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Sie wollen die Kriminalität im Keim ersticken

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Von: Andreas Schick

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Staatssekretär Stefan Sauer (rechts) drückt Bürgermeister Leonhard Helm das „Kompass“-Begrüßungsschild in die Hand. Stadtverordnetenvorsteher Michael Hesse (links) und Polizeipräsident Felix Paschek sind mit von der Partie.
Staatssekretär Stefan Sauer (rechts) drückt Bürgermeister Leonhard Helm das „Kompass“-Begrüßungsschild in die Hand. Stadtverordnetenvorsteher Michael Hesse (links) und Polizeipräsident Felix Paschek sind mit von der Partie. © Schick

Stadt klinkt sich bei Präventionsprojekt der Polizei ein, damit das Kind erst gar nicht in den Brunnen fällt.

Königstein -Wer wissen will, wie es sich mit sozialen Unruhen lebt, muss nur im nahe gelegenen Schwalbach nachfragen. In der Stadt im Main-Taunus-Kreis erlebten die Menschen 2017/18 unhaltbare Zustände. Junge Leute schlugen über die Stränge. Als Brennpunkte kristallisierten sich Teile des Marktplatzes und die nähere Umgebung heraus. Mülltonnen brannten. Fensterscheiben gingen zu Bruch. Aus Angst vor verbalen oder körperlichen Angriffen trauten sich vor allem Frauen und ältere Leute zeitweilig nicht mehr über den Marktplatz, gerade abends.

Die Polizei rückte mehrfach mit Großaufgeboten aus, um Rädelsführer und Mitläufer zu kontrollieren. Daraus entstand ein Kleinkrieg zwischen der staatlichen Obrigkeit und den Störenfrieden. Molotowcocktails flogen auf ein Polizeirevier. Das Haus eines Beamten und das Fahrzeug der damaligen Bürgermeisterin wurden beschädigt.

Irgendwann war klar: So geht es nicht weiter. Schwalbachs Stadtverwaltung und die Polizei bündelten ihre Kräfte. In einer Mischung aus besserer Vorbeugung und Repression ist es gelungen, die Lage im Laufe der Zeit zu beruhigen. Wegweisend war dabei ein Ende 2017 vollzogener Schritt: Schwalbach wurde Pilot-Kommune in einem Projekt, das darauf abzielt, die Sicherheitsarchitektur von Städten und Gemeinden zu analysieren sowie konkrete Maßnahmen zu entwickeln und umzusetzen. Die Initiative des Landes Hessen, die den Schwerpunkt auf Prävention setzt, nennt sich „Kompass“. Dahinter steckt die sperrige Bezeichnung „Kommunal-Programm Sicherheitssiegel“. Ziel ist es, das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung zu stärken. Polizei und die örtlichen Verwaltungen arbeiten eng zusammen, um passgenaue Lösungen zu finden. Ein Ort im ländlichen Gebiet hat andere Bedürfnisse als eine Kommune im Ballungsraum. Von Turbulenzen wie einst in Schwalbach ist Königstein weit, weit entfernt. Die Stadt klinkt sich dennoch in das „Kompass“-Projekt ein. Sie will handeln, bevor das Kind in den Brunnen fällt. Es gehe darum, „nicht zu warten, bis sich etwas zuspitzt“, betont Bürgermeister Leonhard Helm.

Durchhaltevermögen ist gefragt

Die Statistik weist fürs vorige Jahr 551 registrierte Straftaten für Königstein aus. Diese Zahl alleine hat keine Aussagekraft. Für Vergleiche eignet sich die Häufigkeitszahl, eine auf 100 000 Einwohner hochgerechnete Größe. In Königstein liegt der Wert für 2021 bei 3318 Straftaten. Dies sei „eine gute Zahl“, urteilt Polizeipräsident Felix Paschek. Auf Hessen bezogen sind es 5340, bundesweit gar mehr als 6000.

Doch die gefühlte Sicherheit sei etwas anderes als die statistisch-objektiv beurteilte Sicherheitslage, weiß Felix Paschek. Dies erläutert Leonhard Helm anhand eines Beispiels. Wenn er in Königstein durch einen Park laufe und eine Gruppe junger Leute treffe, habe er womöglich andere Empfindungen als eine ältere Dame in dergleichen Situation. Auch Drogenprobleme, so ist zu hören, machen vor den Toren der Stadt keineswegs Halt. Nun will Königstein also bei „Kompass“ mitmachen und hat von Stefan Sauer, Staatssekretär im Hessischen Ministerium des Innern und für Sport, das „Kompass“-Begrüßungsschild erhalten.

Der Bürgermeister und seine Stadt stehen am Anfang eines langwierigen Prozesses, der sich vermutlich weit ins Jahr 2023 hineinziehen wird, eventuell darüber hinaus. Polizei und Stadtverwaltung müssen Statistiken sichten, Daten zusammentragen sowie die Bewohner Königsteins und örtliche Einrichtungen befragen, etwa Kirchengemeinden, Seniorenvertretungen, Vereine und Jugendeinrichtungen. Schließlich werden die Stadtverwaltung und die Polizei alle Erkenntnisse bündeln, bewerten und daraus Maßnahmen ableiten und vorstellen.

Königstein fängt nicht bei null an. Ein neunköpfiger Freiwilliger Polizeidienst besteht bereits. Im Februar 2021 hat die Polizei mit Falk Bonfils einen „Schutzmann vor Ort“ und damit einen festen Ansprechpartner für die Königsteiner Bürger installiert. Der Haupt- und Finanzausschuss hat jüngst der Einrichtung eines kommunalen Präventionsrats zugestimmt, wie das „Kompass“-Projekt ihn vorschreibt. Eine Basis für zügige Fortschritte ist gelegt.

Die „Kompass“-Teilnahme ist zeit- und personalintensiv und lässt sich nicht aus dem Ärmel schütteln. Bei der Erarbeitung, erst recht bei der Umsetzung des Sicherheitskonzeptes ist Durchhaltevermögen gefragt. Letztlich fallen auch Kosten an. Es ist einfach, Büsche wegzuschneiden oder düstere Ecken besser auszuleuchten. Aber wer zum Beispiel die Sozialarbeit ausweiten will, muss bereit sein, die Stadtkasse anzuzapfen. Hoffentlich weiß Königstein, worauf es sich in Zeiten kraftraubender Krisen einlässt.

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