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Rainer Kowald hält sie noch heute in Ehren, die Narrenkappe, die er 1972 und viele weitere Jahre trug. Seine „Elferräter“ hatten ihm das gute Stück zu einem runden Geburtstag in einen besonderen Rahmen eingepasst.

Fastnacht

Der Präsident dankt dankbar ab: Nach 47 Jahren nimmt Rainer Kowald den Hut als Sitzungschef

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Wenn am kommenden Samstag die Königsteiner Plasterschisser im Falkensteiner Bürgerhaus ihre große Kostümsitzung feiern, wird einiges neu und anders sein. Auch für Rainer Kowald. Nach 47 Jahren als Sitzungspräsident der Kernstadt-Fastnacht gibt er das närrische Zepter an Ela van der Heyden weiter. Im Gespräch mit der TZ blickt er zuvor noch einmal auf im wahrsten Sinne des Wortes glänzende Zeiten des Königsteiner Karnevals zurück.

Königstein - Was für ein Glitzern, was für ein Funkeln – wem Rainer Kowald einen Blick in seine kleine „Schatzkammer“ gewährt, dem gehen die Augen über ob all der Kostbarkeiten, die einem dort entgegen schimmern. Zwar sind das nicht die Kronjuwelen der Queen, sondern „nur“ die Preziosen des Präsidenten. Dennoch hat auch dieser schöne Schein für Rainer Kowald einen ganz persönlichen Wert.

An der Seite einer Schrankwand haben all die Fastnachtsorden ihren Platz gefunden, die ihm in den vergangenen fast 50 Jahren um den Hals gehängt wurden. Darunter so prächtige Ehrenzeichen wie das goldene Vlies der Interessengemeinschaft Mittelrheinischer Karneval oder der Woogbachwasserbaabambeler-Orden der Königsteiner Plasterschisser. Wenn man den langjährigen Sitzungspräsidenten der Kernstadt-Fastnacht allerdings fragt, mit welchem Orden er am meisten verbindet, dann holt der 77-jährige Unruheständler ein Exemplar hervor, das eher unscheinbar ist. Darauf zu sehen: eine Narrenkappe, ein Zepter und zwei Harlekine, die um einen stilisierten Globus tanzen. Alles vergleichsweise schlicht.

Mutter aller Orden

Allerdings lässt eine Buchstabenfolge am Rand erahnen, was diesen Orden so besonders macht. „NA.RI.KÖ.71“ weist das gute Stück als Mutter aller Kurstadt-Orden aus. Es war dieses Schmuckstück, das Kowald all jenen Akteuren überreichen durfte, die am 22. Januar 1972 bei der ersten Kostümsitzung der närrischen Neuzeit auf der Bühne standen. Für Kowald war es die Premiere als Sitzungspräsident und für Königstein das Comeback des klassischen Kernstadt-Karnevals mit Elferrat, Büttenreden, Musik- und Tanzeinlagen.

Heinz Eichhorn hatte 1971 dazu den Anstoß gegeben. Der Fastnachter durch und durch hatte Fußballer, Fanfarencorps, Ritter, Chorgemeinschaft und Männerchor an einem Tisch versammelt, den Königsteiner Narrenring geschmiedet und auch seinen ehemaligen Schulkameraden Rainer Kowald mit ins Boot geholt.

Als Vorsitzender der Chorgemeinschaft rückte der auch gleich an zentraler Stelle ins „Ministerium“ der Narren-Koalition ein. Kowald: „Jeder im Elferrat hatte damals seine Aufgabe, Heinz war der Präsident, Adolf Hess der Minister für Abbau, Karl-Heinz Schleicher der Minister für hell und dunkel und ich übernahm die Sitzungspräsidentschaft.“

Eine Arbeitsteilung, die voll aufging. „Das war damals ein Bombenerfolg“, erinnert sich Kowald an die Premiere. 800 Gäste im ausverkauften Haus der Begegnung – heute unvorstellbar. Und noch dazu alle in edler Abendgarderobe. „Das war ein gesellschaftliches Ereignis.“

Gesellschaftliches Ereignis

Wer als Königsteiner etwas auf sich hielt, saß unten im Saal oder stand oben in der Bütt. So wie Protokoller Heinz Marnet oder Burggeist Theo Flugel. „Gerade in den Anfangsjahren standen die Büttenreden noch im Mittelpunkt, da waren brillante Sachen dabei – vor allem rund um die Kommunalpolitik“, erinnert sich der Ur-Königsteiner, der schon ein wehmütig auf diese goldenen Zeiten der Kernstadt-Fastnacht zurückschaut.

„Es war auch für mich als Sitzungspräsident damals ein ganz anderes ,Arbeiten’“, schmunzelt Kowald. „Man kannte die meisten Gäste im Saal, wusste, mit wem man seine Späße machen konnte, und man hatte auch mehr Zeit.“ Hier ein Schunkler, da ein Witz oder eine Anekdote – die habe er immer mal wieder einstreuen können, weil die Akteure ja vornehmlich aus den eigenen Reihen kamen. „Die feierten mit, saßen mit ihren Freunden und Verwandten im Saal.“ Mit ein Grund dafür, dass die Sitzungen damals so gut besucht waren.

Heute, so Kowald, habe sich da doch vieles gravierend verändert. Obwohl die Einwohnerschaft Königsteins zahlenmäßig wachse, schrumpfe doch die Gruppe derer, die aktiv am Leben in der Stadt teilnehmen.

Und das spiegele sich dann eben auch in der Fastnacht wider. Weniger Besucher im Saal, weniger Lokalkolorit auf der Bühne – von seinem Platz im Elferrat aus hatte Kowald diese Entwicklung genau im Blick. Damit umzugehen sei zuletzt zunehmend komplizierter geworden, räumt er ein: „Je mehr Akteure von auswärts kommen, desto enger getaktet sind die Zeitfenster.“ Der eine kann nur Punkt 21.30 Uhr, weil er nach seinem Auftritt gleich wieder weiter muss. Eine Gruppe kommt zu spät, ein Akteur fällt aus. „Da steigt dann auch der Druck auf den Sitzungspräsidenten enorm. Schließlich muss der ja das Programm am Laufen halten.“

Bei aller närrischen Routine keine leichte Aufgabe, zumal ja das Publikum bespaßt werden will. Denn auch im Saal, so Kowalds Eindruck, sei die Stimmung heute eine andere als vor 47 Jahren. Statt Smoking und Abendkleid geben heute bunte Kostüme den Ton an. Party machen ist angesagt.

Redner haben es schwer

„Manchmal habe ich das Gefühl, das Programm ist heute nur noch Staffage“ konstatiert der Mann vom Fastnacht-Fach. Gerade Büttenredner hätten es sehr schwer. Immer weniger Leute hörten zu. „Dabei sollte das doch eigentlich eine Frage des gegenseitigen Respekts sein.“ Schließlich stecke jeder Redner, Tänzer oder Sänger nicht nur viel Zeit und Arbeit in seinen Auftritt, sondern beweise auch Mut, wenn er sich vor anderen Menschen im besten Sinne zum Narren mache. Wenn man dann allerdings als Sitzungspräsident um etwas Ruhe im Saal bitte oder an anderer Stelle auf die Tube drücke, weil der nächste Akteur schon hinter dem Vorhang mit den Hufen scharre, gelte man schnell als Spaßbremse.

Neue Generation ist dran

Klagen will der scheidende Sitzungspräsident darüber nicht. Das sei eben der Gang der Dinge. Und darauf gelte es, sich einzustellen. Genauso wie auf den karnevalistischen Generationswechsel in der Kurstadt. „Ich möchte ja nicht irgendwann mit dem Rollator auf die Bühne kommen“, lacht Kowald mit Blick auf seinen Abschied.

So wie er dem verjüngten Vorstand der Plasterschisser wünsche, dass der Umzug ins Falkensteiner Bürgerhaus den erhofften Effekt erziele, so hoffe er für seine Nachfolgerin Ela van der Heyden, dass sie denselben Spaß an ihrer Aufgabe haben werde, wie er ihn in den vergangenen 47 Jahren hatte. „Mir hat es immer Freude bereitet, und das soll auch so bleiben, wenn ich nicht mehr, den Hut aufhabe“. Zumal er ja die Narrenkappe aufbehalten wird. Kowald bleibt schließlich Mitglied des Elferrates.

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