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Königsteiner rücken für Geflüchtete zusammen

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Als Motoren der "Ukrainehilfe" sind Peter Kuipers, Dr. Alexandra Budnitski, Christian Schönwiesner und Pfarrerin Katharina Stoodt-Neuschäfer (v.li.) derzeit im Dauereinsatz, um ehrenamtlich die Versorgung der Geflüchteten zu koordinieren. Die große Unterstützung, die sie dabei von vielen Königsteinern erhalten, begeistert und motiviert sie.
Als Motoren der "Ukrainehilfe" sind Peter Kuipers, Dr. Alexandra Budnitski, Christian Schönwiesner und Pfarrerin Katharina Stoodt-Neuschäfer (v.li.) derzeit im Dauereinsatz, um ehrenamtlich die Versorgung der Geflüchteten zu koordinieren. Die große Unterstützung, die sie dabei von vielen Königsteinern erhalten, begeistert und motiviert sie. © xx

Ukrainehilfe und Stadt konnten schon über 150 Menschen in der Kurstadt unterbringen

Königstein -Wären sich Dr. Alexandra Budnitski, Pfarrerin Katharina Stoodt-Neuschäfer, Christian und Stella Schönwiesner wie auch Peter Kuipers Ende Februar in der Königsteiner Fußgängerzone begegnet - sie wären wohl aneinander vorbeigegangen. Nicht aus Achtlosigkeit, sondern schlicht, weil die Fünf sich nicht kannten.

Heute, gerade Mal vier Wochen später, sind sie längst beim "Du", stehen sie im ständigen Austausch mit einander - auf allen Kanälen. Und das morgens, mittags und abends.

Was das Quintett und viele weitere Königsteiner zusammengeführt hat, ist der drängende Wunsch, den Menschen zu helfen, die in diesen Tagen aus ihrer ukrainischen Heimat fliehen müssen, um ihr Leben und vor allem das ihrer Kinder vor Krieg, Tod und Zerstörung zu retten.

Den Betroffenen die Hand zu reichen, ihnen in der Kurstadt Schutz und Unterstützung anzubieten - das hat sich die "Ukrainehilfe Königstein" zum Ziel gesetzt, zu deren Motoren die fünf Frauen und Männer zählen.

Hervorgegangen aus der ersten Mahnwache ist daraus ein stabiles Netzwerk der Hilfe erwachsen, das seines Gleichen sucht.

Allein bis Ende vergangener Woche hatten in Königstein 150 Geflüchtete - vorrangig Frauen, Kinder und Ältere - Zuflucht gefunden. Und das vornehmlich über privates Engagement und die Vermittlung der Ukrainehilfe.

"Mal wird ein Zimmer in einer Wohnung frei geräumt, mal eine Einliegerwohnung angeboten - die Hilfsbereitschaft in der Stadt ist wirklich enorm", unterstreicht Christian Schönwiesner. In einem Fall habe eine Eigentümerin sogar ein ganzes, zuletzt leerstehendes Haus zur Verfügung gestellt - ohne dafür Miete zu verlangen. Einzig versicherungstechnisch schadfrei habe sie bleiben wollen. Das habe vertraglich mit der Stadt geregelt werden können.

Schönwiesner: "Das Haus ist perfekt für große Familien geeignet. Binnen einer Woche hatten wir es mit vereinten Kräften hergerichtet. Jetzt leben dort fünf Familien mit 28 Personen, darunter eine Frau, die im siebten Monat schwanger ist."

Enorme Hilfsbereitschaft

Das habe sie "so noch nicht erlebt", konstatiert auch Pfarrerin Stoodt-Neuschäfer mit Blick auf das Ausmaß der Hilfsbereitschaft in der Stadt. Die sei noch einmal um ein Vielfaches höher als im Zuge der Flüchtlingskrise 2015/16. Und schon da sei das Engagement groß gewesen, betont die evangelische Seelsorgerin, in deren Pfarramt in diesen Tagen bereits über 200 Bescheinigungen für große und kleine Spenden zugunsten der Ukrainehilfe ausgestellt wurden.

Diese finanziellen Zuwendungen bilden das Rückgrat der ehrenamtlichen Arbeit. Denn mit diesen Mitteln kann unbürokratisch und vor allem sofort geholfen werden. Und darauf kommt es derzeit ganz besonders an.

Waren die Geflüchteten 2015/16 erst auf Zuweisung in die Stadt gekommen und in Behelfsunterkünften untergebracht worden, muss dieses Mal viel schneller und direkter gehandelt werden. Die Menschen sind bereits da oder stehen früh am Morgen vor der Tür und brauchen akut Hilfe.

"Wir sind so etwas wie die Feuerwehr. Wir diskutieren nicht, wir machen", skizziert Christian Schönwiesner die Herausforderung, der sich die Ukrainehilfe ehrenamtlich stellt - in Zusammenarbeit mit der Stadt.

Die geht so weit, dass im evangelischen Pfarramt sogar die Vorarbeiten für die behördliche Anmeldung der Geflüchteten erbracht werden. Pfarrsekretärin Sigrun Peckelsen hilft den Geflüchteten bei der Aufbereitung der erforderlichen Unterlagen vom Pass bis zur Wohngeberbestätigung und scannt sie ein.

Ist alles beisammen, gehen die Dokumente per Mail weiter an die Mitarbeiterinnen des städtischen Bürgerbüros - allerdings zuletzt meist nicht ins Rathaus.

Da das Team Corona-bedingt stark ausgedünnt ist, schließen die in Quarantäne befindlichen Kolleginnen die Anmeldungen auch von zu Hause aus ab, um eine schnellstmögliche Registrierung der Geflüchteten beim Kreis zu ermöglichen. Die nämlich ist entscheidend dafür, dass die Betroffenen Hilfe über das Asylbewerberleistungsgesetz erhalten.

Zu vieles ist "überbürokratisiert"

Während zumindest das von oben geregelt ist, fehlt es aus Sicht der Verantwortlichen der Ukrainehilfe an vielen anderen Stellen an klaren, verlässlichen und verständlichen Regelungen. Vieles sei "überbürokratisiert", kritisiert Christian Schönwiesner stellvertretend für seine Mitstreiter.

So sehr die hoffen, dass Bund und Länder endlich in die Verantwortung gehen und den dringend nötigen, strukturellen Rahmen für die Flüchtlingshilfe schaffen, so genau wissen die Akteure in Königstein auch, dass sie darauf nicht warten können.

Nach wie vor besonders drängend ist die Suche nach Wohnraum. Zudem müssen Schritte getan werden, um die Kurstadt für die Geflüchteten zu einer Heimat zu machen - zumindest auf Zeit. Schließlich haben die Betroffenen in der Regel keinen sehnlicheren Wunsch, als wieder nach Hause gehen zu können.

Da aber niemand sagen kann, wann das sein wird, bietet die Projektgruppe bereits Deutsch-Kurse an und nimmt sich besonders der gut 70 bis 80 Kinder an. Um ihnen etwas Ablenkung zu bieten, wurde im evangelischen Kindergarten ein Raum zur Verfügung gestellt und Musikunterricht angeboten. Darüber hinaus wurde ein Lager für gespendete Kindersachen eingerichtet, um das sich Alice Ramm kümmert.

Koordiniert werden alle Aktionen wie auch Wohnraum- und Spendenangebote über ein digitales Forum, das Peter Kuipers bereits für die Flüchtlingsarbeit vor sieben Jahren aufgesetzt hatte.

Zwar hätte der Königsteiner es sicher lieber gesehen, wenn es für dieses Forum keiner Neuauflage bedurft hätte. Da die Zeiten aber nun mal so sind, wie sie sind, ist man bei der Ukrainehilfe unsagbar froh, auf diese Plattform zurückgreifen zu können.

Mit Unterstützung von Regine Walter wurde das Forum mittlerweile um eine Homepage ergänzt. Unter www.ukrainehilfe-koenigstein.de finden Interessierte hier Ansprechpartner und vieles mehr darüber, was an Unterstützung benötigt wird.

Herzenswärme und die Sprache der Heimat helfen beim Ankommen

Es sind müde Augen, in die die Verantwortlichen der Ukrainehilfe in diesen Tagen wieder und wieder blicken. Sie spiegeln die tiefe physische wie vor allem auch psychische Erschöpfung, die die Geflüchteten zeichnet.

"Die Menschen sind sehr gestresst, sehr leise, zeitweise wie versteinert und zugleich sind sie hoch konzentriert, schreiben alles mit, was wir Ihnen erklären", unterstreicht Pfarrerin Katharina Stoodt-Neuschäfer.

Von einem Tag auf den anderen aus ihrem Leben, aus ihren Familien herausgerissen, sind die Betroffenen weitgehend mittellos im Taunus angekommen. Ihr Geld, ihre Bankkarten - alles, was für sie daheim in Kiew oder Cherson ganz alltäglich war, hat erst einmal keinen Wert mehr. Wenn sie kommen, haben die Geflüchteten meist nicht viel mehr bei sich, als das, was sie am Leib tragen oder in einen kleinen Rollkoffer passt - und ihre persönlichen Unterlagen. Es sei bewegend zu sehen, so Stoodt-Neuschäfer, wie organisiert die Betroffenen noch in ihrer Not seien.

Ansprechpartner bei allen Behördengängen, aber auch beim ganz grundsätzlichen Einleben im Taunus sind mit Dr. Alexandra Budnitski und Stella Schönwiesner zwei Königsteinerinnen mit ukrainischen Wurzeln. Für beide Frauen ist der Einsatz für ihre Landsleute eine Selbstverständlichkeit. Und nicht nur für sie. Alexandra Budnitski schätzt, dass schon vor Kriegsausbruch rund 100 Ukrainer in Königstein gelebt haben. Dass man diese große Gemeinde so nicht wahrgenommen habe, spreche für den hohen Grad an Integration und dafür, dass man jetzt ein Netzwerk habe, dass bei der Aufnahme der Geflüchteten Gold wert sei.

Wie ihre Mitstreiter bei der Ukrainehilfe ist auch Alexandra Budnitski derzeit von früh bis spät im Einsatz. Die Psychologin ist froh und glücklich, dass es ihre Mutter mittlerweile aus Kiew heraus und nach Königstein geschafft hat. Ihrer Sorge um die Verwandten und Freunde in der Heimat, wie auch dem Wunsch, ihren Landsleuten im Taunus zu helfen, tut das keinen Abbruch.

Während ihre Mutter mittlerweile den Haushalt führt und die Kinder versorgt, vernetzt und informiert Budnitski die Geflüchteten in deren Muttersprache. Über digitale Messengerdienste hält sie die Betroffenen auf dem Laufenden. Über verschiedene Whatsapp-Gruppen werden die Informationen weitergegeben, Kontakte vermittelt und auch Übersetzungshilfen angeboten.

Gerade erst hat die Kiewerin eine umfangreiche Anleitung in ukrainischer Sprache verfasst, die den Geflüchteten die Orientierung bei der Registrierung im Bad Homburger Landratsamt erleichtern soll. Eine mehr als wichtige Handreichung für Menschen, die mit der deutschen Sprache und der dazu gehörigen Bürokratie noch keine Berührungspunkte hatten.

Bereits morgens von 6 Uhr an fülle sich der Innenhof der Kreisverwaltung mit Geflüchteten. Dann heiße es Schlange stehen und warten für die Betroffenen. Mitunter reiche die Reihe bis hinauf auf die Straße. Zuletzt seien zumindest Getränke ausgegeben worden. Gerade für die Schwächeren sei das eine große Belastung, unterstreicht Budnitski, die daraus aber explizit keinen Vorwurf an den Hochtaunuskreis ableiten will. Ihr Eindruck sei, dass sich die Mitarbeiter viel Mühe gäben und die Kreisverwaltung großes Entgegenkommen zeige. Die Unterstützung zeige sich an vielen, manchmal auch vermeintlich kleinen Dingen, die für die Geflüchteten jedoch eine große Hilfe seien.

Nur ein Beispiel von vielen sei ein Aufklärungsbogen über die Covid-Impfungen, den es im St. Josef-Krankenhaus jetzt in Deutsch und Ukrainisch gebe. "Ich habe gleich einen ganzen Stapel bekommen und verteilt", lacht Alexandra Budnitski. Die Impfbereitschaft sei hoch. Viele der Geflüchteten seien ohnehin bereits mit in Europa anerkannten Impfstoffen geimpft. Für die allerdings, bei denen jetzt eine Booster- oder auch die Erstimpfung anstehe, sei das zweisprachige Infoblatt perfekt.

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