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„Integration ist ein komplexer Prozess“

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Von: Ulrich Boller

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Das ist die Titelseite des Buches.
Das ist die Titelseite des Buches. © scan

Ein Helfer schildert Klippen und Erfolge.

Falkenstein -Auf dem Flur vollzog sich die erste Begegnung. Gänzlich unzeremoniell, jedoch seitens des Jüngeren nicht ohne emotionale Geste. „Ich streckte ihm die Hand entgegen, und er ergriff sie mit beiden Händen, wie er es auch jetzt nach fünf Jahren Betreuung immer noch macht.“ Mit diesen Worten schildert Horst-Günther Falkenhan das Zusammentreffen in einer Königsteiner Unterkunft für Flüchtlinge.

Beide Männer betraten Neuland - der junge Eritreer, dessen Flucht aus der ostafrikanischen Heimat im Taunus zu einem Stillstand gekommen war, ebenso wie der pensionierte ehemalige Leiter der Werbeabteilung der Hoechst AG. Er sollte dem Neubürger in spe als „Pate“ zur Seite stehen, ihm den Weg zu eigenständigem Leben in der fremden Umgebung ebnen. Was Falkenhan während der gut siebenjährigen ehrenamtlichen Tätigkeit erlebte, hat er jetzt in einem kleinen, wiewohl inhaltsreichen und sehr lesenswerten Buch publiziert: „Geflüchtete werden Mitbürger - ehrenamtliche Integrationsarbeit“.

Die Krux mit den Familiennamen

Es sind einerseits die unzähligen kleinen und größeren Dinge des Alltags, die zu organisieren sind. Dafür, berichtet der lebenserfahrene und klug beobachtende Helfer, habe er allererst einmal ein Verständnis erzeugen müssen: für all die Behördengänge, Formulare, Anträge, die notwendigen Versicherungen. Und dafür, dass es nicht alle gut mit ihnen meinen. „Viele besaßen ein Mobiltelefon, samt nicht gerade sehr vorteilhaften Verträgen für sie“, berichtet Falkenhan.

Doch wie, wenn der zumeist junge Mensch weder mit einer europäischen Sprache noch dem lateinischen Alphabet überhaupt vertraut ist? „Wer mit einem Alphabetisierungskurs beginnen muss, hat einen weiten Weg vor sich“, schreibt Falkenhan. Sein eigener in den Königsteiner „Freundeskreis Asyl“ begann nach einem Vortrag über den Islam, sagt das ehemalige Beiratsmitglied des Königsteiner Forums, das für die Reihe „Europa und der Islam“ 2004 verantwortlich zeichnete. Auf eine Anfrage aus dem Freundeskreis habe er gerne positiv reagiert.

Gleichwohl sei es eben unerlässlich, die deutsche Sprache so gut wie möglich zu lernen, um in der neuen Heimat Fuß fassen und sich integrieren zu können, gibt der Autor seiner Überzeugung Ausdruck. Aus der Erfahrung heraus sind die Sprachkurse nach Falkenhans Worten immer wieder angepasst und ergänzt worden. Wie tief die Veränderungen gehen, die der Neubeginn in einem gänzlich anderen Umfeld, einer gänzlich anderen Gesellschaft bewirkt, zeigt ein Kapitel im Mittelteil des Buchs. Ein junger Mann stellte sich mit seinem vollen, dreiteiligen Namen vor. Der erste davon sei sein Eigenname, darauf legte er Wert. „Ich wollte höflich sein und sprach ihn mit Herr und dem zweiten Namen an“, sagt Falkenhan, von hiesigen Gepflogenheiten ausgehend, dass es sich dabei um den Familiennamen handelt. Das jedoch ist eritreischen Familienverbänden fremd. Eigenname, Name des Vaters und des Großvaters bestimmen gleichsam die Position des einzelnen in der oft weit verzweigten Familie. „Unsere Kultur setzt wie selbstverständlich voraus, dass jeder Flüchtling einen Vornamen und einen Familiennamen hat. Für unsere jungen Männer aus Eritrea bedeutete deshalb der erste Schritt der Integration eine nicht unerhebliche Veränderung der Identität“, fasst der Falkensteiner Bürger einen grundlegenden Eingriff in Wesen und Persönlichkeit zusammen.

Unaufgeregt, kritisch, selbstkritisch

Mitunter mühsam sei seine Arbeit gewesen, der ein oder andere Fall habe „viel Nerven gekostet“, berichtet der frühere Chef der Kosmetikfirma Schwarzkopf. Manchen Misserfolg mussten er und die Mitglieder des Freundeskreises Asyl während der Jahre einstecken. Zu den nicht immer einfachen Kontakten zu Behörden, Vertrauensärzten und Unternehmen kam oft das problematische Verhältnis der zumeist jungen Leute untereinander, bis hin zu „blankem Hass“. Wie komplex eine Betreuung ist, darüber lassen die Beiträge des Buchs kaum einen Zweifel. Außer dem Hauptautor berichtet noch die Schneidhainer Forstwirtin Dr. Katrin Reichel über die Entwicklung des Freundeskreises Asyl, über ihre Erfahrungen als angehende Neubürger befragte die Journalistin Anika Zuschke mehrere von ihnen. Am Ende des Buches sind drei längere Auszüge abgedruckt.

Integration, sagt Falkenhan eingangs, „ist ein komplexer Prozess über wenigstens zwei Generationen“. Bis „Geflüchtete Mitbürger werden“ liegt ein langer Weg vor allen Beteiligten. Mögliche Anfänge schildert der Autor in der ihm eigenen klaren, unaufgeregten Sprache, kritisch und selbstkritisch. Dergestalt verharrt das Flüchtlingsboot der Titelseite, gemalt von Enkelin Marie, nicht nur auf der Ebene der Darstellung einer gefahrvollen Flucht über die endlose Weite des Meers. Es ist sinnbildhaft das Boot, in dem wir alle sitzen, aufeinander verwiesen und aufeinander angewiesen.

Im Buchhandel erhältlich

Horst-Günther Falkenhans Werk „Geflüchtete werden Mitbürger“ hat 136 Seiten. Es hat die ISBN 978-3-347-58710-6 und kostet 14 Euro.

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