrt Kippe und boxt 22-Jährigen aufs Auge

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In Bad Soden muss sich ein Mann vor Gericht verantworten, weil er seine Aggressionen nicht im Griff hat.

Bad Soden/Königstein - Statistiken sind mit Vorsicht zu genießen. Wer erstellt sie, was ist enthalten? Was fehlt eventuell? Wer Zahlenmaterial studiert, muss sich diese Fragen stellen. Die dreieinhalb Seiten, die kürzlich der Magistrat zur Kriminalitäts- und Sicherheitslage in Bad Soden vorgelegt hat, zeigen Tabellen und Balkendiagramme, die mit zahlreichen Hinweisen und Einschränkungen versehen sind und keine eindeutigen Interpretationen zulassen. Deutlich wird aber eines: Das Bahnhofsgelände, die Umgebung des Bahnhofs und die Kurpark-Anlagen tauchen immer wieder als Schauplätze von Straftaten auf. Das ist dem Magistrat und der Polizei bewusst. Wenn sie sich in den kommenden Wochen und Monaten daran machen, die Lage zu analysieren, werden sie einen Fokus sicherlich auf die Kernstadt Bad Sodens legen. Die Stadt und die Polizei haben vor, für Soden ein Sicherheitskonzept zu entwerfen (wir berichteten). Wenn die Ordnungshüter Straftaten aufklären können und die Justiz die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen kann, ist dies der Optimalfall. Ein solcher Fall aus Bad Soden landete dieser Tage vor dem Königsteiner Amtsgericht.

„Verpiss Dich!“

Weil er einem 22-Jährigen aus Mainz mit der Faust aufs Auge geschlagen hat, wurde ein zum Tatzeitpunkt gerade volljährig gewordener Bad Sodener wegen Körperverletzung verwarnt. Die Richterin des Jugendgerichts gab dem Angeklagten auf, bis zum 30. April dieses Jahres 30 Stunden gemeinnützig zu arbeiten und ein Anti-Aggressionstraining zu absolvieren.

Der junge Mann hatte zuvor die Tat im Kern gestanden. Die Umstände, die dazu geführt haben, schilderte er aber anders als der Geschädigte. Das Opfer habe, so sagten es Staatsanwältin und Richterin, ohne die Tendenz ausgesagt, den Angeklagten partout belasten zu wollen. Der Mann sei deshalb für das Gericht glaubwürdiger als der Angeklagte.

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Der Bad Sodener hatte in seiner Einlassung Notwehr als Motiv angegeben. Am 3. August 2018, nachts gegen 2 Uhr, sei er gerade von einer Schlägerei gekommen und im Bad Sodener Kurpark auf zwei auf einer Bank sitende Männer gestoßen, die er um eine Zigarette angeschnorrt und über die vorherige Auseinandersetzung ins Bild gesetzt haben will. Die beiden seien aber aufgestanden und hätten sich ihm bedrohlich genähert. Sie hätten sich vor ihm aufgebaut und drohend „Verpiss dich!“ gesagt, so dass er habe fürchten müssen, geschlagen zu werden. Aus einem Angst-Reflex heraus habe er die Faust geballt und dem 22 Jahre alten Mainzer damit einen Schlag aufs linke Auge versetzt. Danach will er davongelaufen sein. Der Geschädigte, bei dem der Bereitschaftsarzt später ein „Monokel-Hämatom“ sowie eine kleine Platzwunde am Unterlid festgestellt hat, bestätigte in der Verhandlung, dass der Täter ihn „um eine Kippe angeschnorrt“ und etwas von einer Schlägerei erzählt habe. Außerdem habe der Bad Sodener darum gebeten, die mutmaßlich bei der Klopperei erlittene Wunde anzuleuchten, um sie in Augenschein nehmen zu können. Der Mainzer sollte dazu die Taschenlampe des Mobiltelefons nutzen.

Der Zeuge sagte, dass er dem Angeklagten mit der Zigarette habe aushelfen können, nicht aber mit der Taschenlampe, da der Handy-Akku zu schwach gewesen sei. Als er dem jungen Mann das Handy mit dem leeren Akku zum Beweis zeigen wollte, sei auch schon die Faust geflogen gekommen. Mitnichten sei von ihm und seinem Freund, mit dem er nur in Ruhe etwas habe besprechen wollen, auch nur ansatzweise eine aggressive Stimmung ausgegangen. Sehr sachlich hätten die beiden den Bad Sodener gebeten, seiner Wege zu gehen, da man etwas zu besprechen habe. Der Angeklagte blieb im Prozess aber auch nach der Aussage des Zeugen bei seiner Version, wonach er in einer Art Notwehr gehandelt habe.

Selbst wenn der 22-Jährige „Verpiss dich“ gesagt haben sollte, sei das noch keine Rechtfertigung für einen Fausthieb, waren sich Staatsanwältin und Richterin einig. Sie sahen als erwiesen an, dass keine Notwehr vorlag.

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