25 Jahre Kinder-Förderung nach Petö

Schritt zu mehr Selbstständigkeit

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Seit 25 Jahren ermöglicht ein Förderverein neurologisch auffälligen und behinderten Kindern eine ganzheitliche Therapie nach dem ungarischen Arzt Dr. András Petö. Die Erfolge strahlen über die Landesgrenzen hinaus, aber nach wie vor übernehmen Krankenkassen die Kosten nicht.

„Ich ziehe meine Motivation aus den Erfolgen des eigenen Kindes. Sie geben mir Kraft.“ So wie Ulrike Fehn geht es auch den anderen Vorstandsmitgliedern des Fördervereins Kinderneurologie Königstein. Mit ihm ist untrennbar der Name Petö verbunden: Der ungarische Arzt Professor András Petö entwickelte eine gezielte Förderung von behinderten Mädchen und Jungen mit frühkindlichen Hirnschädigungen. Ziel ist die maximale Unabhängigkeit von Personen und Hilfsmitteln beziehungsweise die möglichst frühe Integration und Unterstützung einer selbstständigen Lebensführung.

Die Pädagogik- und Therapieräume in der Kirchstraße sind Anlaufstelle für Eltern aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet und anderen Bundesländern. Viele derartige Einrichtungen gibt es nicht, erst recht nicht mit einer solchen Erfahrung: Am heutigen Samstag wird das 25-jährige Bestehen gefeiert. „Wir haben derzeit 40 Familien, deren Kinder aktiv Petö machen“, berichtet Fehn. Sie führen Übungen aus dem motorischen, kognitiven und sozialen Bereich aus, lernen etwa, selbstständiger zu essen. Andere haben wortwörtlich den ersten Schritt und danach weitere gemacht, obwohl die Prognosen der Ärzte dies kaum hergaben. „Mit jedem Petö-Block ging es eine Stufe hoch“, erzählt Fehn von ihrem eigenen Sohn Julian.

Die Kinder zwischen 2 und 16 Jahren werden in der Regel in kleinen Gruppen von zwei bis vier Personen gefördert. Pro Quartal wird ein Therapieblock organisiert, der zwischen sechs und acht Wochen dauert. Für diese Zeit kommen speziell ausgebildete Fachkräfte, sogenannte Konduktorinnen, aus Ungarn nach Königstein: Ihren Abschluss haben sie durch ein vierjähriges Universitätsstudium erlangt. Die Damen sind schon seit vielen Jahren dabei, kennen die Kinder und deren Eigenheiten und sind für die Eltern hochkompetente Ansprechpartner in Sachen Petö-Förderung.

In Deutschland gibt es eine solche Ausbildung nicht. Logopädie, Ergotherapie, viele verschiedene Disziplinen spielen in das Berufsbild hinein. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum die Krankenkassen die Aufwendungen nicht zahlen. Der Königsteiner Kinderarzt Dr. Michael Rochel war früh von der Wirkung überzeugt und hat viele Jahre für die Anerkennung gekämpft. Der Verein ist 1992 aus einer Initiative betroffener Eltern heraus entstanden. „Die Behörden tun sich hier unheimlich schwer“, bedauert Fehn. Sie hat die Hoffnung aber nicht aufgegeben, dass sich das irgendwann doch noch ändert.

Unterdessen können sich die Ehrenamtlichen der Unterstützung vieler Menschen im Umkreis sicher sein. Dazu zählen unter anderem Spender wie die Frauenvereinigung Inner Wheel, die Lieselott-und Klaus-Rheinberger-Stiftung – und der Fußball-Profi und „Königsteiner Bub“, Sebastian Jung. „Wir freuen uns sehr, dass ein Hochleistungssportler für unsere Hochleistungssportler spendet“, sagt Fehn lächelnd. Alles zu geben und zu kämpfen, um das Beste aus seinen Möglichkeiten zu machen – das verbinde sie.

Die Spenden werden dazu verwendet, den Stundensatz für die Therapie möglichst niedrig zu halten und Familien zu unterstützen. „Wie muss es Eltern gehen, die abbrechen müssen, weil sie die Belastung finanziell nicht stemmen können?“ Für Fehn sei auch das Ansporn gewesen, sich im Vorstand zu engagieren. Manchmal sei die Arbeit ein Balanceakt, aber die Eltern unterstützten sich gegenseitig.

Wer die größeren Leistungen vollbringt, ist schwer zu beurteilen. Die Kleinen ohnehin, aber auch den Eltern und Geschwistern verlangt das Leben mit einem behinderten Kind viel ab. Da bringen schon vermeintlich kleine Erleichterungen große Hilfe. Als der Verein 2015 vom Erd- ins zweite Obergeschoss umziehen musste, entstand viel in Eigenarbeit – unter anderem auch eine Küche, die gleichzeitig als Ruheraum genutzt wird. Die Eltern kommen mitunter von weit her, eine Rückfahrt während einer dreistündigen Therapie lohne sich da nicht. „Sie stehen teilweise unter massivem Stress. Da ist jede Minute in einer Ruhezone sehr viel wert“, weiß Fehn.

Das Fest „25 Jahre Konduktive Förderung nach Petö in Königstein“ am morgigen Samstag von 12 bis 16 Uhr in der Kirchstraße 9 ist nicht nur ein Dank an alle Unterstützer und Helfer, sondern auch als Tag der offenen Tür konzipiert. Nachbarn, Freunde und Interessenten sind eingeladen, die Räume zu besichtigen und Gespräche mit Eltern und dem Fachpersonal zu führen.

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