Zeichen der Zeit?

Flucht versus Einwanderung

Deutschland ein Einwanderungsland? Oberstufenschüler der Bischof-Neumann-Schule (BNS) durchleuchten mit Experten den Umgang der Bundesrepublik mit der aktuellen Flüchtlingswelle und die Stimmung in der Bevölkerung.

Die Zeiten, in denen Deutsche selbst Flüchtlinge waren, kennen die Schüler nur mehr vom Hörensagen. Dabei flüchteten noch bis vor knapp 30 Jahren Tausende Menschen aus der damaligen DDR in den Westen; gescheiterte Fluchtversuche bezahlten sie mit Gefängnis oder gar dem Tod.

Auch in den Wirren beider Weltkriege waren Hunderttausende auf der Flucht, Menschen verschiedenster Nationalitäten und Glaubensrichtungen. Und heute? Wie geht ein Land wie Deutschland, für das historisch gesehen Ein- und Auswanderung, Migration und Flucht eigentlich nichts Neues ist, mit dem Thema um? Welche Ängste und Befürchtungen haben die Menschen? Und welche Grundlagen liefert uns unser westliches Demokratieverständnis für ein friedliches Miteinander?

Diesen und anderen Fragen gingen jetzt die angehenden Abiturienten der Bischof-Neumann-Schule (BNS) im Rahmen des Projekttags „Zeichen der Zeit? Demokratie auf dem Prüfstand“ nach. Mit ihnen diskutierten Dr. Ilja-Kristin Seewald, SPD-Stadtverordnete und frisch gekürte Kandidatin für den nächsten Bundestag, Sarah Hense vom Programm „Integration durch Sport“ beim Landessportbund Hessen, die Jugendkoordinatorin und Präventionsbeauftragte der Polizeidirektion Hochtaunus, Michaela Moll, sowie Migrationsbeauftragte der Polizei Westhessen.

Als besonderer Gast hatte Peter Keup den Weg nach Königstein gefunden: Der Zeitzeuge der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen berichtete von seinem eigenen Fluchtversuch aus der DDR. Der Versuch scheiterte, der damals 23-Jährige wurde wegen Republikflucht inhaftiert und saß zehn Monate in Haft, bis er von der Bundesrepublik freigekauft wurde.

An seine Ankunft im Westen im März 1982 erinnert er sich noch sehr gut: „Ich schätze die damalige Willkommenskultur sehr“, so der 58-Jährige. Die Menschen seien im Westen ihm mit großer Offenheit begegnet, die Hilfen von öffentlichen Stellen hätten bestens funktioniert.

Was Keup als wesentliche Punkte für seine eigene erfolgreiche Integration in der westdeutschen Gesellschaft beschreibt, erscheint auch für die aktuelle Situation entscheidend: Ein offenes Miteinander und effiziente Strukturen für die Aufnahme von Flüchtlingen wünschen sich Podiumsteilnehmer und Schüler gleichermaßen. Als notwendige Voraussetzung wird zudem von den Experten das rasche Erlernen der deutschen Sprache angesehen. Gleichzeitig ist man sich einig, dass noch viel zu tun ist, dass Ängste und Befürchtungen noch in weiten Teilen der Bevölkerung verbreitet sind. Suayip Bilir, Migrationsbeauftragter der Polizei Westhessen, berichtet von „hartnäckigen Vorurteilen auf beiden Seiten“. Die Polizeibeamten nehmen daher sowohl regelmäßig an Informationsveranstaltungen für die heimische Bevölkerung teil als auch in den Flüchtlingsunterkünften.

Michaela Moll ist überzeugt, dass sich die „anfängliche starke Verunsicherung der Menschen im Hochtaunuskreis inzwischen gelegt hat. Es ist deutlich ruhiger geworden.“ Ein ganz anderes Bild zeichnen Zeitzeuge Peter Keup und Moderator Helge Eikelmann von ihren Besuchen an Schulen in ostdeutschen Bundesländern: „Die Menschen dort verspüren große Angst, dass man ihnen etwas wegnimmt, sie sehen sich selbst an den Rand gedrängt“, berichtet Keup beispielsweise aus Wismar. Das wiederum schüre rechtsradikale Ansichten. Wie das denn im Hochtaunuskreis aussieht, möchte eine Schülerin wissen. Das sei hier zum Glück kein großes Thema, versichert Michaela Moll.

Die Königsteiner Oberstufenschüler beleuchten das Projekt-Thema mit ihren Fragen umfassend und sind engagiert dabei. Neue Wege zur Integration im Sport interessieren sie ebenso wie gesetzliche Grundlagen bei Straftaten oder die europäische Asylpolitik. „Alle politisch verfolgten Menschen genießen in der Bundesrepublik Asylrecht“, stellt Dr. Ilja-Kristin Seewald klar. Das sei schließlich in Paragraf 16 des Grundgesetzes geregelt. Aktuell kämen jedoch noch Hunderttausende Wirtschaftsflüchtlinge aus den ärmsten Regionen der Welt und unzählige Migranten hinzu. „Das bringt uns an die Belastungsgrenze.“

Neben einer besseren gemeinsamen europäischen Asylpolitik fordert die SPD-Politikerin daher ein Einwanderungs- und Integrationsgesetz. Ob Deutschland in „sagen wir mal zehn Jahren“ ein Einwanderungsland geworden sein wird, möchte der Moderator zum Schluss der Diskussion wissen. „Ja“, sind sich die Podiumsteilnehmer einig. Suayip Bilir und Michaela Moll gehen noch einen Schritt weiter: „Wir sind schon eins!“

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