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Statue Justitia - Weniger Verfahren vor Gerichten

Prozess am Amtsgericht

Wie laut knallte es am Kronberger Hang?

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Oft behaupten Unfallflüchtige, nichts gehört, gesehen und gespürt zu haben. Meist kann ihnen der Gutachter aber das Gegenteil beweisen. Jetzt wurde am Königsteiner Amtsgericht ein Fall verhandelt, bei dem sich selbst der erfahrene Unfallanalytiker nicht sicher war. Der Fahrer kann es bemerkt haben, muss aber nicht. Das Verfahren wurde gegen eine kleine Geldauflage eingestellt.

Bei Fällen von Unfallflucht mit einem Sachschaden von mehr als 1400 Euro geht es in der Regel nicht nur um verbeultes Blech, sondern sehr wesentlich auch um Führerscheine. Wer einfach davonfährt, ohne sich um die Schäden zu kümmern, muss meistens für längere Zeit seinen Führerschein abgeben. Nach Ablauf der Sperrfrist müssen Betroffene im ungünstigsten Fall noch mal zur Fahrprüfung.

Steife Stelle, weiche Stelle

Ein 49 Jahre Kelkheimer wollte das vermeiden und hat gegen den Strafbefehl Einspruch eingelegt. Dem Seat-Fahrer war vorgeworfen worden, am 8. März 2018 mit einem Mercedes kollidiert und weggefahren zu sein, ohne sich um den Schaden in Höhe von 2301,03 Euro zu kümmern. Der Unfall passierte auf dem Parkplatz des McDonald-Restaurants am Kronberger Hang in Schwalbach-Nord.

Es kam zur Hauptverhandlung am Königsteiner Amtsgericht, wo der Angeklagte behauptete, von dem Unfall nichts mitbekommen zu haben. Der Seat-Fahrer war dabei, den Parkplatz des Restaurants zu verlassen, als er mit einem ausparkenden Mercedes kollidierte. Er will das Manöver „aus dem Augenwinkel“ heraus bemerkt und deshalb gehupt haben. Dennoch kam es zum Zusammenstoß gegen die linke hintere Seite des Seat, was dessen Fahrer aber nicht bemerkt haben will.

Seine Version des Geschehens könnte sogar stimmen, die Aussage eines Sachverständigen zeigte. Das Gericht hatte den Unfallanalytiker hinzugezogen. Der Gutachter kam zu dem Schluss, dass der Mann aus Kelkheim aus verschiedenen Gründen den Unfall zwar bemerkt haben kann, ihn aber nicht zwingend bemerkt haben muss – jedenfalls nicht, wenn alles dort passiert ist, wo der Unfall sich nach Angaben des Angeklagten ereignet haben soll. Die Tatsache, dass der Anstoß im Mercedes von den Insassen bemerkt wurde, bedeute nicht, dass er auch im Seat spürbar gewesen sein muss, sagte der Gutachter. Der Mercedes sei an einer steifen Stelle hinten rechts getroffen worden, während der Seat im hinteren Türbereich deutlich weicher beschaffen sei. Der Anstoß müsse sich also nicht zwangsläufig ins Innere übertragen haben, folgerte der Gutachter – weder akustisch noch taktil. Dort, wo es zur Berührung der beiden Autos kam, befinden sich sogenannte „Kölner Teller“, um den Verkehr zu beruhigen. Das sind runde, metallene und buckelartige Gebilde.

Hopser überlagert Anstoß

Nach Ansicht des Sachverständigen ist es nicht auszuschließen, dass sich die „Hopser“ und das Anstoßgeräusch überlagert haben. Sollte sich der Unfall aber weiter vorne, wie es ein Zeuge berichtet hat, ereignet haben, müsse die Kollision wahrnehmbar gewesen sein. Da die Endstellung des Mercedes von der Polizei aber nicht dokumentiert wurde, konnte das Gericht nicht mit der für ein Urteil notwendigen Sicherheit von diesem Unfallort ausgehen. Und auch hier gab der Experte dem Anwalt des Angeklagten recht: Die Reparatur war mit 2301 Euro recht teuer, zumal die Stoßstange nicht hätte gewechselt werden müssen. Eine Reparatur wäre, so der Gutachter, möglich gewesen. Dadurch wäre die Rechnung womöglich unter die für den Führerscheinentzug relevanten Grenze von 1400 Euro gerutscht.

300 Euro werden es

Für den Prozessausgang war das aber nicht mehr wichtig, denn das Verfahren wurde gegen die Zahlung von 300 Euro eingestellt. Der Mann erhält seinen im Zuge der Ermittlungen im August vorläufig kassierten Führerschein zurück.

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