Geschichte

Stadtarchivarin rückt das Leben in Königstein vor 100 Jahren in den Blick

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Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstands von Compiègne endeten am 11. November 1918 die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs. Welche Auswirkungen das vor 100 Jahren auf die Menschen in Königstein hatte, darüber sprach Stadtarchivarin Beate Großmann-Hofmann jetzt in der Stadtbibliothek.

Der Krieg schon verloren, die Versorgung der Bevölkerung von Tag zu Tag schwieriger, dazu ein revolutionäres Gären im ganzen Reich – und was machen die Königsteiner Stadtverordneten am 8. Oktober 1918?

Sie diskutieren über den Einbau von elektrischem Licht im damaligen Spritzenhaus der Feuerwehr, dem heutigen Seniorentreff in der Kugelherrnstraße.

Business as usual in einer Zeit, die alles andere als gewöhnlich war. Stadtarchivarin Beate Großmann -Hofmann zitiert den Historiker Fritz Stern, um die Dimension dessen klarzumachen, was da zwischen 1914 und 1918 über Europa und die Welt hereingebrochen war. Für Stern war der Erste Weltkrieg„die erste Katastrophe des 20. Jahrhunderts“, der Große Krieg, aus dem sich „alle folgenden Katastrophen“ ergaben.

Wenn die Königsteiner Lokalpolitiker noch kurz vor Kriegsende versuchten, den Alltag in der Kurstadt am Laufen zu halten, so heißt das nicht, dass das Weltbeben nicht auch die Menschen im Taunus erschütterte.

Väter, Söhne, Brüder gefallen, kriegsversehrt, in Gefangenschaft oder noch irgendwo fern der Heimat im Feld. Frauen und Kinder, die zu Hause versuchten, mit schmalen Lebensmittelrationen durch den Tag zu kommen. Viele Geschäfte, die meisten Handwerksbetriebe längst geschlossen, weil die Männer fehlten.

Es waren harte Zeiten, und sie wurden kaum erträglicher, nachdem Zentrums-Politiker Matthias Erzberger für das Deutsche Reich am 11. November 1918 in Compiègne das Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet hatte.

Obwohl die Königsteiner selbst schauen mussten, wo sie blieben, galt es die geschlagenen eigenen Truppen zu versorgen, die auf dem Rückmarsch von der Front die Stadt passierten. „Das war eine große Belastung für die Bevölkerung“, berichtete Beate Großmann-Hofmann ihren Zuhörern in der Stadtbibliothek.

Die angeforderten „Spenden“ wurden im Bierlager des Hotels Pfaff am heutigen Kapuziner-Platz gesammelt und im Hotel Georg – hier befindet sich jetzt die Stadtbibliothek – an die Soldaten verteilt. Alles auch in der Stunde der totalen Niederlage noch generalstabsmäßig geplant und von der heimischen Presse in einem heroischen Duktus gefeiert, der fast den Eindruck erweckte, dass hier ein siegreiches Heer durch die Kurstadt paradierte.

Dabei war es längst vorbei mit Preußens Glanz und Gloria.

Bereits am 9. November hatte Wilhelm Zwo seine Krone genommen und Philipp Scheidemann die Republik ausgerufen.

Die Stimmung im Reich war explosiv. Wie in vielen anderen Städten konstituierte sich auch in Königstein ein Arbeiter- und Soldatenrat (ASR).

Keimzelle war das als Reservelazarett dienende Kurhotel Taunusblick, das damals dort stand, wo sich heute das Kurbad befindet.

Unter den Mitgliedern des Gremiums finden sich einige altvertraute Königsteiner Namen wie Dorn, Kowalt oder auch Villmer. Wenig überraschend war deren Hauptanliegen nicht die sozialistische Revolution in der Kleinstadt, sondern vor allem die Wahrung von Ruhe und Ordnung. Dennoch wehte vom 14. November an die rote Fahne am Rathaus in der Hauptstraße 15.

Ein „großer roter Lappen“ war das für den in der alten Welt verhafteten evangelischen Hofprediger Karl Bender. Mit entsprechend galligen Worten kommentierte er das rasch heraufziehende Ende des Arbeiter- und Soldatenrates. Die „einst so frech sich gebärdet“ hätten, seien in „ihre Bedeutungslosigkeit“ gesackt, zitierte Stadtarchivarin Großmann-Hofmann den erz-konservativen Gottesmann.

Am 8. Dezember 1918 stellte der ASR seine Arbeit ein, sechs Tage später zogen die neuen Herren in Königstein ein. Französische Truppen übernahmen das Regiment in der Kurstadt. Und das im großen Stil. 1850 Mann rückten an, mussten untergebracht und versorgt werden. 700 davon allein im kleinen Falkenstein.

Der damalige Königsteiner Bürgermeister Anton Jacobs hatte seine Mitbürger schon vorgewarnt und zur Kooperation mit den Besatzungstruppen aufgefordert.

Derweil versuchten die Königsteiner wieder Normalität in den Alltag zu bringen. Ein Handwerker nach dem anderen nahm seine Arbeit auf, zugleich musste die Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 vorbereitet werden. Erstmals durften hier auch Frauen ihre Stimme abgeben. Etwas, so Großmann-Hofmann, was offensichtlich nicht jedem Mann passte.

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