„Himmlische Längen“ und revolutionäre Ideen

Inhaltsreich und politisch gestaltete sich das Neujahrskonzert im Haus der Begegnung. Das Akademische Orchester der Frankfurter Goethe-Universität hinterließ einen positiven Eindruck.

Just jenes Signal, das in der Kerkerszene von Beethovens „Fidelio“ Freiheit und Gerechtigkeit ankündigt, rief die Gäste des zweiten Königsteiner Neujahrskonzerts in den großen Saal des Hauses der Begegnung. Der prägnante Ausschnitt, kernig und makellos intoniert vom Solotrompeter des Akademischen Orchesters der Frankfurter Goethe-Universität, brachte ein Leitmotiv des Abends zum Klingen: Freiheit und Demokratie.

Dem stellte der zweite Leitgedanke Einblicke in die aufgewühlte Seele gegenüber, wie sie Johannes Brahms’ Tragische Ouvertüre c-Moll opus 81 und Franz Schuberts vierte Sinfonie D 417 in derselben Tonart geben. Mit kompaktem Zugriff widmete sich das Ensemble unter Leitung seines Chefdirigenten Jan Schumacher dem in dunklen bis düsteren Farben gezeichneten Seelenbild bei Brahms, dessen dramatische Abschnitte packend gelangen.

Auf qualitativ gutem Stand zeigte sich das aus Studenten und Ehemaligen aller Fachbereiche der Frankfurter Uni bestehende Orchester während der viersätzigen Schubert-Sinfonie. Auf sie traf Robert Schumanns Wort von den „himmlischen Längen“ gleichermaßen zu, denn die Interpreten spielten alle geforderten Wiederholungen. Was in den Ecksätzen an stringentem Vorwärtsdrang fehlte, glichen sie durch Spannung und farbige Intensität mehr als aus. Die ruhig versonnenen Rahmenteile des Andante gelangen berührend. Bezaubernd leicht vor allem im geschmackvollen Kontrast zum stampfenden Menuett das ländlerartige Trio.

Schön herausgearbeitet schien die Instrumentierung der sechsten Sinfonie D-Dur opus 146 des Beethoven-Schülers Ferdinand Ries. Hier kamen besonders die sauber spielenden Hörner und Trompeten sowie die Holzbläser zur Geltung. Den Bezug zu den kriegerischen Auseinandersetzungen im Gefolge der Französischen Revolution stellte die „Janitscharen-Musik“ des Finales her, ähnlich der Haydnschen „Militär-Sinfonie“.

Aus der Perspektive der „Rätin Goethe“ schilderte die Schauspielerin Gertrud Gilbert das Überschwappen der revolutionären Ideen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sowie die Mainzer Jakobinerrepublik. Die kurmainzische Festung Königstein diente seinerzeit als eher unfreiwilliger Aufenthaltsort jener, die sich dafür begeisterten und das auch kundtaten wie Caroline Böhmer, nachmals Schlegel, nachmals Schelling.

Nur drei Mal, nämlich 1793, 1919 und 1944 habe es den Mut gegeben, Regierungen absetzen und durch demokratische Strukturen ersetzen zu wollen, sagte Christoph Schlott, als Vorsitzender des Vereins „Terra Incognita“ Organisator der von der Stadt Königstein unterstützten Soiree. Er plädierte dafür, aus der Festungsruine über Königsteins Altstadt einen „Nationalen Erinnerungsort“ zu machen, „den Ideen von Recht und Freiheit gewidmet“. In Gestalt der „Siegessymphonie“ aus Beethovens Musik zu Goethes „Egmont“ verlieh die „klingende Visitenkarte der Hochschule“, wie Vizepräsident Professor Manfred Schubert-Zsilavecz das Orchester nannte, Schlotts Gedanken plastische Präsenz. bol

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