Karriere

Von einer Königsteinerin, die auszog, in Hollywood ihren Traum zu leben

  • Stefan Jung
    VonStefan Jung
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Katharina Wilhelm ist seit 2019 die Stimme der ARD in L.A.

Königstein -Journalisten sind, was ihren beruflichen Biorhythmus angeht, eher Nachteulen als frühe Vögel. Das Gold im Mund der Morgenstund' überlassen sie großzügig anderen, wenn sie dafür eine starken Kaffee haben können. Katharina Wilhelm macht da keine Ausnahme. Als sie sich um 8.30 Uhr zur Video-Konferenz mit unserer Zeitung einklinkt, dampft es aus der Starbucks-Tasse auf ihrem Schreibtisch schon.

Vom Heißgetränk einmal abgesehen, fällt die bald 38-jährige Königsteinerin dann aber doch aus dem Journalisten-Klischee.

Sie ist bereits seit 6.30 Uhr auf Betriebstemperatur. Die Mails sind abgearbeitet, der Kopfhörer ist justiert und mit ihren Kollegen hat sie auch schon telefoniert. Schließlich verabschieden die sich bald schon wieder in den Feierabend.

Neun Stunden Zeitunterschied zwischen den Sendehäusern in Deutschland und ihrem kleinen Studio in Los Angeles haben es nun mal in sich.

Doch Katharina Wilhelm gähnt und klagt schon gar nicht. Im Gegenteil. Sie glüht für das, was sie tut, lebt am Pazifik ihren beruflichen Traum. Seit Herbst 2019 ist sie schließlich die Stimme der ARD aus L.A..

Mit einem Kollegen, der von San Francisco aus arbeitet, berichtet die Radio-Korrespondentin im Schichtdienst von dem, was entlang der rund 5500 Kilometer zwischen Fairbanks/Alaska und San Diego ganz im Süden Kaliforniens passiert und für die Hörer daheim in Deutschland von Interesse sein könnte.

Auf allen Kanälen zu hören

Zu hören sind Wilhelms Beiträge auf über 60 Radiowellen von HR Info bis zum Deutschlandfunk. Zudem bespielt sie die Online-Kanäle von Weltspiegel und Co. und war unlängst auch bei Tagesschau 24 zu sehen.

"Die Sender haben so etwas wie eine Flatrate bei uns Korrespondenten gebucht - sie fragen bei uns Themen an und wir liefern", lacht die Reporterin, die gerade in den ersten eineinhalb Jahren ihrer Arbeit in L.A. besonders gefragt war.

Katharina Wilhelm erlebte die USA so fiebrig, aufgewühlt und zerrissen wie wohl keiner ihrer Vorgänger am ARD-Mikrofon. Und daheim in Deutschland war das Interesse an den enormen Problemen des großen Bruders größer denn je.

Mittlerweile hat Katharina Wilhelm zumindest das Gefühl, dass die aufgeheizte Stimmung im Land der unbegrenzten Möglichkeiten etwas heruntergekühlt ist. Das gibt ihr wieder mehr Zeit und Raum sich den eigentlichen Schwerpunkten ihrer Arbeit zu widmen.

Denn während die große Politik eher das Spielfeld der Kollegen an der Ostküste ist, liegt der Fokus im Westen und ganz besonders im Großraum L.A. auf High-Tech und natürlich Hollywood.

Für die studierte Germanistin mit Schwerpunkt Film- und Theaterwissenschaftlerin ein echter Glücksfall. Allerdings erlebt sie auch hier eine Welt im massiven Umbruch.

Gerade erst hat Amazon, der Versand-Multi mit der Lizenz zum Streamen, das altehrwürdige MGM-Studio für 8,45 Milliarden Dollar geschluckt und sich damit Rechte an James Bond, Ben Hur und Rocky gesichert. Wilhelm: "Streaming-Plattformen, die auch eigene Filme und Serien produzieren, haben Hollywood komplett überrannt. Das alte Studiosystem hat viel zu spät reagiert." Mittlerweile hätten zwar auch Disney und Warner Brothers wichtige Schritte in Richtung des Streamings unternommen und eigene Plattformen geschaffen.

Der Trend jedoch gehe in den USA eindeutig weg von der Leinwand und vor den heimischen Flatscreen. Die Pandemie mit den monatelangen Schließungen der Lichtspielhäuser habe diese Entwicklung noch angeschoben. Wilhelm: "Die Leute sind auch schon vor Corona weniger ins Kino gegangen. Und das dürfte danach nicht besser werden." Zwar seien seit März die Filmtheater wieder geöffnet, die Auslastung jedoch sei auf 50 Prozent beschränkt. Das sei für einige Anbieter zum Überleben zu wenig.

Auch vor Stadt der Engel, dem Mekka der Kinematographie, mache das Kino-Sterben nicht halt. Eines der letzten Opfer war zugleich ein besonders prominentes: der Cinerama Dome. Die Kino-Ikone in Form eines halbierten Golfballes soll auch nach dem erhofften Ende der Pandemie nicht mehr öffnen. Zumindest haben das die Eigentümer im April angekündigt.

"Das löste schon eine Schockwelle in Hollywood aus. Allerdings habe ich doch die Hoffnung, dass sich da noch etwas tut, der Dome den Besitzer wechselt und wieder bespielt wird", unterstreicht die Frau vom Filmfach. Sie geht davon aus, dass Blockbuster in Zukunft vermehrt parallel ins Wohnzimmer übertragen und in Kinos gezeigt werden.

Alle wollen zu den Oscars

Aber wer um alles in der kriselnden Filmwelt kauft denn heute noch ein Kino? "Netflix zum Beispiel", antwortet Katharina Wilhelm. Das Streaming-Portal sei gerade dabei, sich eine eigene Kino-Kette zuzulegen. Warum?

"Weil diese Anbieter mit ihren eigenen Produktionen Preise gewinnen und den großen Studios Konkurrenz machen wollen." Eine Chance auf einen der berühmten Goldjungen der Academy of Motion Picture Arts and Sciences haben sie laut Reglement aber nur, wenn ihre Filme zuvor mindestens an sieben aufeinanderfolgenden Tagen in L.A. in einem Kino gelaufen sind. "Und alle wollen zu den Oscars". Natürlich auch die begeisterte Cineastin aus dem Taunus.

Im vergangenen Jahr war sie das erste Mal da. Das war noch bevor Corona die glamouröse Preisverleihung samt Promi-Auflauf in diesem Jahr zu einer Art Independent-Film-Festival eingedampft hatte. Damals, im Februar 2020, stand Katharina Wilhelm zwar nicht mit ihrem Mikrofon am "Red Carpet". Den teuren Standplatz dort leiste sich ein Privatsender, lacht Wilhelm.

Doch auch an ihrem Tisch im großen Pressezentrum der Academy, wo die Preisträger im Anschluss ihre Interviews geben, sei es ein ganz besonderes Erlebnis gewesen. "Brad Pitt oder Joaquin Phoenix so nahe zu kommen, das hat schon was - und für einen Filmfan für mich umso mehr", räumt die Journalistin ein, die vor 18 Jahren als Freie Mitarbeiterin der Taunus Zeitung erste berufliche Erfahrungen sammelte. Allerdings ist sie auch erfahren genug, um die für ihre Arbeit unabdingbare professionelle Distanz zu den Stars zu wahren. Bei den Oscars, so Wilhelm, sei das ohnehin kein Problem, da man da in einem Pulk von Reportern stehe und seine Fragen nicht stelle, sondern eher schreie.

Bei den fünfminütigen Treffen mit den Stars bei sogenannten "Press Junkets" oder jetzt bei Zoom-Konferenzen wie gerade erst mit Matthias Schweighöfer oder Bob Odenkirk sei es immer wichtig, sich klar zu machen, warum man sich gegenübersitzt. Wilhelm: "Wir machen beide nur unseren Job. Hier der Star, der einen neuen Film, ein neues Buch oder Musikalbum verkaufen will, und da die Journalistin, die darüber berichtet."

Nur einmal sei ihr das mit dem Distanzhalten nicht ganz so gut gelungen. Und dafür dürfte zumindest jeder Königsteiner absolut Verständnis haben: "Ich hatte die Gelegenheit, den Filmkomponisten Hans Zimmer zu interviewen, von dem ich natürlich wusste, dass er in Falkenstein aufgewachsen ist. Da habe ich mich dann doch als Königsteinerin zu erkennen gegeben und ihn um ein Selfie gebeten. Im Gegenzug bekam er von mir eine Postkarte mit viel Frankfurter Lokalkolorit. Ich glaube, darüber hat er sich wirklich gefreut", strahlt Katharina Wilhelm über diese ganz besondere Sequenz in ihrem Traum von einem Job.

"Ich fürchte, es ist nur eine Verschnaufpause"

Katharina Wilhelm hat die USA in Zeiten größter Unruhe und Spaltung erlebt. Im Gespräch mit unserer Zeitung blickt sie zurück und voraus.

Frau Wilhelm, Trump ist nicht mehr im Amt, Biden ist da - ist jetzt alles wieder gut?

Ganz sicher nicht. Ich denke aber, dass man das auch nicht erwarten konnte. Der Riss, der durch das Land geht ist tief - so etwas heilt nicht von heute auf morgen.

Wie nehmen Sie das öffentliche Leben in den Vereinigten Staaten derzeit wahr?

Es ist natürlich deutlich ruhiger geworden. Alles erscheint nicht mehr so rastlos, so gehetzt. Daran dürfte neben dem Ende des Wahlkampfs das weit verbreitete Gefühl, dass die Corona-Pandemie ein Ende hat, einen nicht unerheblichen Anteil haben.

Ist das so - ist Corona in den USA vorbei?

Zumindest gefühlt ist das wohl für viele US-Amerikaner so. Wir erleben das auch im Alltag in L.A.. Gastronomie, Kinos, Theater - alles hat wieder offen. Zwar gilt noch die Maskenpflicht im öffentlichen Raum. Aber während wir sie brav tragen, sieht man sie bei anderen Leuten doch immer seltener. Zeitgleich ist auch zu beobachten, dass die Impfbereitschaft drastisch zurückgeht.

Klingt doch ein wenig fahrlässig ...

Ist es vermutlich auch. Allerdings haben viele Amerikaner sehnlichst auf diese Atempause gewartet. Vielleicht sogar mehr als die Deutschen. Der polarisierende Wahlkampf, die Demonstrationen und Unruhen, der Sturm auf das Kapitol und dann auch noch die Pandemie - all das war kraftraubend.

Wie waren die ersten eineinhalb Jahre im neuen Job mitten in all diesen Turbulenzen für Sie?

Arbeitsreich, sehr arbeitsreich (lacht). Aber das war nicht das Problem. Wenn auch ich jetzt froh bin, dass ich einmal durchschnaufen kann, dann ist das vor allem diesem fiebrigen gesamtgesellschaftlichen Klima geschuldet, in dem meine Kollegen und ich unseren Job zu machen hatten. Das hat die Zeit unglaublich anstrengend gemacht.

Und gefährlich?

Ich musste Gott sei Dank keine negativen Erfahrungen machen. Auch nicht als ich in Portland von den Unruhen im Zuge der Black-Lives-Matter-Demonstrationen berichtete. Das ging meinen Kollegen in Washington teilweise leider anders. Aber natürlich ist man sich bewusst, dass man als Pressevertreter für einige der Feind ist.

Wie stellt man sich da ein?

Ich bemühe mich immer, sehr freundlich auf die Menschen zuzugehen, meinen Gegenüber fair zu behandeln und ihm zuzuhören. Unabhängig davon, ob mein Gesprächspartner jetzt pro Biden oder pro Trump ist. Meine Aufgabe ist es ja, ein möglichst umfassendes Bild von dem nach Deutschland zu transportieren, was in den USA passiert. Und dazu gehört zwingend, dass man beide Seiten hört. Zumal man nicht vergessen darf, dass fast 75 Millionen US-Amerikaner Trump gewählt haben.

Nun ist L.A. nicht gerade das, was man sich unter einer Trump-Hochburg vorstellt ...

Das ist sicher richtig. Generell gelten weite Teile Kaliforniens doch als sehr liberal. In der Nacht als Bidens Wahl feststand, wurde auf den Straßen in unserer Nachbarschaft getanzt. Man muss sich aber immer bewusst sein, dass man in seiner eigenen privaten Blase lebt. In Orange-County, keine Stunde weg von unserem Zuhause, ist das schon ganz anders. Da fuhren - fast klischeehaft - die Pickup-Trucks mit Sternenbanner und Trump-Fahnen durch die Straßen.

Haben denn die Trump-Befürworter überhaupt mit Ihnen gesprochen?

Nicht alle, aber doch einige. In meinem Fall war es da sicher ein Vorteil, dass ich für die ARD und nicht für einen US-amerikanischen Sender arbeite.

Warum?

Gerade die großen Fernsehsender in den Vereinigten Staaten sind sehr klar politischen Lagern zuzuordnen. Ich selbst höre am liebsten Radio oder lese Zeitung, da ich das Fernsehen hier nur schwer ertrage. Es geht immer darum, dass man die krassesten Schlagzeilen sendet, der Breaking-News-Ticker läuft eigentlich in Dauerschleife. Die Aufgeregtheit wird auf diesem Weg künstlich hoch gehalten und mit sehr viel mehr Meinung als Berichterstattung befeuert. Es geht um Quote, Quote, Quote.

Wird es Biden gelingen, die gespaltene Nation wieder zusammenzuführen?

Das ist nach so kurzer Zeit noch nicht absehbar. Was man zumindest sagen kann, ist, dass man jetzt eine Administration hat, die einen doch freundlicheren Umgangston anschlägt. Aber auch die Regierung Biden folgt in Teilen durchaus noch dem Kurs der Trump-Administration - zum Beispiel gegenüber China, Migranten oder auch der EU. "America first" ist nicht vom Tisch - das zeigte sich ja gerade auch bei der Impfstoff-Beschaffung.

Wie sieht es im Land aus?

Da warten die gravierenden Probleme darauf, gelöst zu werden. Die sozialen Ungerechtigkeiten, der Rassismus - das sind Themen, die sich nicht mit einem Federstrich des Präsidenten aus der Welt schaffen lassen. Das kann beim nächsten großen Vorfall, wie der Tod von George Floyd einer war, schnell wieder explodieren. Ich hoffe zwar, dass die spürbare Beruhigung von Dauer ist, aber ich fürchte, es ist nur eine Verschnaufpause.

Zur Person

Katharina Wilhelm ist ein Kind der Kurstadt. In Königstein, wo ihre Mutter und ihr Onkel heute noch zu Hause sind, ist sie aufgewachsen, hier hat sie bis zur elften Klasse die St. Angela-Schule besucht und anschließend am Immanuel-Kant-Gymnasium in Kelkheim das Abitur gemacht. Den Weg in den Journalismus ist sie nach der Schule auf die ganz klassische Art gegangen - mit reichlich Praktika, Freier Mitarbeit, Studium und Volontariat.

Startpunkt auf diesem Weg war ein Praktikum bei der Taunus Zeitung in 2003. Als freie Mitarbeiterin berichtete sie anschließend über das Geschehen in und um Königstein, bevor sie Block und Bleistift mit Aufnahmegerät und Mikrofon vertauschte. Bei Hit Radio FFH machte Katharina Wilhelm mit Straßenumfragen nicht nur ihre ersten Gehversuche, sondern verliebte sich auch schnell - ins Radiomachen.

Wilhelm: "Der Reiz liegt für mich gerade darin, dass es eine ganz ursprüngliche Form des Erzählens ist. So wie Menschen schon immer Geschichten weitergegeben haben".

Fünf Jahre blieb sie beim Sender in Bad Vilbel, durchlief zeitgleich ihr Studium um danach ein Volontariat beim Hessischen Rundfunk (HR) anzutreten. Nach der Ausbildung arbeitete die junge Frau in den folgenden Jahren als "Freie" im Redakteurs-Pool des HR und zudem noch für den Kinderkanal des ZDF. In diese Zeit fallen auch ihre ersten Einsätze auf der anderen Seite des großen Teichs. Als Urlaubsvertretung für ihre Kollegin in L.A. flog sie acht Jahre lang immer wieder in den Einsatz. Eine Aufgabe, die sie begeisterte. Wilhelm: "Natürlich war da immer die leise Hoffnung, dass ich einmal kommen würde, um zu bleiben. Aber ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich es auch wirklich schaffen würde."

Als sich dann doch die einmalige Chance bot, für die ARD an die Westküste zu gehen, musste Katharina Wilhelm nicht lange überlegen. Zumal ihr Mann, der selbst in den USA studiert hatte, bereits seine volle Unterstützung signalisiert hatte.

Mit ihm und dem damals zweijährigen Sohn ging es im Juli 2019 über den großen Teich. Und da blieb das Trio auch seitdem - Corona bedingt. Katharina Wilhelm selbst hatte eineinhalb, ihr Mann sogar zwei Jahre und zwei Impfungen warten müssen, bis sie in diesen Tagen endlich einmal Familie und Freunde in Deutschland wiedersehen konnten. Mittlerweile ist der "Heimaturlaub" vorbei und die Königsteinerin an der Westküste wieder auf Sendung. sj

Zwei, bei denen die Verständigung schwierig gewesen sein könnte: Katharina Wilhelm und Star-Wars-Ikone Chewbacca bei einer Premiere.
Auch das gehört zum Job: Bei den Protesten in Portland sprach Katharina Wilhelm mit BLM-Demonstranten und Trump-Unterstützern.

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