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Kirchners Badende entsteigen einem Meer aus Pixeln

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Von: Stefan Jung

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Bis Pfingsten können sich Kunstinteressierte im Kirchner-Kubus ein Bild davon machen, wie Kirchners "Badende" im Original aussahen.
Bis Pfingsten können sich Kunstinteressierte im Kirchner-Kubus ein Bild davon machen, wie Kirchners "Badende" im Original aussahen. © Stefan Jung

Zerstörtes Meisterwerk digital rekonstruiert - Kubus in der Königsteiner Konrad-Adenauer-Anlage öffnet heute

Königstein. -Bernsteingelbe Schmetterlinge tanzen durch das Grün des Dünengrases. Das Meer schimmert in dunklem Kobaltblau, die cremeweiß schäumende Gischt umspielt sanft die nackten Körper der Badegäste - nichts sticht grell hervor, nichts liegt unter dunklem Schatten. Alles wirkt irgendwie weich, leicht, harmonisch, wenn auch alles andere als schlicht und gefällig.

Strahlt schon die Wahl der Szenerie eine gewisse Unbeschwertheit aus, so unterstreicht die Farbgebung das noch einmal und will damit so gar nicht zu den Zeiten und zu den Gemütszuständen passen, in denen der Künstler das Werk schuf.

Als Ernst Ludwig Kirchner 1916 daran ging, seine "Badenden" zu malen, verblutete auch seine Generation auf den Schlachtfeldern bei Verdun und an der Somme.

Er selbst hatte an seinem Körper und seiner Seele so starken Raubbau betrieben, dass er dem von ihm so gefürchteten Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg zwar entgangen war. Dafür kämpfte Kirchner im Königsteiner Sanatorium von Oskar Kohnstamm nun seinen ganz eigenen Kampf - mit sich selbst und seinen Dämonen.

"Er schien von Zigaretten und Veronal zu leben. Der Alpdruck des Krieges und der Gedanke an die Front schienen ihn zu verzehren", blickte Anneliese Kohnstamm Jahre später darauf zurück, wie sie Kirchner als 16-Jährige in der Heilanstalt ihres Vaters wahrgenommen hatte.

Warum sich die schwere Depression, die auf der Seele des Künstlers lastete, nicht augenfällig an der Strandszene ablesen lässt, die damals entstand?

"So stark Kirchner gesundheitlich auch beeinträchtigt war, so bewusst und begeistert arbeitete er an den Wandgemälden", unterstreicht Königsteins Stadtarchivarin Dr. Alexandra König im Gespräch mit unserer Zeitung. In den Bildern spiegelten sich zwar die schönen Erinnerungen des Künstlers an unbeschwerte, bessere Zeiten, die er auf Fehmarn verbracht habe. Dennoch klinge der Krieg und die persönliche Krise mit.

Ein Sinnbild des Expressionismus

König: "Das eine, wie das andere ist drin. Das zeichnet große Kunst aus." Und das, was Kirchner während seines Aufenthalts im Sanatorium an die Wände des dortigen Brunnenturms gebracht hatte, ist sogar ganz große Kunst.

"Es ist das bedeutendste Werk expressionistischer Wand- und Raumgestaltung", betont dazu eine Frauenstimme aus dem Off. Auf Knopfdruck meldet sie sich zu Wort, um den Besuchern zu erklären, was sie in den kommenden Wochen im Kirchner-Kubus in der Konrad-Adenauer-Anlage zu sehen bekommen.

Bis Pfingsten können sich Interessierte in Königstein ein weitgehend originalgetreues Bild davon machen, wie die großformatigen und farbstarken Wandmalereien auf den Betrachter gewirkt haben müssen.

Dass das nur noch originalgetreu und nicht mehr im Original möglich ist, ist dem Umstand geschuldet, dass Kirchners "Badende" in der Zeit des Nationalsozialismus unwiederbringlich zerstört wurden.

Ob aus dem letztlich untauglichen Bemühen heraus, das Werk vor dem Zugriff der Nazis zu schützen, oder doch auf deren direktes Geheiß? Eine eindeutige Antwort, so Dr. Alexandra König, lasse sich darauf bis heute nicht geben.

Umso mehr freut sich die Königsteiner Stadtarchivarin, dass in der Kurstadt jetzt eine aufwendige, digitale Rekonstruktion der "Badenden" im Maßstab 1:1 gezeigt werden kann. Nachdem der Kubus im Rahmen einer Ausstellung des Aschaffenburger Kirchner-HAUSes 2021 zunächst am dortigen Hauptbahnhof stand, ist jetzt der Taunus an der Reihe.

Wer in den 5,5 Meter hohen Kunstwürfel eintritt, der in den vergangenen Wochen in der Adenauer-Anlage hochgezogen wurde, der reist um gut 100 Jahre in der Zeit zurück und steht mit einem Mal vor dem Treppenaufgang des Brunnenhauses.

Obschon nur aus Styropor geschaffen und daher auch nicht zum Betreten geeignet, bildet der Nachbau doch die stimmige Kulisse für das neuerliche Auftauchen der "Badenden" auf Alu-Dibonds.

Prof. Dr.-Ing. Jens Elsebach, Experte für Medientechnologie, und sein Team an der TH Aschaffenburg haben hierzu am Computer aus Pixeln zusammengesetzt, was Kirchner damals mit dem Pinsel in Secco-Technik geschaffen hatte. Als Basis für die virtuelle Rekonstruktion dienten den Fachleuten kleine, rechteckige Lumière-Platten, auf denen der Königsteiner Fotograf Franz Schilling in den 1920er Jahren die "Badenden" festgehalten hatte.

Um die von Kirchner damals verwendeten Farben möglichst originalgetreu wiederzugeben, griffen die Experten der TH unter anderem auf eine Leihgabe des Königsteiner Heimathistorikers Rudolf Krönke zurück. Quasi als Vergleichsmaßstab hatte Krönke eine weitere Lumière-Platte aus Schillings Archiv und das dazu gehörende Ölgemälde zur Verfügung gestellt.

Das Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen und lässt auch erkennen, dass die ursprüngliche Farbgebung deutlich intensiver war, als es der bislang einzige Abzug der Glasplatten vermuten ließ.

Bis Pfingsten geöffnet

Nach der Eröffnung des Kirchner-Kubus' am heutigen Donnerstag, 17 Uhr, steht der begehbare Würfel Kunstinteressierten vom 25. März bis zum 6. Juni jeweils von Dienstag bis Sonntag (11 bis 19 Uhr) offen. Ergänzt wird die Installation von Info-Tableaus und digitalen Angeboten, die in das Leben und Werk des Künstlers und in dessen Zeit in Königstein einführen.

Der Besuch ist kostenfrei. Ob der Pandemie dürfen sich maximal fünf Personen zeitgleich im Kubus aufhalten. Es gilt im Inneren, Masken zu tragen, Abstand zu halten und im Einbahn-Verkehr nur aus Richtung Stadtmitte einzutreten. Eingerahmt wird die Ausstellung von Vorträgen und Führungen. Den Anfang macht Stadtarchivarin Dr. Alexandra König am Samstag, 2. April. Von 15 Uhr an führt sie Interessierte durch den Kubus und den Brunnenturm des ehemaligen Sanatoriums Kohnstamm. Anmeldungen werden erbeten über die Stadtbücherei, Telefon (06174) 932370 oder per E-Mail an stadtbibliothek@koenigstein.de.

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