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Ein Fotograf vor dem Bild der Justitia.

Prozess am Landgericht

Staatsanwalt lässt Mordvorwurf fallen

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War das 46 Jahre alte Opfer der tödlichen Messerattacke vom 19. Juli vergangenen Jahres arg- und wehrlos? Diese Frage konnte nach Auffassung des Staatsanwalts nicht geklärt werden. Deswegen plädierte er gestern für eine Verurteilung des Angeklagten wegen Totschlags. Der Verteidiger überraschte mit seiner Forderung.

Neun Jahre Haft wegen Totschlags oder aber Freispruch für den Angeklagten? Am 17. Mai soll das Urteil im Prozess um die tödliche Messerattacke am Königsteiner Busparkplatz gesprochen werden. Während der Anklagevertreter gestern am Frankfurter Landgericht die Haftstrafe verlangte, sah der Verteidiger seinen Mandanten nicht zwingend als Täter. Es könne ein anderer der sich auf dem Parkplatz normalerweise aufhaltenden Personen gewesen sein.

Staatsanwalt Jens Dallmeyer beschäftigte sich in seinem Schlussvortrag damit, ob der ursprünglich erhobene Vorwurf des heimtückischen Mordes auch nach der Beweisaufnahme noch zu halten sei. Er kam zum Ergebnis: Nein. Der genaue Tathergang an jenem Nachmittag des 19. Juli vergangenen Jahres habe nicht nachgezeichnet werden können. „Wir konnten drei bis vier Minuten vor dem Stich nicht genau erforschen“, sagte Dallmeyer. Und deshalb könne man auch nicht mit Gewissheit sagen, ob das Opfer tatsächlich „arg- und wehrlos“ gewesen sei und ob der Täter dies zielgerichtet ausgenutzt habe.

Es blieb also lediglich der Tatbestand des Totschlags übrig, der allerdings ohne jede Einschränkung der Schuld- und Steuerungsfähigkeit verübt worden sei. Allein der Alkoholwert von rund 2,8 Promille reiche bei einem derart an Alkohol gewöhnten Menschen noch nicht aus, um ihm gleich Strafmilderung zukommen zu lassen, sagte Dallmeyer. Auch die Zeugenaussagen sowie die im Supermarkt gefertigte Videoaufnahme hätten sehr wohl gezeigt, dass der Angeklagte noch Herr seiner Sinne gewesen sei.

Der psychiatrische Gutachter hatte den Zustand des Angeklagten zudem als „sehr gesteuert, sehr klar“ umschrieben. Dallmeyer forderte also neun Jahre, lehnte eine zusätzliche Einweisung für eine Alkoholtherapie entschieden ab. So eine Maßnahme komme nur bei einer gewissen Aussicht auf Erfolg in Betracht, für den es bei dem Angeklagten keine Anhaltspunkte gebe.

Recht überrascht waren die Gesichter im Gerichtssaal, als der Verteidiger seinen Schlussvortrag mit der Forderung nach einem Freispruch für den 46-Jährigen hielt. Er rückte das Opfer dabei in ein schlechtes Licht. Von Erpressung anderer Dauergäste des Busparkplatzes war die Rede, von vielerlei Feindschaften und damit potenziellen Tätern. Genaue Angaben machte er aber nicht.

Die Schwurgerichtskammer geht zur Urteilsfindung nun „in Klausur“. Am 17. Mai soll das Urteil verkündet werden, vorher hat der Angeklagte noch das letzte Wort.

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