Taunusgymnasium

Jenny Wolny absolvierte Praktikum im ehemaligen KZ Auschwitz

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Ihr Schulpraktikum hat Jenny Wolny im vergangenen Jahr in Auschwitz gemacht. Auch wenn sie der zweiwöchige Aufenthalt belastetete und sie noch zwei Monate später Alpträume hatte, ist sie wieder dorthin zurückgekehrt.

Der braune Koffer ist ganz leicht. Er ist aus Pappe und hat schwarze Schnallen. Er gehörte Hannah Schüler. Einem Mädchen aus Frankfurt. Zwölf Jahre alt war sie, als sie in Auschwitz ankam, zwölf Jahre alt war sie, als sie in Auschwitz ums Leben kam. „Der Koffer ist das einzige, was von diesem Mädchen übrig geblieben ist“, sagt Jenny Wolny. Am dritten Tag ihres Praktikums in Auschwitz sollte sie den Koffer hinter eine Scheibe stellen. Die Ausstellung wurde neu geordnet. Dabei zu helfen, gehörte zu den Aufgaben von Jenny während ihres zweiwöchigen Praktikums in Auschwitz. So leicht der Koffer auch war, er wiegt schwer. „In dem Raum waren die Koffer bis zur Decke gestapelt“, erinnert sich die Schülerin des Taunusgymnasiums. „Wenn ich höre, dass jemand den Holocaust leugnet, wird mir übel.“

Die Oberreifenbergerin beschäftigt sich mit dem Nationalsozialismus und der Judenverfolgung bereits seit der achten Klasse. Seit sie das Buch „Der Junge im gestreiften Pyjama“ von John Boyne gelesen hat, lässt sie das Thema nicht mehr los. „Mein Bücherregal ist zu 80 Prozent mit Büchern rund um den Holocaust und die Zeit des Zweiten Weltkriegs vollgestellt“, schreibt sie in ihrem Praktikumsbericht. Schon vor dem Praktikum war sie dreimal in Auschwitz gewesen. „Geschichte prägt das Hier und Jetzt, und so ein Thema prägt besonders“, erläutert die 17-Jährige ihr Interesse. „Ich fühle mich verpflichtet, die Erinnerungen wachzuhalten. Man muss alles daran setzen, dass sich so etwas nie und nimmer wiederholt“, sagt sie.

Im Freundeskreis stieß die Schülerin mit ihrer Entscheidung, ihr Praktikum in Auschwitz zu absolvieren, auf eine Mischung aus Unverständnis und Hochachtung. „Klar, ich bin auch gefragt worden, warum ich das mache – und nicht etwa ein Praktikum in einer Kanzlei“, erzählt die Schülerin, die Jura studieren will. Am meisten interessiere sie Rechtsgeschichte. Gerne will sie nach dem Abitur zweisprachig in Krakau studieren. Polnisch ist ihre Muttersprache.

Gearbeitet hat sie in Auschwitz in den konservatorischen Werkstätten und im Archiv, wo sie etliche Zeitzeugenberichte gelesen und unter anderem Sterbeurkunden übersetzt hat. Gewohnt hat sie unter der Woche in der ehemaligen Lagerkommandantur, im Zimmer von Lagerkommandanten Rudolf Höß. Beim Frühstück fiel ihr Blick wahlweise auf einen der Wachtürme oder auf den Galgen, an dem Höß als verurteilter Kriegsverbrecher 1947 hingerichtet wurde.

Zum Praktikum gehört auch die Teilnahme an einer sechsstündigen Führung durch das Stammlager und Auschwitz-Birkenau. Die sogenannte Himmelspforte ist der Schülerin ganz besonders in Erinnerung geblieben. „Wenn der SS-Arzt nach rechts zeigte, dann ging man durch dieses Tor. Auf dem Weg wurde man direkt in eine der vier Gaskammern geschickt und ermordet.“ An einem Nachmittag war Jenny damit beschäftigt, im Gebäude „Zentralsauna“ Namensschilder unter Fotografien zu fixieren, die den Neuankömmlingen beim Eintreffen ins KZ abgenommen wurden. Es sind Familienfotos, die die Menschen in glücklichen Tagen zeigen. „Ich dachte, ich habe eine starke Psyche, aber während des Praktikums in Auschwitz bin ich an meine Grenzen gestoßen“, sagt die junge Frau. Noch zwei Monate nach ihrem Aufenthalt dort hatte sie Alpträume. So ist ihr Höß als Geist erschienen. In einem Traum begegneten ihr Häftlinge, die an der Todeswand zwischen Block 10 und 11 erschossen wurden. Doch das Praktikum hat sie motiviert, weiter am Ball zu bleiben. In den Weihnachtsferien war sie wieder in Auschwitz, weil sie für die Schule als „besondere Lehrleistung“ über die Unterdrückung katholischer Priester in Auschwitz forscht, besonders über Maximilian Maria Kolbe. Der Franziskaner wurde 1941 in Auschwitz ermordet.

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